The High Wire Act

30.11.16

Wenn Kurator Cornelis van Almsick von einem von Nostalgie geprägten Begriff des „Hochseilaktes“ spricht — von Kindheitserinnerungen, Akrobatik und fröhlichen Momenten mit den Eltern im Zirkus —, könnte die in dem Ausstellungstitel bereits implizierte Dualität kaum besser getroffen werden. Denn „The Hire Wire Act“ lässt sich auch als Drahtseilakt übersetzen: mit der Herausforderung eine Balance zwischen zwei Gegensätzen zu behalten. Im Vokabular der Politiker haben sich diese Worte bereits einzementiert. Etwa, um die schwierigen Verhandlungen der EU mit der Türkei diplomatisch zu umschreiben, oder die gegenwärtige Flüchtlingspolitik. Womit wir nun auch schon mitten im Thema der derzeitigen Krisen sind: Trump, Brexit und nicht zu vergessen das Schaudern um die Wahl am 04. Dezember. Der Begriff des Hochseilaktes war wohl selten politischer konnotiert. Und diese Themen schwingen auch in der Gruppenausstellung, die van Almsick im ehemaligen K&K Telegrafenamt in der Berggasse kuratiert hat, deutlich mit.

Am Plakativsten verweist die Installation „Helmets Culture“ von Mladen Miljanovic auf die Thematik: 30 originale Militärhelme wurden zu Blumenkübeln umfunktioniert. Doch selbst, wenn hübsche Winterblumen in die Helme gesetzt wurden: es schwingt ein bitterer Beigeschmack mit, denn nicht nur der Helme per se erinnern an Militär und Krieg, sondern auch ihre Anordnung im Raum. Die Helme wurden in 15 Reihen wie eine militärische Einheit angeordnet. Was es bedeutet, in einer Kriegsregion zu leben, können wir uns nur schwer vorstellen, leben wir doch — im internationalen Vergleich — fast schon so sicher wie unter einer Schneekugel. Doch was uns fremd erscheint, war bereits in Miljanovic’s Kindheit Realität: Aufgewachsen in Zenica — im ehemaligen Jugoslawien — wohnte er lange direkt hinter der Frontlinie. Das Geräusch von Schüssen gehörte zu seinem Alltag. Die Helme hat er übrigens in seiner Kunstakademie gefunden — und wie real sie sind, wird wohl erst deutlich, wenn man bei einigen wenigen Exemplaren die Einschusslöcher sieht.

Von den Helmen ausgehend richtet sich der Blick an die konkave Wandarchitektur des Raumes, in die sich die Neon-Arbeit von Andrea van der Straeten einbettet. „noch still“ — die beiden Wörter sind voneinander getrennt platziert. Im Kontext mit Miljanovics’ Arbeit wirken die Worte des Neonschriftzugs fast wie die Ruhe vor dem Sturm und sie könnten nahendes Unheil ankündigen. Doch ohne zu dramatisch zu werden und zu viel über die Kontextualisierung hinein zu interpretieren: Die Arbeit ist (auch) ein Wortspiel — schließlich lässt sich „noch“ im englischen mit „still“ übersetzen.

Eine Art Überwachungszentrale ist übrigens die Arbeit von Julian Palacz — direkt im Eingangsbereich. Denn die Kamera seines dazugehörigen, dreiteiligen Screens ist so programmiert, dass sie über die automatische Gesichtserkennung hereinkommende Besucher in einem größerem Umkreis erfasst und auf dem Screen darstellt. Damit verweist die Arbeit auf die Prüfung von Identitäten und ist damit aktueller denn je, wenn man an die Grenzzaunsituation der Flüchtlinge und scharfe Einreisekontrollen denkt. Denn auch hier in der Ausstellung gilt: Wer hereinkommt, wird automatisch gefilmt — ohne sein Wissen. Und daran führt kaum ein Weg vorbei.

Doch zurück zur Dualität des Ausstellungstitels, die insbesondere in den Installationen von Barbara Hainz und Olivia Coeln einen Gegenpol findet, indem sie auf die wirklich beeindruckende Architektur des Raumes — mit seinen hohen Decken und den Spuren der vorherigen Büroadaptierungen — reagiert haben. Denn in der Decke des Raumes finden sich immer wieder riesige Löcher, die in ein scheinbares schwarzes Nichts führen. Barbara Hainz hat den Hochseilakt hier vertikal interpretiert und eine sieben Meter lange Stange aus Kupfer, die von Mull und Paraffin umfasst wird, in eine dieser Öffnungen eingeführt. Die Arbeit ist zugleich ein Paradox: Denn Kupfer leitet — und würde dieser Kupfer leiten, würde durch die Erhitzung das darüberliegende Material womöglich schmelzen. Auch die Installation von Olivia Coeln ist von möglichen Veränderungen geprägt. Wie gespannte Gummibänder — befestigt von Mauerbruchstücken am Boden, die lose übereinander gestapelt sind — spannt sich das Tape durch den Raum. Doch was so streng gespannt aussieht, wird mit der Zeit immer mehr an Spannkraft einbüßen und zu einer Illusion von Stabilität werden.

Etwas distanzierter zum Thema und doch sehr spannend ist eine weitere Arbeit von Julian Palacz: Die „Bewegungsstudie einer Computermaus“ aus dem Jahr 2007 dokumentierte einen Monat lang die Bewegungen von 8 Personen mit der Maus im Internet. Die Ergebnisse geben nicht nur über den allseits bekannten Aufbau von Webseiten Aufschluss, sondern auch darüber, wie unser Blick über die Jahre durch diesen sich ständig wiederholenden Aufbau vorgeprägt wurde. Immerhin: Die Arbeit ist von 2007. Womöglich auch deswegen kommt einem das Ergebnis für einen Monat fast überschaubar vor. Heute würde das womöglich anders aussehen.

Neben den bereits erwähnten Positionen, gibt es in der Ausstellung noch mehr zu sehen. Etwa eine Installation aus Video und Fotografie von Wolfgang Lehrner, in der er die Gegensätze zwischen Stadt und Land untersucht. Anhand von Athen wird deutlich, wie eine so ursprüngliche, von der Geschichte geprägte Stadt durch den Modernismus fast schon gesichtslos wird. Einen banalen Gegensatz zeigt auch Kay Walkowiak: der Pigmentdruck eines Ausschnitts des Weltalls wird mit dem Bein eines Mannequins kombiniert, dem wiederum ein Kniestrumpf angezogen wurde. Der „Schritt ins All“ wird zu einem fast schon humorvollen Beitrag: Schließlich haben wir bisher kaum etwas vom Weltall bisher erkundet. Frei im Raum installiert sind die Malereien von Minda Andrén, die auf — leider unbekannten — Graphic Novels basieren. Von Olivia Coeln gibt es darüber hinaus noch Fotografien aus Tokyo zu sehen, eine weitere Arbeit von Mladen Miljanovic und eine Installation in Form eines Partyzeltes von Andrea van der Straeten. Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Dezember 2016 zu sehen.

Mehr unter vanalmsick.at

 

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