WERTVOLLE LICHTBILDER. DIE FOTOSAMMLUNG DER ALBERTINA

04.11.15

„Die lichtempfindliche Schicht, Platte oder Papier ist ein unbeschriebenes Blatt, worauf man mit Licht so notieren kann, wie der Maler mit seinen Werkzeugen." (László Moholy-Nagy, 1928)

Fotografie ist eine Kunstform des Lichts. W. H. F. Talbot, der Erfinder des Negativ-Positiv-Verfahrens, betitelt sein erstes Fotobuch (1844/46) „The Pencil of Nature“ (1844/46), denn allein das natürliche Licht zeichnet die Bilder der Wirklichkeit auf ein durch Chemikalien lichtempfindlich gemachtes Papier. Mit der Wiener Albertina hat erstmals ein österreichisches Bundesmuseum seine permanenten „Galleries for Photography“. Die Pfeilerhalle ist fortan ausschließlich dem lichtsensiblen Medium gewidmet, jährlich werden zwei Sonderausstellungen und eine Schwerpunkt-Schau aus der umfangreichen, breitgefächerten, international ausgerichteten Fotosammlung der Albertina, deren Gesamtbestand rund 100.000 Werke umfasst, präsentiert.
Der bemerkenswerte Fundus setzt sich aus vier Sammlungen zusammen: dem historischen Bestand der Albertina, den Fotografien der Höheren Graphischen Bundes-Lehr und Versuchsanstalt Wien (mit rund 70.000 Arbeiten und historischen Kameras herausragend), dem großen Bildarchiv des Langewiesche-Fotobuchverlags und den Neuankäufen seit 1999 unter Direktor Klaus Albrecht Schröder.
Die Albertina erwirbt Lichtbilder bereits aus der experimentierfreudigen Anfangsphase des Mediums, passt doch das moderne, technische Reproduktionsverfahren ins Profil der auf Druckgrafik spezialisierten Sammlung. Von den 1850er-Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts wird rege angekauft. Erschlossen und aufgearbeitet wird der Bestand erst 100 Jahre später, als unter dem neuen Direktor die Fotoabteilung (Leitung: Monika Faber) gegründet und die Sammlung durch gezielte Zuwächse – historische Fotografie, Street-Photography sowie zeitgenössische Fotokunst mit Fokus auf junge österreichische Positionen – systematisch erweitert wird.
Am 19. August 1839 verkündigt die Akademie der Wissenschaften in Paris offiziell die Erfindung der Fotografie und stellt das Verfahren jedermann zur freien und unentgeltlichen Nutzung zur Verfügung. Der Franzose L. J. M. Daguerre wird als Erfinder gefeiert, der Siegeszug des Lichtbilds beginnt. In der nach ihm benannten Daguerreotypie wird eine lichtempfindlich gemachte Kupferplatte belichtet, durch verdampfendes Quecksilber entwickelt und anschließend fixiert. Jede Aufnahme ist ein Unikat, von gestochener Schärfe und feinster Zeichnung.
Herausragende Daguerreotypien befinden sich in der Albertina Sammlung, rund 480 Stück, die für eine von der EU finanzierte Datenbank der wichtigsten europäischen Sammlungen an Daguerreotypien digitalisiert und online gestellt werden.
Eine besondere Kostbarkeit ist die Aufnahme von Andreas Ritter von Ettingshausen mit der Wiener Hofreitschule und dem alten Burgtheater, die älteste Daguerreotypie in der Sammlung (vor Juni 1840 entstanden) und eine der jüngeren Erwerbungen des Museums, die nur mit Hilfe eines privaten Sponsors angekauft werden konnte. Das Präsentieren dieser lichtsensiblen Raritäten ist sehr aufwendig in lichtreduzierten Spezialvitrinen und zeitlich beschränkt (oft nur auf einen Monat). Dann müssen die Objekte wieder Jahre ruhen, denn die Chemikalien reagieren immer noch auf Licht.
Der anfangs genannte Talbot, Daguerres englischer Konkurrent, belichtet 1840 ein mit Silbernitratlösung durchfeuchtetes Papiernegativ und erzeugt durch direkte Sonneneinstrahlung eine positive Kontaktkopie. Dieses Verfahren setzt sich in Zukunft durch.
