The Future of Memory/Kunsthalle Wien Sabrina Möller im Gespräch mit Nicolaus Schafhausen und Marie Egger

10.02.15

Wie verändert sich durch die digitale Kommunikation das individuelle und das kollektive Gedächtnis? Welche Phänomene werden durch das digital verfügbare, kollektive Wissen generiert? Und wie funktioniert die gegenwärtige Bildproduktion? Diesen Fragen widmet sich unter anderem die Ausstellung „The Future of Memory“ in der Kunsthalle Wien vom 04. Februar bis 29. März 2015. Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien, und Co-Kuratorin Marie Egger im Gespräch über die Hintergründe und Konzeption der Ausstellung. 

Die stetige Digitalisierung unserer Welt, ihre Geschwindigkeit, der ständig wachsende Fluss an Bildern und Informationen ist in den vergangenen Jahren eine sehr präsente Thematik in der Kunst. Sei es als Form der bewussten Entschleunigung oder um diese Entwicklung mit ihren Folgen zu verdeutlichen. Gab es für Sie eine Art auslösendes Moment für diese Ausstellung?

Nicolaus Schafhausen: In den 1990er Jahren gab es Ausstellungen, die sich auf das Internet fokussiert und auch darin verloren haben. Eine Produktion von Kunst für das Netz setzte ein und es wurde ein Ismus behauptet, den es meiner Ansicht nach so nicht gab. Projekte zu Post-Internet-Art prägen einen Kunstdiskurs der vergangenen Jahre. Was aber „Post“ in diesem Zusammenhang bedeutet, ist unklar definiert. Wieder wird ein Ismus behauptet, der eigentlich gar keiner ist.

Die These der Ausstellung „The Future of Memory“ betrifft eher die Bildproduktion als solche. Und diese Fragestellung ist unabhängig davon, ob die teilnehmenden Künstler Digital Natives sind oder nicht. Dragana Žarevac beispielsweise zeigt mit ihrer Videoinstallation „Resist: Disappearing Happiness“, wie eine andere Generation mit digitalen Materialien umgeht. Die Arbeit erzählt eine Geschichte anders, als weitere Arbeiten in der Ausstellung. Das Format der Gruppenausstellung eignet sich für unsere Fragen nach dem heutigen und zukünftigen Umgang mit digitalen Bildern und Informationen also besonders gut.

The Future of Memory thematisiert, inwieweit sich die Entwicklung der Kommunikationskultur auch auf unser Erinnerungsvermögen auswirkt. Erinnerungen sind nicht von den kognitiven Fähigkeiten des Menschen zu trennen. Sie sind multimedial und an den Körper gebunden - die virtuelle Erinnerung hingegen nicht

Gespeichert heißt also Vergessen? Sieht so die Zukunft der Erinnerung aus?

Nicolaus Schafhausen: Wie die Zukunft der Erinnerung aussehen wird, wissen wir natürlich nicht. Vielmehr beobachten wir ein neues Phänomen des Umgangs mit Bilddaten: Diesen Umgang mit Informationen kann man auch an der Debatte um Plagiarismus ablesen. Autorenschaft ist auch für die Kunst ein sehr relevantes Thema. Die Arbeit der Schriftstellerin Helene Hegemann ist für den deutschsprachigen Raum ein gutes Beispiel. Die Plagiatsvorwürfe um ihren Roman Axolotl Roadkill von 2010 stehen für mich noch heute als Zeitenwende, wenn es um eine neue Definition dessen geht, was Autorenschaft bedeutet.

Marie Egger: Wir hoffen, dass unsere Besucher in der Ausstellung erfahren können, wie Dinge zueinander ins Verhältnis gesetzt werden und welche Prozesse der Weiterverarbeitung von Informationen oder Konstruktionen möglich sind. Bestimmte Dinge kommen wieder auf, werden neu bearbeitet und wieder wichtig. Was schon einmal gespeichert wurde, wird vergessen und dann wieder präsent und in neue Kontexte gesetzt. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Versuch gelingt. Anlässlich einer Führung sind diese gedanklichen Verknüpfungen für mich aufgegangen. Aber vielleicht habe ich auch schon sehr viel über die Ausstellung abgespeichert. Es geht also darum, Eindrücke zu verdauen, Verknüpfungen zu erkennen und darin etwas Neues zu erkennen. Von vielen Dingen weiß man ja gar nicht, dass man sie in seinem Gedächtnis abgespeichert hat.

