Vulgär? Fashion Redefined

13.03.17
Foto: © Belvedere, Wien, 2017

Was steckt hinter dem Begriff des "Vulgären"? Und wie spielt die Mode mit diesem begrifflichen Geschmacksurteil? Bis Ende Juni zeigt das Winterpalais Kreationen namhafter Modedesigner und regt an über Konzepte wie Geschmack, Trend und Provokation nachzudenken.

Bis Februar präsentierte das Barbican Center in London "The Vulgar", eine statische Modeschau rund um das Wort "vulgär". Vom englischen wurde diese Ausstellung nun nach Wien übersetzt. Begrifflich und räumlich erweitert das Belvedere damit das Originalkonzept. Denn so wie der Begriff des Vulgären Gegensätzliches und Bruchstellen thematisiert, so fügt sich die Gegenüberstellung von Barbican und Winterpalais.

Das englische "vulgar" ist in seiner Bedeutung bewusst vom deutschen "vulgär" zu unterscheiden, ebenso wie das brutalisitische Barbican einen Kontrast zum hochbarocken Palais des Prinz Eugen stellt.

Im englischen Sprachraum bezeichnet das Vulgäre, das Gemeine, das Gewöhnliche, auch im Sinne einer Gesellschaftsklasse und weitergedacht auch als Beleidigung verwendet. Im deutschen Sprachgebrauch wird es darüber hinaus mit Provokation und Übertreibung assoziiert.

"Das Wort "vulgär" wird eingesetzt, um die Grenzen des guten Geschmacks zu überwachen. Die Mode ist jener Ort, an dem guter und schlechter Geschmack aufeinandertreffen und sich vermischen", so Psychoanalytiker Adam Phillips über die Verbindung des Begriffes zur Mode.

Eine intelligente Ausstellung

Adam Phillips entwickelte das Ausstellungskonzept gemeinsam mit der Modetheoretikerin Judith Clark. Im Dialog suchten beide Brücken zwischen psychologischen Forschungserkenntnissen, emotionalen Konnotationen und künstlerischen Aspekten des Vulgären. Das Konzept "Geschmack", welches nicht nur unser modisches Auftreten bestimmt wird angegriffen. Zehn Themenkomplexe, wie "Selbstdarstellung", "Puritanismus", "Extreme Körper" oder "Das neue Barock", geben dabei den Rahmen der Auseinandersetzung.

Gezeigt werden Kreationen von Walter Van Beirendonck, Manolo Blahnik, Christian Dior, Karl Lagerfeld für Chloé, Prada, Vivienne Westwood und vielen weiteren namhaften Designern. Die Bandbreite der Präsentation reicht von historischen Mantua-Kleidern mit ausladenden Röcken bis zu zeitgenössischen Positionen, beispielsweise der Designerin Pam Hogg. Für den Katalog bat man einzelene Designer, wie Christian Lacroix, "vom Vulgären zu sprechen". 

Die Modemacher wollen jedoch nur bedingt mit dem Leitmotiv der Ausstellung assoziiert werden. Die Wahrnehmungen um das Wort "vulgär" gehen dafür zu sehr ins Negative. Dabei interpretiert Clark gerade die Macht der Modemacher, als Verschieber der Grenzen dessen was wir "guten Geschmack" nennen, extrem positiv und notwendig. Nicht Werte der Ausgrenzung und einen Fingerzeig auf modische Ausreißer strebt die Schau an sondern eine inspirierende und eloquente Erweiterungen der Begriffe.

Im Winterpalais werden die Kleider schwebend, von der bestimmenden Architektur gelöst, gezeigt. Die begleitenden Texte wurden auf die Fensterschreiben gedruckt um den Raum möglichst wertneutral zu halten. Die Texte sind aber gerade das essentielle Gerüst der Ausstellung, denn ohne sie wirken die Puppen im Winterpalais teilweise willkürlich. Vielleicht hätte ihnen Hintergrundmusik gut getan um den Spagat zwischen klassischem Museum und Fashion nicht nur textlich zu überbrücken und eine Präsenz zu erzeugen die nicht derart historisch wirkt. Schnitte, die teilweise nur wenige Monate oder Jahre alt sind, werden zum musealen Objekt und rücken so in scheinbare Distanz, während sie eigentlich zeitgemäße Fragen aufwerfen wollen. 

Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere, spricht von einer nicht nur schönen sondern auch intelligenten Ausstellung. Und tatsächlich ist die Ausstellung vielleicht mehr ein Denkanstoß als eine selbstgenügsame Unterhaltung, diese bleibt etwas hinter der Erwartung an eine Mode-Ausstellung zurück.

Vulgär? Fashion Redefined
bis 25. Juni 2017

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