Die Aufgabe des neuen Mediums ist zunächst eine ausschließlich dokumentierende, man holt sich „die Realität ins Archiv“. So werden die Abrissarbeiten an der Wiener Stadtmauer 1860-62 im Auftrag der K. K. Hof- und Staatsdruckerei fotografisch festgehalten. Aufnahmen von Gustav Jaegermayer im Zuge einer Expedition verewigen die österreichische Gletscherlandschaft.
Erst mit den Amerikanern Stieglitz und Steichen und dem Deutsch-Österreicher Heinrich Kühn erhebt die Fotografie den Anspruch, ein künstlerisches Medium zu sein. Kühn experimentiert mit speziellen Blenden und Filtern und wendet den Gummidruck an, um das technisch generierte Bild möglichst malerisch-verschwommen aussehen zu lassen. Der Piktorialismus orientiert sich am Impressionismus, die charakteristischen Eigenschaften der Fotografie, Präzision und Objektivität, werden verleugnet.
Rudolf Koppitz, wichtiger Lehrer an der „Graphischen“, zählt ebenfalls zu den Piktorialisten. Seine berühmt gewordenen fotografischen Bewegungsstudien (1925/26) sind genau durchdachte Kompositionen, die von der Ästhetik des Symbolismus und Jugendstils geprägt sind.
Während der Piktorialismus in Österreich bis in die 1930er-Jahre weiterbesteht, wird Fotografie am Bauhaus in Deutschland präzise und sachlich eingesetzt. Von Walter Gropius beauftragt, fotografiert Lucia Moholy den Gebäudekomplex in Dessau. Doch: Um die kubische Form der Architektur zu betonen, werden die Gebäudekanten in der Retusche mit Linien nachgezeichnet! Für den Langewiesche-Verlag fotografieren seit den 1920er-Jahren viele neusachliche Avantgarde-Positionen wie Albert Renger-Patzsch, Lucia Moholy und Elisabeth Hase. Ihr avantgardistischer Blick, ihre unkonventionellen Perspektiven erinnern an Alexander Rodtschenko, eine Schlüsselfigur für das „Neue Sehen“.
Einen großen Schwerpunkt in der Sammlung der Albertina bildet die Street-Photography, deren Hauptvertreter Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre Robert Frank, William Klein und Garry Winogrand sind. Durch die Kleinbildkamera wird Fotografieren mobiler, „unauffälliger“, neue Blickwinkel und Ausschnitte werden ausprobiert. Die Fotografen halten das alltägliche amerikanischen Leben und das Tempo der Großstädte fest. Bars und Clubs sind die bevorzugten Schauplätze von Lisette Modell, die die Akteure des Nachlebens schonungslos-voyeuristisch darstellt. Als europäischer Protagonist der Street-Photography sei Henri Cartier-Bresson, Meister der perfekten Bildkomposition, genannt.
In der aktuellen Sammlungspräsentation „Black & White“ sind diese Meilensteine der Fotografiegeschichte (allerdings keine Daguerreotypien) zu bewundern. Sie soll einen Blick auf die historische und thematische Vielfalt der Sammlung ermöglichen und beschränkt sich auf das, in der künstlerischen Fotografie bis in die 1970er-Jahre übliche, Schwarzweiß. Eine Ausstellung zur New Color Photography verspricht Walter Moser, Leiter der Fotosammlung, für demnächst.
Auffallend ist die starke Präsenz japanischer Fotografen: Von Daido Moriyama, Seiichi Furuya und Masahisa Fukase sind wichtige Serien gehängt. Mehr wird im Jänner 2016 zu sehen sein in der Ausstellung „Provoke. Japanische Fotografie zwischen Protest und Performance“, die gemeinsam mit dem Art Institute of Chicago, dem Fotomuseum Winterthur und dem Le Bal in Paris erarbeitet wird.

 

Black & White. Bis 17. Jänner 2016, Albertina Wien, Albertinaplatz 1, 1010 Wien, www.albertina.at

 

 

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