WOMAN | mumok

15.05.17
Birgit Jürgenssen, Nest, 1979 S/W-Fotografie / b/w photography © Estate Birgit Jürgenssen / Courtesy of Galerie Hubert Winter, Wien / Bildrecht Wien 2016, SAMMLUNG VERBUND, Wien

Gender Pay Gap, mangelnde Kinderbetreuungsplätze, ein veraltetes Frauenbild – und bis heute hat keine Frau den österreichischen Pavillon auf der Biennale als Solo bespielt: Von Gleichberechtigung sind wir nach wie vor weit entfernt. Doch wer meint, derzeit einen Backlash zu erleben, der sollte sich die Situation von Frauen in den 1970er-Jahren vor Augen führen. Die Restriktionen, denen man damals unterworfen war, sind heute für eine westliche Frau kaum mehr vorstellbar. Ein Mann durfte seiner Frau verbieten, Geld zu verdienen. Vergewaltigung in der Ehe war kein Delikt.

Damals kämpften nicht nur Aktivistinnen, sondern auch die Kunst gegen diese himmelschreienden Zustände. Die Ausstellung "Woman. Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre" im mumok versammelt 300 Kunstwerke aus der Sammlung Verbund, die ebendas vorführen, von Künstlerinnen, die zwischen 1933 und 1958 geboren sind – vorwiegend Fotografie, Zeichnung, Performance und Videoarbeiten. Seit einem Jahrzehnt fokussiert sich die Leiterin der Unternehmenskollektion, Gabriele Schor, auf Arbeiten von Künstlerinnen wie Birgit Jürgenssen, VALIE EXPORT, Lynda Benglis und Cindy Sherman; dazu grub sie auch vergessene Positionen aus – etwa die Schweizerin Renate Eisenegger. In ihrer Fotoserie "Hochhaus (Nr. 1)" von 1974 dokumentiert sie eine Performance in einem Hochhaus, in dem sie auf einem Gang sitzt und mit einem Bügeleisen über den ohnehin schon spiegelglatten Linoleumboden streicht: eine selbstgenügsame Übung, so, als könnte es nicht perfekt genug sein. Der sterile Gang des Hochhauses spiegelt die Ausweglosigkeit, die Kälte, in der diese Hausfrau gefangen ist: Der einzige Ausweg führt zum Fenster, durch das zu fliehen wohl im Tod enden würde. Das Eingesperrtsein in die Zwänge des Hausfrauenalltags ist überhaupt ein großes Thema hier: Da wimmelt es nur so vor Bügelbrettern, Öfen und Waschmaschinen. Nil Yalter kocht türkische Gerichte, die sexistisch angehauchte Namen wie "Frauenschenkel" oder "Damennabel" tragen, während Karin Mack in ihrer Fotoserie einen "Bügeltraum" performt: Sie bügelt und legt sich schließlich, schwarz gekleidet, mit Trauerschleier, auf das Bügelbrett. Birgit Jürgenssens Tigerfrau krallt sich, im Hintergrund ein biederes Wohnzimmer, an ein Gitter und will sich so aus der Hausfrau-und-Mutter-Rolle befreien.

Auch frühe Werke von Künstlerinnen, die eigentlich für andere Arbeiten bekannt wurden, hob Sammlungskuratorin Gabriele Schor: ORLAN, die mit ihren Beauty-OPs Aufsehen erregte, ist hier mit subtileren Arbeiten vertreten – ihre Performance "Se vendre sur les marchés en petits morceaux" von 1976, in Fotografien dokumentiert, führte sie auf einen Gemüsemarkt, wo sie Fotoausschnitte ihres Körpers feilbot: Ohr, Augenpaar, Arm hängen auf einer Leine und warten auf ihre Abnehmer. Damit spielt sie nicht nur auf die Fragmentierung des weiblichen Körpers, sondern auch auf dessen "Marktwert" in einer patriarchalischen Gesellschaft an.

Ein eigener Raum ist Renate Bertlmann gewidmet: Dass dieser erst kürzlich der Große Österreichische Staatspreis zugesprochen wurde, ist gewiss mit ein Verdienst der Verbund-Aktivitäten. Denn seit Jahren begleitet Schor die Künstlerin, publiziert über ihr Werk und rückte sie ins Rampenlicht. Im mumok zeigt man gewissermaßen eine Mini-Personale, mit ihren frühen Performances, etwa wo sie als schwangere Braut im Rollstuhl sitzt, begleitet von Kindergeschrei; eine Installation aus den 1970er-Jahren, bei der man auf einem Betstuhl sitzen und den "Hl. Eros" anflehen kann, wurde für die Ausstellung rekonstruiert. Man merkt es schon: Nicht immer fahren die Künstlerinnen die feine Klinge – auch manche von Bertlmanns Arbeiten sind ziemlich plakativ. Doch darin artikuliert sich auch die unmittelbare Botschaft, das aktivistische Potenzial dieser Arbeiten. 

Mit der Ausstellung gelingt ein wichtiger Beitrag zur Revision der Kunstgeschichte dieses Jahrzehnts. Freilich suggeriert das Label "Feministische Avantgarde", dass es sich dabei um eine internationale Strömung, um vereinte Anstrengungen gehandelt habe. So, wie die Kunstwerke hier versammelt und gehängt sind, in ihrer oft auch formalen Ähnlichkeit, wird es zudem nahe gelegt. Tatsächlich waren die feministischen Künstlerinnen allerdings nicht ganz so gut vernetzt, wie es hier erscheinen mag; viele, die in verschiedenen Städten oder Ländern arbeiteten, wussten voneinander nicht einmal; ihre Arbeiten behandelten ähnliche Themen und entstanden unabhängig voneinander. Nun wurden sie zusammengeführt.

WOMAN
FEMINISTISCHE AVANTGARDE DER 1970ER-JAHRE aus der SAMMLUNG VERBUND

bis 3. September 2017

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