Thematisch verschränkt im Josephinum: Anna Artaker / Tatiana Lecomte

30.05.18
© Stefan Lux / Josephinum

Können historische Entwicklungen wirklich adäquat dargestellt werden? Sind die dafür verwendeten Medien überhaupt als verlässliches Werkzeug in sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen geeignet? Und wo gilt es, fundamentale Denkmuster in modernen westlichen Zivilisationen aufzudecken?

Diesen und anderen Fragestellungen geht die Ausstellung von Anna Artaker und Tatiana Lecomte im Wiener Josephinum nach. Sie ist ein spannender Beitrag zur parallel im Josephinum gezeigten Schau "Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945". Kuratiert von Moritz Stipsicz, werden unter dem Titel "Chiasmata 17-18" jeweils drei Werke der beiden zeitgenössischen KünstlerInnen bewusst informell präsentiert beziehungsweise "verschränkt" (Chiasmata – griechisch für "Verschränkungen, Überkreuzungen"). Die Exponate beziehen sich jedoch nicht explizit auf diese Zeitspanne beziehungsweise die im Dritten Reich verübten Gräueltaten, sondern sollen vielmehr "exemplarisch auf Denk- und Verhaltensmuster verweisen, die in allen menschlichen Gesellschaften existieren und jederzeit die Grundlage bilden können für Grausamkeiten, die Menschen imstande sind einander anzutun", wie Stipsicz erklärt.

Ein besonderes Augenmerk legt die Ausstellung dabei auf den Aspekt der Kategorisierung – insbesondere darauf, dass etwas, sobald es kategorisiert ist, auch missbräuchlich verwendet werden kann beziehungsweise durch automatisches Kategorisieren oft auch Unrecht getan werden kann. Nicht selten ist man verleitet, von Wissenschaftlern getroffene Kategorisierungen als die einzig mögliche Betrachtungsweise anzusehen. Oder die Allgemeingültigkeit von besonders in den Medien Fotografie und Film Dargestelltem gar nicht erst anzuzweifeln. Dem liegen jedoch naturgemäß bestimmte Denkmuster zugrunde – meist wird nicht dargestellt, was tatsächlich gewesen ist, sondern vielmehr das, was jemand sehen wollte. Ähnliches gilt für historische Sammlungen, die nicht einfach nur Exponate bewahren, sondern auch Einblicke in die Weltanschauungen entsprechender Sammler gewähren. Sowohl Anna Artaker (*1976 Wien) als auch Tatiana Lecomte (*1971 Bordeaux) – übrigens Nr. 17 und 18 der von Moritz Stipsicz für seine Ausstellungsreihe eingeladenen Künstler und Künsterlinnen – beziehen sich in ihren Arbeiten auf historische Entwicklungen und/oder wissenschaftliche Praktiken des 20. Jahrhunderts und erforschen deren soziale und psychologische Auswirkungen. Beide Künstlerinnen thematisieren dabei insbesondere die Anwendung wissenschaftlicher oder pseudo-wissenschaftlicher Techniken zur Rechtfertigung von Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus.

So beschäftigen sich Artakers Arbeiten unter anderem mit der Be- und Verurteilung des Anderen aufgrund äußerlicher Merkmale, wie etwa bei ihrem in der Ausstellung gezeigten Display von Totenmasken führender Ärzte der Medizinischen Fakultät der Universität Wien aus der Sammlung des Josephinums. Darunter befinden sich sowohl solche, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zu Opfern des Nationalsozialismus wurden, als auch NS-Sympathisanten. Da Artaker den Masken keine Namen zugeordnet hat, ist ihre einfache Identifikation kaum möglich. Versucht man die Gesichter der "Nicht-Arier" von denen der Täter zu unterscheiden, tappt man als Betrachter leicht in die Falle, diese nach vermeintlich jüdischen oder arischen Physiognomien typisieren zu wollen.

Mit ihrer Videoarbeit "48 Köpfe aus dem Merkurov Museum" (2008/2011) setzt die Künstlerin Kurt Krens ebenfalls in der Ausstellung gezeigten Film "48 Köpfe aus dem Szondi-Test" (1960) eine Art "Remake" entgegen. Während Kren die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften zu einem vermeintlich charakteristischen Gesichtsausdruck in Frage stellt, folgt Artaker exakt dem Schnittplan von Krens Film, ersetzt jedoch die Porträts des Szondi-Tests durch Fotos von Totenmasken prominenter Persönlichkeiten aus Kultur und Politik der ehemaligen Sowjetunion.

Ausgehend von Porträts der Fotografin Erna Lendvai-Dircksen, die in den 1940er-Jahren auf der Suche nach einer „gemeinsamen Volkheit“ Menschen fotografierte, in deren Gesichtern sie die Spuren des "germanischen Blutes" zu erkennen glaubte, ist Tatiana Lecomtes irritierende Serie "Deconstructing Erna" (2015) entstanden. Dabei unternimmt die Künstlerin den nicht ernst gemeinten Versuch, die so genannte Rassenlehre ernst zu nehmen und stellt die Frage, wie es aussehen könnte, wenn sich eine Gruppe von Menschen tatsächlich nur unter sich fortpflanzen würde. In ihren Arbeiten thematisiert Lecomte zudem immer wieder zwischenmenschliche Machtverhältnisse – im äußersten Fall zwischen Jäger und Gejagtem, aber auch in alltäglichen menschlichen Interaktionen, wie etwa zwischen Forscher und Proband oder Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Chiasmata 17-18
Anna Artaker / Tatiana Lecomte

bis 6. Oktober 2018

Josephinum
Sammlungen der Medizinischen Universität Wien

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