Trashige Tierverwertung – Erwin Wurm in der Villa Kast/Galerie Thaddaeus Ropac

06.02.15

Als Erwin Wurm im Vorjahr im Frankfurter Städel Museum ausstellte – und dabei unter anderem Besucherinnen und Besucher einlud, als Hunde zu posieren – bat er sein Publikum, den „Aspekt des Humors nicht überzubewerten“, wie die Deutsche Presseagentur berichtete. Wurm, dessen Erfolg wohl gerade auch aus dem (manchmal etwas gar offensichtlichen) Schmäh seiner Werke rührt, versucht seiner Kunst offenbar schon seit einigen Jahren ein neues Image zu verpassen. Denn schließlich fanden viele Betrachterinnen und Betrachter seine One-Minute-Sculptures, seine Handlungsanweisungen, seine fetten Autos und Häuser zunächst einmal vor allem: sehr lustig.

Ein wenig zu lustig vielleicht. Bei den (Halb-)Akten seiner männlichen Künstlerfreunde, die er 2012 in der Albertina zeigte, verhielt sich das schon anders; und auch die neuen Arbeiten in der Galerie Ropac kalkulieren weitaus weniger mit dem Ha-Ha-Effekt als frühere. Wobei der bronzene Würstelmann, der die Besucherinnen und Besucher empfängt, gleich einmal eine Ausnahme darstellt: „Abstract sculptures (What!)“, diesen Titel trägt das kopflose, fast drei Meter hohe Wesen, eine groteske Kombination aus einer Knacker und mehreren Frankfurter Würsteln, die Hände in die Hüften gestemmt wie ein Westernheld. Weiter hinten wird man der Figur erneut begegnen, einmal die Arme in die Luft gereckt, einmal erschöpft am Boden sitzend, einmal in einer weitaus kleineren Version auf einem alten Kästchen voranschreitend.

„Bei den Arbeiten mit Würsten habe ich versucht, einen alltäglichen Gegenstand (Nahrung) vom Inhalt befreit als quasi abstraktes Modul einzusetzen. Ich hätte diese Kompositionen genauso gut aus Holzbrettern oder Holzklötzen bauen können, wollte aber eine biologische Form verwenden. Letztlich geht es nicht darum, ein zynisches Abbild von menschlichen Figuren etc. zu schaffen, sondern darum, eine abstrakte Qualität aus Alltagsrealitäten herauszuarbeiten“, wird Wurm zitiert. Das Würstel als „abstraktes Modul“? Für eine solche künstlerische Verwendung ist diese Art der Fleischdarreichung einfach zu aufgeladen, etwa als Symbol für falsche Ernährung oder trashige Tierverwertung.

Auch andere Gegenstände alltäglichen Gebrauchs verbaut Wurm in seinen neuen Skulpturen, vorzugsweise Möbel: Manchmal setzt er Originale ein, manchmal lässt er sie in Bronze oder Acryl nachgießen –  manches davon scheint vom Sperrmüll oder vom Flohmarkt zu kommen, halb kaputte Nachtkästchen, Stühle mit abgesägten Lehnen, vieles wird kombiniert mit amorphen, teils glänzend bemalten Keramiken, die Haufen oder Brocken bilden. Diese Arbeiten wirken ein wenig so, als träfen wesentliche Positionen der vergangenen Jahrzehnte aufeinander – etwa Fischli/Weiss, Gelatin, Rebecca Warren, Rosemarie Trockel, Franz West, Jeff Koons mit seinen Balloon-Dogs und Hulks, die ebenso mit Materialillusion arbeiten. So erscheinen diese jüngeren Arbeiten ein wenig überholt. Doch eine Skulptur sticht geradezu hervor. Auf einem Kästchen balanciert eine senkrecht aufgestellte Würstelkette aus Murano-Glas: ein prekäres Equilibrium, das die Zartheit des gläsernen Materials und die Derbheit des fleischigen Gegenstands fein austariert.

Erwin Wurm : Angst / Lache Hochgebirge bis 14. März 2014

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