Von der Vision zum Mythos – Das Black Mountain College als einzigartige Talentschmiede

15.06.15

Heute ist es fast ein Mythos: das Black Mountain College (BMC) in North Carolina, USA. Niemals danach gab es eine solch interdisziplinäre, experimentelle und demokratische Kunsthochschule, mit derart weitreichenden Folgen für die Kunst. Die Künstler, die dort zwischen 1933 und 1956 studierten, haben die Kunst gewaltig verändert, wenn nicht revolutioniert. Alles, was dann in den 6oer-Jahren des 20. Jahrhunderts in allen kreativen Disziplinen Furore machte, in Kunst, Film, Tanz, Musik und Literatur, findet seine Wurzeln im BMC. Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof Berlin richtet den Fokus auf die faszinierenden Ideen dieses einzigartigen Kapitels in der Geschichte der Kunsterziehung.

Das radikale bis rebellische Konzept stammt vom Wissenschaftler und Visionär John A. Rice, der ein absolut neuartiges College wollte, basierend auf den Prinzipien einer progressiven, demokratischen Erziehung. Die enge Verbindung von Kunst, Natur- und Geisteswissenschaften mit dem Ziel einer Allround-Bildung bildete den Grundpfeiler seines Konzepts. Das pädagogische Programm lautete: Erziehung zur freien Persönlichkeit, zum Individuum, nicht zum Individualisten. Die Methode: die unbedingte gegenseitige Erziehung von Schülern und Lehrern. Sie lebten auf dem Campus in einer „community“, neben den Vorlesungen und Seminaren (deren Teilnahme freiwillig war) zählten auch täglicher Küchendienst und harte Gartenarbeit auf den Anlagen des College zum Aufgabenprogramm. Die weitreichende Folge: eine spannende Erweiterung des traditionellen Kunstbegriffs auf allen Feldern. Robert Rauschenberg läutet die Pop Art ein, John Cage erweitert radikal den traditionellen Musikkanon, Merce Cunningham führt den Tanz in neue Dimensionen, Buckminster Fuller erschließt der Architektur utopische Sphären. Sie alle, auch Robert Motherwell, Franz Kline, Kenneth Noland oder Arthur Penn werden zu Pionieren auf ihren Spezialgebieten. „Viele denken ja, ein Künstler wie John Cage habe das College inspiriert“, erklärt der Kurator Eugen Blume, „es war aber umgekehrt, Cage wurde vom College und seiner Atmosphäre zu seinen musikalischen Innovationen inspiriert. 1952 veranstaltete Cage dort sein erstes Multimedia-Happening“.

Es war der amerikanische Stararchitekt Philip Johnson, der Rice vorschlug, den deutschen Bauhauslehrer Josef Albers zum ersten künstlerischen Direktor dieser neuartigen Institution zu ernennen. Albers, der gemeinsam mit seiner Frau Anni vor Hitlers Nazis fliehen musste, nahm den Posten liebend an, obwohl er damals kein Wort Englisch sprechen konnte. Die Wahl Albers’ erwies sich als Glücksfall. Durch ihn kamen die damals avanciertesten Ideen der europäischen Moderne und die fortschrittlichen Konzepte des Bauhaus (das die Nazis bekanntlich schlossen) ans Black Mountain College und nach Amerika, sie wurde zur international berühmten Talentschmiede. Später besuchten auch andere Emigranten das College, z.B. Walter Gropius und Marcel Breuer, die für das BMC einen Neubau entwarfen, der aber aus finanziellen Gründen nicht realisiert wurde. Prominenter Gast war u.a. auch Albert Einstein.

Unzählige Dokumente, Briefe und Fotos, dazu Video-Interviews mit den „Ehemaligen“, erzählen die ruhmreiche Geschichte des epochalen MC, besser, machen sie lebendig, um, so die Hoffnung von Kurator Eugen Blume, „die aktuelle Debatte um Fragen der Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern einen neuen Anstoß zu geben. Denn die jetzige Fokussierung auf Bachelor und Master mit vornehmlich ökonomischer Ausrichtung, macht niemanden glücklich“. Um die Aktualität des pädagogischen Ansatzes des BMC zu verdeutlichen, werden in enger Kooperation mit diversen Kunsthochschulen während der gesamten Laufzeit der Ausstellung, Studierende Archiv-Dokumente, literarische Texte und künstlerische Partituren aufführen. „Performing the Black Mountain Archive“ heißt diese Performance-Strecke, die der Künstler und Komponist Arnold Dreyblatt entwickelte.

„Wir wollten keine reine Kunstausstellung machen, wie die Vorgänger-Schauen in Madrid und Bristol, die vornehmlich die Kunstwerke der heute berühmten Künstler, die entweder Lehrer oder Schüler am College waren, präsentierten“, erläutert Blume, „wir legen den Schwerpunkt auf Idee, Vision und Konzept der Schule, um zu zeigen, wie aktuell diese auch heute sind“.

Ausgewählte Werke von u.a. Josef und Anni Albers, Franz Kline, Robert Motherwell oder de Kooning runden das instruktive Panorama ab. Darunter als Highlight je ein Bild von Cy Twombly und Robert Rauschenberg, die diese während ihrer Zeit am BMC schufen.

1956 schloss das famose College aus Geldmangel. Das politische und gesellschaftliche Klima in den USA hatte sich verdunkelt, das revolutionäre Potenzial der Schule war vielen verdächtig, die Geldgeber blieben aus.

Bis 27. September 2015.

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