Zbyněk Sekal, Giulio Camagni und Gustavo Mendez-Liska in der Artmark Galerie

31.10.16

In der Wiener Galerie Artmark sind bis 19. November zwei Ausstellungen zu sehen, die drei Künstler zusammenspannen, welche mit ähnlichen Materialien und Farbgebungen arbeiten, jedoch grundsätzlich voneinander abweichende inhaltliche Ansprüche verfolgen: Zbyněk Sekal - "Magische Verschwiegenheit“ sowie „Hommage à Sekal" mit Arbeiten von Giulio Camagni und Gustavo Mendez-Liska, die im Wesentlichen in den letzten zwei Jahren entstanden sind.

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Zbyněk Sekal (artmark Galerie/Foto: © Andrea Peller)

„Magische Verschwiegenheit“  – Zbyněk Sekal

Die Ausstellung zeigt unterschiedliche Werkgruppen des in Prag geborenen und in Wien gestorbenen Künstlers Zbyněk Sekal (1923–1998). In Zusammenarbeit mit der Witwe des Künstlers, Christine Sekal, hat Thomas Mark Bronzen, Papierarbeiten, Materialbilder, Wandobjekte und zwei Werke aus der umfangreichen Serie der „Schreine“ ausgewählt. Neben zwei Arbeiten, die Sekal in Gedenken an den österreichischen Künstler Johann Fruhmann und an den ehemaligen Direktor des 20er Hauses, Alfred Schmeller, geschaffen hatte, ist ein Bronzeguss aus den späten 1950er-Jahren mit dem Titel „Behausung“ ausgestellt. Die Bronzearbeit mit ihrem raumdurchlässigen Charakter und einer durchbrochenen, allseitigen Öffnung bereitet formal die seit Anfang der 1980er-Jahre entstehenden „Schreine“ vor, in denen Sekal um ein Fundstück herum mit gesammelten Holzleisten eine Art schützende Hülle baute. Die Dichte und Offenheit der Konstruktion seiner sachlich-kubisch aufgebauten Strukturen variieren je nach individueller Beschaffenheit der Fundobjekte. Mit den „Gerüsten“, wie Sekal diese Arbeiten auch bezeichnete, stellt der Künstler Gefundenes visuell in den Mittelpunkt, definiert es als wertvolles Kleinod und verleiht dadurch den ärmlichen, gewöhnlichen und alltäglichen Materialien, Überbleibseln unserer Konsumgesellschaft wie korrodierten Blechen, alten Nägeln, Holzplatten oder Draht, eine schlichte Aura der Magie. Hier zeigt sich Sekals Naheverhältnis zur „Arte Povera“, das ebenso für die anderen Exponate gilt.

So entpuppen sich zum Beispiel die Bestandteile einer Papiercollage als Reste seiner eigenen Zigarettenkippen oder die beiden Wandobjekte mit dem Titel „Geflecht“ als im Sperrmüll gefundene Kupferdrähte, denen Sekal in mühevoller Kleinarbeit die Kunststoffisolierung nahm und sie mittels feiner Zangen als dichtes Flechtwerk einer neuen inhaltlichen Bestimmung zuführte.         

Hommage à Sekal" – Giulio Camagni und Gustavo Mendez-Liska

In unmittelbarem Zusammenhang mit der Ausstellung von Zbyněk Sekal steht die Präsentation der Werke des Italieners Giulio Camagni und des aus Venezuela stammenden Gustavo Mendez-Liska. Dialogisch aufgebaut sind in der Schau „Hommage à Sekal" Aquarelle, Acrylbilder, Papierarbeiten, Holzmontagen und -plastiken der beiden Künstler einander gegenübergestellt. Gleichermaßen wie Sekal arbeiten die beiden Künstler teils auch mit einfachen Materialien wie Asche, Ruß oder Fundstücken aus Holz und Metall. Mit ihren Werken treten Camagni und Mendez-Liska immer wieder in einen sensiblen Dialog mit ihrer Umwelt, indem sie zufällig Gefundenes in eine künstlerische Ordnung überführen.

Nach einem Studium am Federico Brandt Art Institut in Caracas übersiedelte Mendez-Liska 1991 nach Wien, um sich bei Josef Schulz in der Meisterklasse für Tapisserie an der Akademie der bildenden Künste ausbilden zu lassen. Seine Arbeiten sind charakterisiert durch Keilformen, meist vertikale Strukturen und die Fuge als zentrales gestalterisches Element, das den ersten optischen Zugang zu den Arbeiten erlaubt. „Eine jede Fuge hat Tiefe“, so der Künstler im Gespräch, „mittels der man visuell und gedanklich ins Werk einsteigen kann“.

Mit Sperrholzstücken, die er mit einem Kreidegrund versieht, in der Folge monatelang verwittern lässt und dann mit Ruß, Tusche und Asche überarbeitet, schafft Mendez-Liska reliefartige Wandobjekte, die in ihrer Schichtung an seine lasierenden Malereien erinnern, die ebenso eine Tiefenillusion hervorrufen.

Obgleich der Südamerikaner seine Werke als ungegenständlich bezeichnet, lässt er hin und wieder doch figurative Assoziationen zu. In seinen Holzmontagen, in denen er mittels abgeschliffener Farbpartien die Holzmaserung akzentuiert, spricht er von Bäumen und Wald. Ähnlich zufällig entstehende Assoziationen lassen sich auch in den Arbeiten Giulio Camagnis feststellen. Seine durchwegs horizontal aufgebauten Leinwände verleiten dazu, sie als Landschaften zu interpretieren. Camagni, der nach einem Kunststudium in Mailand und einem Kurs bei Eva Wagner an der Sommerakademie Salzburg 1993 schließlich nach Wien übersiedelte, faszinieren hingegen Oberflächenstrukturen von verputzen Mauern und Asphalt oder die Patina antiker Sarkophage. „Ich erkenne auch in Zebrastreifen Landschaften“, konstatiert der Künstler im Gespräch und verweist in diesem Kontext auf seine jüngsten kleinformatigen Aquarelle. Erste Blätter dieser mit „Fragmente“ betitelten Serie entstanden in diesem Sommer am Meer in Apulien, wo Camagni die Farbe des Kieses am Strand und der umliegenden Felsen einzufangen suchte. Der Zufall spielt eine gewisse Rolle bei den Aquarellen: So finden sich Spuren von Steinen auf den Blättern, mit denen Camagni die noch nassen Aquarelle beschwert hatte, damit der Wind sie nicht fortträgt. Assoziationen von Wolkenformationen stellen sich ein, obgleich Camagnis „Fragmente“ nur Ausschnitte aus größeren Blättern sind, die er teilweise kopfüber präsentiert. „Der Skorpion“, so nennt Camagni inoffiziell ein Objekt, das er unbewusst ganz im Sinne Sekals realisiert zu haben scheint. Die Kombination aus korrodierten Regenrinnenbefestigungen und einem alten Holzbalken stand seit 2013 in der Scheune seines Vaters in Italien, bis es der Künstler vor kurzem zu sich nach Wien holte, um es in der Ausstellung zu zeigen.

Sowohl Camagni, als auch Mendez-Liska, der das Werk von Zbyněk Sekal bis vor zwei Jahren nicht kannte, glätten wie Sekal keine Oberflächen, belassen bestehende Strukturen des Materials und wertschätzen Dinge, die als Abfallprodukte unserer Konsumgesellschaft bei kaum jemandem Beachtung finden.

bis 19. Nov. 2016

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