Unteres Belvedere: Klimt und die Ringstraße

04.07.15

Die Errichtung der Wiener Ringstraße war eine städteplanerische Meisterleistung und zugleich eine Manifestation der Modernisierungsbestrebungen der K. u. k.-Monarchie aus einer mittelalterlichen Stadt eine moderne und industriell geprägte Metropole zu machen. Entlang dieses Boulevards sind eine große Anzahl an Palais und Prunkbauten entstanden. „Die Architektur der bürgerlichen Palais der Ringstraße mit ihren prachtvollen Inneneinrichtungen zeugt vom gestiegenen Selbstbewusstsein und der wirtschaftlichen Macht des Bürgertums“, so Alfred Weidinger, der gemeinsam mit Alexander Klee die Ausstellung kuratiert hat. Doch was steckt hinter diesen Fassaden?

Anlässlich des 150-jährigen Wiener Ringstraßen Jubiläums präsentiert das Belvedere die Ausstellung „Klimt und die Wiener Ringstraße“. Über 50 Jahre lang dauerte die Errichtung des Boulevards. Anhand von Sammlungsbeständen und Beständen in Depots, die sonst nicht zu sehen sind, beleuchtet die Ausstellung die Kunst aus dieser Zeit, ihre Sammler und Sammlungen, widmet sich den Ringstraßenkünstlern, die diese Ära geprägt haben und versucht den künstlerischen Wandel dieser Phase erkennbar zu machen.
So war der vom Kaiser Franz Joseph nach Wien berufene Künstler Hans Makart anhand seiner barocken Formensprache, seiner intensiven Farbgebung und seinen erotischen Motiven „der Malerfürst des Historismus“, der die gesamte Wohnkultur, Theater, Kunst und Mode beeinflusste. In der Ausstellung sind nicht nur seine Gemälde für Nicolaus Dumbas Arbeitszimmer zu sehen, sondern auch Gemälde diverser Mäzene, Entwürfe für Wandbemalungen, seine „Fünf Sinne“ (1872/79) sowie auch Mobiliar aus seinem eigenen Besitz. Mit Gustav Klimt kam es zu einem Wandel. Der Künstler sowie sein Bruder Ernst und Franz Matsch gründeten 1880 die Arbeitsgemeinschaft „Künstler-Compagnie“ und erhielten in dieser Zeit zahlreiche Dekorationsaufträge für öffentliche Gebäude und Palais. Sie entfernten sich zunehmend vom Neobarockstil Hans Makarts und ersetzten diesen durch flächigere Kompositionen mit naturalistischen Zügen. Mit dem Gemäldezyklus im Kunsthistorischen Museum und den Fakultätsbildern in der Aula der Universität Wien zog die Compagnie viel Aufmerksamkeit auf sich. Teile davon sind ebenso in der Ausstellung präsent, wie die Ausstattungsbilder für die Treppenhäuser des Wiener Burgtheaters oder des Musikzimmers von Nicolaus Dumba und bilden einen Schwerpunkt der Schau.
In weiterer Folge geht die Ausstellung auf den dynamischen Wandel in der bürgerlichen und höfischen Selbstdarstellung ein. So werden private Mäzene und Ihre Sammlungen anhand von Dekorationsensembles, Gemälden, Skizzen oder Fotografien vorgestellt: So der bereits erwähnte Nicolaus Dumba, der aus einer aromunischen Familie stammend, als Baumwoll-Exporteur und Politiker wirtschaftlichen Erfolg erzielte und maßgeblich das zeitgenössische Kunstgeschehen mitprägte. Friedrich von Leitenberger, Besitzer der damals größten Baumwolldruckerei Kontinentaleuropas, ließ ebenso ein Palais errichten, dessen Salon zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt wurde. Das Gemälde der sterbenden Kleopatra von Hans Makart gilt u.a als Hauptwerk seiner großen Kunstsammlung. Anton Oelzelt hingegen war ein Baumagnat und k. k. Hofbaumeister. Seine Bauten prägen noch heute das Aussehen der Wiener Ringstraße. Er war einer der ersten, die Hans Makart einen Auftrag für eine Raumausstattung gaben.
Darüber hinaus sind zum ersten Mal die Originalkartons von Eduard Bitterlich zu den Deckengemälden im Palais Epstein zu sehen, die nach kleinen Skizzen von Carl Rahl detailliert umgesetzt wurden und die repräsentative Funktion der neu entstandenen Gebäude für ihre großbürgerlichen Bauherren verdeutlichen.
Die Silbersammlung des Textindustriellen Ing. Otto Pick, dessen Tochter Toni den Neffen von Ferdinand und Adele Bloch-Bauer heiratete, war bislang nur einem kleinen Kreis von Freunden und Familie bekannt. Nun kann eine schöne Auswahl der Preziosen gezeigt werden. Ebenso ein Teil der Porzellansammlung von Karl Mayer, eine der aufschlussreichsten Sammlungen Wiener Porzellans, die im Jahr 1928 versteigert und auseinandergerissen wurde.
Die stark anwachsende Industrialisierung wird am Beispiel der Thonet Stühle angesprochen. Wurde der sogenannte Café-Haus „Stuhl Nr.14“ ab 1859 noch zu einigen Tausend Exemplaren verkauft, lag die Stückzahl im Jahr 1890 bereits bei 40 Millionen.

Im Historismus kam es somit stetig zu Veränderungen, mit vielem wurde experimentiert, Materialkombinationen entstanden. Was dazu führte, dass der Historismus bei Zeitgenossen eher negativ gesehen und verpönt war. Seine Wertschätzung erfolgte erst viel später, nämlich im 20. Jahrhundert. Nun versucht das Belvedere erneut die Kunst der Ringstraßenzeit in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken und das „Alte, teils Vergessene“ aufzuarbeiten.

Mehr Informationen zur Wiener Ringstraße finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe Parnass 2/2015.

Unteres Belvedere, bis 11. Oktober 2015

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