Nicolaus Schafhausen: Ich bin sehr gespannt wie die Ausstellung auf Kinder wirken wird. Meine zehnjährige Nichte schickt mir beispielsweise Bilder und Spiele über WhatsApp. Sie selbst erinnert sich dabei an ganz andere Begebenheiten, als ich. Das finde ich spannend. Der heutige Umgang mit digitalen Medien hat wenig mit intellektueller Kompetenz zu tun, sondern ist emotional gesteuert.

Wir haben es vermieden, bestimmte Medien in den Vordergrund zu rücken. „The Future of Memory“ ist keine Ausstellung über das Internet, keine Ausstellung über neue Medien. Vielmehr macht sie sichtbar, was virtuelle Realitäten mit sich bringen.

Insgesamt zeigen Sie 27 Positionen innerhalb dieser Ausstellung. Auch wenn es keine Ausstellung über Generationen ist, fällt doch auf, dass der Großteil der Künstler zwischen 25 und 40 Jahren ist. Eine Generation also, die mit dem Internet seit Jugendtagen gewachsen ist. Ist diese Auswahl Zufall?

Nicolaus Schafhausen: Jede Ausstellung hat natürlich einen thematischen Schwerpunkt, insofern haben die Digital Natives einen näheren Bezug zu diesem spezifischen Thema. Innerhalb der Kunsthalle Wien ist diese Schau allerdings nicht losgelöst von anderen Projekten. Auch könnte es sich durchaus ergeben, dass eine weiterführende Ausstellung zu diesem Thema erarbeitet wird. In jedem Fall ist man nicht frei von subjektiven Entscheidungskriterien. Uns war es beispielsweise wichtig, auch Künstler einzuladen, die bisher weniger bekannt sind. Die ausgewählten Arbeiten sollten einander begegnen und nicht konkurrieren. Der Schwerpunkt liegt demnach auf aktuellen Produktionen von Künstlern, die sich mit Erinnerungspraktiken, virtuellem Erleben und Speichern sowie Narrativem im digitalen Zeitalter beschäftigen.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Künstler vorgegangen? Welche Faktoren noch entscheidend?

Nicolaus Schafhausen: Wir wollten nicht nur Oberflächen sichtbar machen. Der “Unfall am Mittelpunkt Deutschlands” von Julius von Bismarck steigt in diese Überlegung gut ein. Das dokumentarische Video “19-1-2014” von Leon Kahane oder “Resist: Disappearing Happiness” von Dragana Žarevac weiten den Horizont der ausgewählten Arbeiten auf eine internationale Ebene, wenn sie sich mit Konfliktsituationen in Hong Kong oder in Syrien und Ägypten befassen.

Marie Egger: Die Werke von Jon Rafman und Antoine Renard strecken die Überlegungen dann in den digitalen Raum und haben auch einen klaren gesellschaftlichen Bezug. Beide arbeiten mit gefundenem Material aus dem Internet. Mit Antoine Renard konnten wir Arbeiten speziell für die Ausstellung entwickeln. Aus früheren Gesprächen über den vermeintlich demokratischen Umgang mit Informationen im Internet sind dann seine Skulpturen entstanden.

Welches sind die zentralen Fragestellungen bei der Konzeption der Ausstellung gewesen?

Nicolaus Schafhausen: Der Untertitel der Ausstellung ‚Die Unendlichkeit der Gegenwart‘ spielt auf unsere Kernfrage an: Welche Bilder werden warum wie erzeugt? Die Ausstellung hat dadurch einen wenig musealen Charakter. Vielmehr leitete uns die Frage danach, welche Rolle eine Kunstinstitution spielt, die „reale“ Kunstwerke zeigt. Was unterscheidet die Kunsthalle Wien von sammelnden Kunstinstitutionen? Die Ausstellung ist nicht historisierend angelegt, sondern eher als Momentaufnahme gedacht. Sie streift vieles von dem, was alltäglich permanent in den Medien wahrgenommen wird. Das war unser Hauptkriterium, vor dem sich auch sämtliche Arbeiten lesen lassen.

