Wolfgang Wirth | Grenzgänger im Feld der Malerei

06.11.17
Territory IV, 2016, Acryl und Gouache auf Pigmentdruck, 38 x 54 cm | © Birgit und Peter Kainz

Wolfgang Wirths Arbeit Bordering Stone (2006) zeigt einen Grenzstein zwischen der Mongolei und China – eine Markierung inmitten einer Steppenlandschaft, die eigentlich unmarkiert ist – und bildet den Ausgangspunkt für Wolfgang Wirths konsequente künstlerische Auseinandersetzung mit Raumgrenzen. "Die Markierung ordnet und bestimmt, wie ein Gebiet gesehen wird", so der Tiroler Künstler, "eine Leinwand ist wie ein Territorium, das durch den Prozess des Malens ausgehend vom ersten Pinselstrich definiert wird."

Wolfgang Wirths Malerei beschäftigt sich mit (inneren) Räumen und Grenzen sowie deren Auflösung beziehungsweise Verschiebung. Besonders deutlich wird dies in seinen Kartenbildern, einer neueren Werkserie. Als Arbeitsmaterial dienen dem Künstler (*1966) hierbei historische Kartendrucke und Postkarten: "Objekte, die schon sehr viel Blickgeschichte hinter sich haben", wie Wirth es beschreibt, der einen regelrechten Bildfundus zuhause hat. So stellt Wirth etwa in seinen Arbeiten Plissee I und II (2014) zwei Karten des k.u.k. militär-geografischen Institutes gegenüber, die den Alpenhauptkamm zwischen Österreich, Italien und der Schweiz abbilden. Die Karten basieren auf derselben Druckplatte, wobei eine Karte (Plissee II) die Staatsgrenze zwischen den Ländern zeigt und demnach im Gegensatz zur anderen Karte (Plissee I), nach dem Vertrag von Saint-Germain, also nach 1919 gedruckt wurde. Beide Karten waren bereits geschnitten und auf Leinen kaschiert, um sie falten zu können. Die unterschiedliche Form der geschnittenen Segmente bildet die formale Basis der beiden Arbeiten, wobei Wirth die Segmentstrukturen auf die jeweils andere Karte in Form von lasierten, opaken Rechtecken übertrug und somit neue, willkürliche Grenzen schuf. Es entstanden malerische Arrangements, die eine völlig andere visuelle Erfahrung der ursprünglich dargestellten alpinen Höhen möglich machen, das Verhältnis von Realität und Abbildung hinterfragen sowie unterschiedliche Sinn- und Bedeutungseinheiten entstehen lassen. "Als individuelle Umgebung oder als Lebensraum ist Landschaft von unsichtbaren Linien, Grenzen und Barrieren durchzogen und in ständiger Bewegung. So wie Wirths Flächen abstrakt und doch abbildhaft als ein Volumen über dem Gelände oszillieren", schreibt Kuratorin Gabriele Mackert in der 2017 erschienenen Publikation "Wolfgang Wirth – Topologien der Malerei", S. 130.

Wirths Serie Territory (2016) basiert auf einer Karte des Osmanischen Reichs des französischen Kartographen Auguste-Henri Dufour von 1863. Wirth überzog einen reproduzierten Ausschnitt der Karte von Dufour mit dem heutigen Syrien im Zentrum in akribischer Feinarbeit mit vier Schichten geometrischer, arabesker Muster, die in ihrer Dichte das Informationspotenzial der Karte stark beschränken. Die übereinandergelegten Muster erzeugen bei längerem Betrachten den Eindruck von Flimmern, Schillern und Vibrieren. Die Realität des Territoriums, das hier dargestellt wird, sei derart verwirrend, dass der Verstand umso mehr aussetze, je mehr man sich mit der Situation in Syrien beschäftige, so der Künstler. "Da gibt es einfach keine Logik", meint Wirth, sie übersteige schlichtweg die Grenzen der Wahrnehmung. Die Arbeiten der Territory-Serie erscheinen auf visueller Ebene extrem reizvoll, stellen andererseits aber auch die Konfusion, das Dilemma der Region dar. Der Künstler setzte sich intensiv mit dem arabischen Frühling auseinander und ihm fiel auf, dass Führungspersönlichkeiten der arabisch-islamischen Kultur in den Medien oft vor einem Hintergrund aus arabischen Mustern zu sehen sind, in denen sich die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen leicht verlieren kann. Die für Territory V verwendeten Arabesken entnahm Wirth dem Plenarsaal des syrischen Parlaments in Damaskus, genau genommen von Holzintarsien aus dem Bereich des Rednerpults – eine Anspielung des Künstlers darauf, dass eigentlich im Parlament entschieden werden solle, was mit Syrien geschieht.

Dem Künstler, der in der "ausführlichen Betrachtung der Welt" seine größte Inspiration sieht, geht es in seinen Arbeiten immer wieder um Fragen der Sichtbarkeit im Kontext von Malerei. Diese gipfelt in Wirths schwarzen Bildern wie zum Beispiel Black Land (2015) oder Ad Reinhardt III (2015), bei denen durch die Geste des Malens – in diesem Fall durch Verdecken der darunterliegenden Informationen einer Landkarte – die Materialität der Karte wie auch der aufgetragenen Farbe sichtbar gemacht wird. Auch bei der Arbeit Territory, der ein Original der Karte Dufours zugrunde liegt, wurde diese mit einer Vielzahl schwarzgrauer Farbschichten überzogen. Bei längerem Hinsehen gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit, schemenhaft lassen sich Informationen der Karte darunter erahnen. "Wirths sattes und tiefes Schwarz absorbiert zum einen die Absichten der Karte, verhandelt zum anderen aber auch die Unmöglichkeit, die Gegenwart Syriens überblicken zu können", schreibt der deutsche Kurator Gürsoy Doğtaş („Wolfgang Wirth – Topologien der Malerei“, S. 22). So stellt diese Arbeit neben der Geste der Überlagerung durch unterschiedliche Muster eine noch radikalere Form der Abstraktion dar, die das Territorium auf einen informativen Nullpunkt zurückführt – resignierend und hoffnungsstiftend zugleich.

Ebenso wie die Frage nach dem Verhältnis von Malerei und Realität steht auch die Frage nach der eigenen Position, dem Verhältnis von sich selbst zur Realität im Zentrum seiner Auseinandersetzung. Basierend auf der kontinuierlichen Beschäftigung mit Malereitheorie und Bildwissenschaften verhandelt Wirth derartige Verortungsfragen in seiner Malerei und tut dies mit den Mitteln der Malerei selbst. Dabei entstehen technisch aufwendige und faszinierende Bildgefüge, die Bekanntes in irritierenden malerischen Räumen/Kontexten positionieren, gleichzeitig aber visuell logisch erscheinen lassen. Wolfgang Wirths Arbeiten sind derzeit in einer Einzelausstellung im Rabalderhaus in Schwaz/Tirol zu sehen sowie im Frühjahr 2018 in der Galeria Belo-Galsterer in Lissabon, Portugal.

Wolfgang Wirth – Orte des Sehens
Rabalderhaus, Schwaz, Tirol
bis 12. November 2017

Galeria Belo-Galsterer, Lissabon, Portugal
29. März bis 31. Mai 2018