Up and Coming

17.03.17
Nathalie Halgand und Antje Prisker © young collectors circle

In Wiens zeitgenössischer Kunstszene tut sich gerade so einiges. Eine junge Generation an couragierten Kuratorinnen und Kuratoren sowie zahlreiche Kunstinitiativen setzen starke und wichtige Impulse – mit außergewöhnlichen Projekten in unabhängigen Kunsträumen, jungen Galerien und renommierten Institutionen. Und sie haben noch viel vor. PARNASS hat einige Stellvertreter dieser neuen, aufstrebenden Dynamik getroffen.

MARLIES WIRTH

Ausstellungen haben Marlies Wirth schon in frühester Jugend fasziniert – nicht nur die Kunst darin, sondern auch die "Atmosphäre, die spezifische Art, wie alles am richtigen Platz zu sein scheint und damit neue Perspektiven auf ein Thema und die einzelnen Objekte oder Artefakte und ihre Zusammenhänge ermöglicht", wie die Kuratorin und Kunsthistorikerin es beschreibt. Neben einer Reihe von MAK NITE Labs wie "Seth Weiner. Choir Corridor" (2013) oder "Andrés Jaque & Office for Political Innovation" (2013) und Ausstellungen für das Wiener MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, unter anderem "HOLLEIN" (2014), "24/7: the human condition" (2015) im Rahmen der Vienna Biennale oder 2016 "Kay Walkowiak. Forms in Time", entwickelte sie in Zusammenarbeit mit dem Künstler Andreas Duscha Ausstellungsformate für die Räume am FRANZ JOSEFS KAI 3.

Bis 14. Mai 2017 läuft die Ausstellung "HELLO, ROBOT. Design zwischen Mensch und Maschine", ein umfassendes Kooperationsprojekt des MAK mit dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein und dem Design museum Gent. Die spartenübergreifende Ausstellung wird einen zentralen Part bei der kommenden ­VIENNA BIENNALE 2017 im MAK spielen. Daneben wird die Gruppenausstellung "Artificial ­Tears" mit Positionen zeitgenössischer Künstler zu Themen wie "Human Enhancement" und der von Ray Kurzweil prophezeiten "Singularität" zu sehen sein. Wien mit seinem stabilen und nachhaltigen Umfeld sieht die junge Kuratorin als einen durchaus guten Standort für zeitgenössische Kunst und hier lebende Künstler – auch wenn man punkto international relevanter institutioneller Großausstellungen ihrer Meinung noch "einen Zahn zulegen" sollte. Weitsichtigkeit, Interesse, eine Prise Geduld und eine Menge Resilienz zählen für sie zu den wichtigsten Eigenschaften eines Kurators. "Für mich ist ein Projekt gelungen, wenn ich das Gefühl habe, dass alles ineinander aufgeht: Konzept, Thema, Ästhetik, Raumgefühl und zufriedene Künstler und Künstlerinnen. Bei thematischen Ausstellungen könnte man sagen: eine Art Gesamtkunstwerksanspruch", so Wirth. Inspirieren lässt sie sich dabei gerne von Fragen und Themen, anhand derer eine Aussage über den "Zustand der Welt" oder aber auch über sehr spezielle, nicht einfach zu beschreibende Phänomene oder Gefühle getroffen werden kann. So etwa über das "Ephemere", um das es in der von ihr gemeinsam mit Andreas Duscha 2016 konzipierten Ausstellung "NOW/HERE" im FRANZ JOSEFS KAI 3 ging: "Genau diese Untiefen ziehen mich an."

YOUNG COLLECTORS CIRCLE
NATHALIE HALGAND & ANTJE PRISKER

"Die Kunstwelt stellt für viele ein undurchsichtiges Terrain dar. Wir möchten Freude an Kunst vermitteln und Berührungsängste mit dem Kunstmarkt abbauen", so Nathalie Halgand, die Ende Februar dieses Jahres ihre Galerie in der Wiener Stiegengasse eröffnet und kurz darauf im Mai gemeinsam mit Antje Prisker den "young collectors circle" ins Leben gerufen hat. "Wir wollen kunstinteressierten Leuten einfach, schnell und direkt einen ersten Einblick in den Kunstbereich bieten. Der ­"circle" ist eine Plattform, um Kunst zu entdecken und sich mit anderen Kunstinteressierten auszutauschen", erzählt Prisker, die als Juristin ursprünglich nicht aus dem Kunstbereich kommt und daher weiß, wie schwierig es für "Nicht-Insider" oft ist, einerseits an Informationen zu kommen und anderseits aus der Fülle von Angeboten interessante Ausstellungen und Künstler herauszufiltern. Da möchte der "young collectors circle" ansetzen und eine Vermittlerrolle übernehmen. Auf dem Programm stehen Gespräche mit Sammlern, Kuratoren, Galeristen, Messebetreibern und Kunstkritikern in entspannter und informeller Atmosphäre. Außerdem organisieren Halgand und Prisker Messe-, Atelier- und Galerienbesuche – in der Motivation, ihre eigene Begeisterung für die Kunst mit Gleichgesinnten zu teilen und dem Wunsch nach mehr Kommunikation zwischen jungen Sammlern und relevanten Akteuren der Kunstszene nachzukommen.