Was möchten Sie den Besuchern der Ausstellung vermitteln?

Nicolaus Schafhausen: Wir beabsichtigen weniger ein didaktisches Prinzip, als vielmehr die Sichtbarmachung von Verhalten. Die Konfrontation mit der derzeitigen Bildproduktion, Bildwahrnehmung und Bildvermarktung betrifft fast jeden. Entweder als Produzenten, oder zumindest in Form einer Beeinflussung. Eine Besucherin erwähnte, für sie sei wichtig, was real sei und was nicht. Je nachdem, wie man mit Bildern umgeht und sie betrachtet, kann man sehr viel darüber erfahren, wie die inhaltliche Bildwahrnehmung funktioniert. Diese Sensibilisierung würde ich als Ziel beschreiben. „The Future of Memory“ ist eine sehr erzählerische Ausstellung.

Marie Egger: Das stimmt. Sie lädt dazu ein, sich selbst zu testen. Der State of Mind, den Nicolaus gerade beschrieben hat, ist nicht Voraussetzung oder Ziel der Ausstellung, sondern einfach präsent. Es kann Spaß machen, das auszuprobieren. Die Einzelausstellung von Pierre Bismuth, die parallel in der Kunsthalle Wien läuft, ist in Verbindung mit dieser komplexen, dennoch kleinen Gruppenausstellung besonders spannend für den Betrachter.

Die Nutzung von medialen Informationen ist zu einem fixen Bestandteil unseres Lebens geworden. Doch führt die digitale Archivierung auch dazu, dass die Grenzen zwischen Realem und Konstruiertem nicht mehr sichtbar sind. Ist es dennoch Realität? Eine erweiterte Realität?

Nicolaus Schafhausen: Für mich ist das Realität. Eine Absage an das Digitale halte ich für übertrieben. Ich beziehe mich damit nicht auf personenbezogene Datenspeicherung, aber die Angst vor der permanenten Überwachung steht der bereitwilligen Weitergabe von Daten gegenüber.

Marie Egger: Am 4. März 2015 wird es eine Veranstaltung mit Amalia Ulman geben, die ich in diesem Zusammenhang gerne empfehlen möchte: Ulmans digitale Performance „Excellences and Perfections“ fand auf Twitter, Facebook und Instagram in ihren persönlichen Accounts statt. Die Künstlerin inszenierte verschiedene Episoden, in denen sich ihr digitales Profil veränderte. Äußerliche Modifikationen (z.B. Schönheitsoperationen) oder ein verändertes Konsumverhalten erweckten den Eindruck, die Künstlerin würde ihren Lebensstil wandeln. Im Rahmen eines Gespräches über die Performance ging es darum, inwiefern die eigene Identität konstruiert werden kann. Amalia Ulman hat natürlich Extreme ausgereizt, aber der Grauzone zur virtuellen Realität kann man nicht entfliehen, denke ich.

Es gibt aber auch Positionen, die bewusst den Verzicht dieser digitalen Vernetzung versuchen, sich dem Ganzen völlig entziehen möchten

Nicolaus Schafhausen: Ich glaube nicht, dass man sich dem Digitalen komplett entziehen kann. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, weiterhin Facebook-Mitglied zu sein, um Kontrolle über die Produktion und Weitergabe von Bildern zu behalten. Für Künstler beispielsweise ist es schwierig, sich dem zu entziehen. Ihre Arbeiten werden öffentlich rezipiert und vermarktet.

Marie Egger: Ich bin sehr gespannt auf die Schülerführungen. Jüngere Leute entziehen sich der digitalen Vernetzung auf besondere Weise, wenn sie ihre Facebook-Profile bewusst irreal gestalten und „falsche“ Informationen veröffentlichen. Dafür gibt es untereinander Verständnis, sodass zwischen virtueller und physischer Realität unterschieden wird. Die gleichzeitige Unterscheidung und Vermischung von digitalem und analogem Leben finde ich spannend. Auch, weil ich diese Überschneidungen noch nicht völlig verstanden habe, erwarte ich gespannt die Reaktionen auf die Ausstellung und möchte beobachten, wie sich diese Dinge in Zukunft entwickeln.

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