Was raten die beiden jungen Sammlern, die gerade erst anfangen, eine Sammlung aufzubauen? "Sie sollten sich so viel Kunst wie möglich anschauen, Galerien, Kunstvereine, Museumsausstellungen und Off-Spaces besuchen. Es ist sehr hilfreich, sich mit Insidern auszutauschen und viel zu lesen", so Halgand. Und was den eigentlichen Kauf von Kunstwerken betrifft, meint Prisker: "Man soll auf seine Intuition vertrauen, dabei auch mutig sein und sich über die eigenen Grenzen hinauswagen."

www.youngcollectorscircle.at

MORITZ STIPSICZ

"Neue Assoziationen und Interpretationsmöglichkeiten – in meinem Fall auch in Bezug zu historischen Sammlungen oder architektonischen Gegebenheiten", zeichnen für Moritz Stipsicz ein gelungenes Kunstprojekt aus. Als Quereinsteiger betrieb Stipsicz, ursprünglich Wirtschaftswissenschaftler, von 2006–2012 "Momentum", eine Galerie für junge, zeitgenössische Kunst mit Schwerpunkt Fotografie in der Wiener Schleifmühlgasse. Es ergaben sich bald erste Einladungen, Galerie-externe Ausstellungen, Interventionen und ortsspezifische Projekte zu kuratieren und zu produzieren sowie Sammlungen zusammenzustellen. Seitdem ist Stipsicz als freier Kurator und Berater für die strategische Neuausrichtung von Kunst- und Kulturinstitutionen (zum Beispiel für TBA21 von 2010–2012) an einer Reihe von zeitgenössischen Kunstprojekten beteiligt – aktuell etwa am Konzept für ein langfristiges Kunstprogramm in der Wiener Karlskirche und der Weiterführung von Interventionen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler im "Josephinum", für das er vergangenen Herbst eine Einzelausstellung von Reiner Riedler vorbereitete, die noch bis 15. April gezeigt wird.

An Wien schätzt Stipsicz vor allem die Fülle an wichtigen Museen und Sammlungen, guten Akademien und zahlreichen unabhängigen Institutionen. Insgesamt sei die zeitgenössische Kultur hier jedoch noch zu wenig ausgeprägt, es gäbe zu wenige Sammler, relativ wenig Privates, dafür ein traditionell sehr hohes staatliches Engagement – was eine gewisse Abhängigkeit von Fördergeldern zur Folge hätte. Nicht zuletzt in der Absicht, dem etwas entgegenzusetzen, gründete Stipsicz 2015 "Phileas", eine philanthropische Organisation, die aus privater Initiative zeitgenössische Kunst fördert. Hierbei geht es ihm vor allem darum, Österreichs Position innerhalb der internationalen zeitgenössischen Kunstlandschaft zu stärken sowie den Auftritt vielversprechender österreichischer Künstlerinnen und Künstler im internationalen Kontext zu fördern.

CORNELIS VAN ALMSICK

Nachdem er ein paar Jahre in Los Angeles als Architekt gearbeitet hat, ist Cornelis van Almsick Ende 2010 wieder nach Wien zurückgekehrt. In der wenigen freien Zeit, die ihm in LA blieb, hat er sehr viel fotografiert und seine Arbeiten dann in Wien in Off-Spaces, wie etwa der "Ausstellungsstraße", gezeigt. Durch eine Gruppenausstellung im Palais Kinsky auf den Geschmack gekommen, fing van Almsick an, selbst Ausstellungen zu organisieren bzw. zu kuratieren. Seine Frau Magdalena Zeller half ihm dabei, Grafiken zu erstellen und Texte zu verfeinern, Künstler wie Wolfgang Lehrner unterstützten ihn beim Suchen von Räumlichkeiten. Über die Jahre sind die Ausstellungen immer größer, die Ausstellungszeiten immer länger geworden, sodass für Architektur und Fotografie bald keine Zeit mehr blieb. Es folgte eine Reihe von Projekten, zuletzt 2015 in Zusammenarbeit mit Markus Peichl für die traditionsreiche Galerie CRONE, deren Wiener Dependance er mitaufgebaut hat.

Ein Gespür für das Ungewöhnliche, das vermeintlich Neue und seinen gesellschaftlichen Zusammenhang sowie nicht zuletzt ein guter Blick und ein gutes Raumverständnis sind für ihn wesentliche Eigenschaften eines Kurators. "Basis all dessen ist ein ausgeprägtes Verständnis für die Arbeit der Künstler und ein menschlicher Umgang damit", so van Almsick. Neben renommierten Häusern wie der Secession, der Kunsthalle und TBA21 findet er in Wien derzeit junge Kunsträume wie "Kevin Space" oder "New Jörg" besonders interessant – dort treffe man auch die Kuratoren der Institutionen. Van Almsick hat mit Ende September 2016 nach guter Zusammenarbeit und auf eigenen Wunsch die CRONE verlassen, um sich uneingeschränkt ein paar spannenden Projekten widmen zu können. Am 23. März eröffnet er nun seine Galerie "Zeller van Almsick". In der "Rock Bottom Show" werden Arbeiten von Michael Fanta und Sophie Gogl gezeigt.
Wien habe für ihn als Standort für junge Kunst ein Riesenpotenzial, das den wenigsten auffalle und für das es lediglich ein bisschen Interesse, Hingabe und offene Augen brauche – und vor allem: "Es wird Zeit, der jungen Generation Chancen einzuräumen."

Dieser Artikel erschien im Winter 2016. Lesen Sie mehr zur Jungen Kunstszene in unserem aktuellen Special Up&Coming!

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