Sonia Delaunay: Les couleurs de l’abstraction

30.01.15

Von der Suche nach einer reinen Malerei und der Kommerzialisierung der Kunst

Bei dem Namen Delaunay denken wir sofort an den französischen Avantgarde-Künstler Robert Delaunay, den Erfinder und Wegbereiter des Orphismus oder auch Simultanismus, jener aus dem Kubismus entstandenen Kunstrichtung, bei der geometrische Gebilde in leuchtend bunten Farben die zentralen Motive darstellen. Das künstlerische Werk seiner Frau Sonia hingegen ist dem Publikum kaum bekannt und hat lange Zeit – zu Unrecht – ein Schattendasein geführt. Diesem endgültig ein Ende zu setzen, ist das Ziel einer großen, mehr als 400 Werke umfassenden Retrospektive im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, die im Anschluss auch in der Londoner Tate Modern zu sehen sein wird.

Als die in Odessa geborene und in St. Petersburg aufgewachsene Sonia nach ihrem Malereistudium an der Karlsruher Kunstakademie 1906 nach Paris kommt, ist sie begeistert von der Unmittelbarkeit und kühnen Farbigkeit der Fauvisten sowie von dem Werk Gauguins. Unter deren Einfluss entsteht eine Reihe von Porträts, die die Künstlerin aus reinen Farbflächen komponiert – häufig bewusst zu Lasten des Wiedererkennungswertes und in Anlehnung an Henri Matisse mitunter vor einem ornamental gestalteten Hintergrund. Mit dem Kennenlernen Robert Delaunays, den sie 1910 heiratet, wendet sich auch Sonia der Abstraktion zu. Gemeinsam streben sie nach einer reinen Malerei, deren Kraft allein auf der Dynamik von Form und Farbe basiert. Doch gerade Sonia geht bei dieser neuen Kunst in ihrer Auffassung weit über den Ansatz ihres Ehemannes hinaus: Sie beschränkt sich in der Anwendung dieses Gestaltungsprinzips nicht allein auf die Malerei, sondern wendet es auf verschiedenste Medien und Techniken an.

Spektakulär und nicht zuletzt auch existenzsichernd sollte ihre Idee sein, das Prinzip des Simultanismus auf Textilien zu übertragen. Als 1911 ihr Sohn Charles geboren wird, fertigt Sonia eine Wiegendecke, die in Patchworkmanier aus den gleichen Formen und Farbflächen zusammengesetzt ist wie ihre Leinwandbilder und Aquarelle. Ein entscheidender Schritt und Wendepunkt in ihrem Schaffen! Bei ihren Besuchen des legendären Pariser Tanzpalastes Bal Bullier tragen Sonia und Robert Delaunay sowie Freunde sogenannte robes simultanées – eigens von Sonia entworfene Kleidungsstücke, die durch den Simultankontrast von warmen und kalten Komplementärfarben beim Betrachter den optischen Eindruck von Bewegung erzeugen. Und als ob es des Wechselspiels zwischen den künstlerischen Medien noch nicht genug sei, fixiert die Künstlerin diese Auftritte dann wiederum in Bildkompositionen wie Le Bal Bullier (1913, Öl auf Leinwand, Paris, Centre Pompidou).

Als die Delaunays bei einem Urlaub im Baskenland vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht werden, beschließen sie in Spanien zu bleiben und beziehen einen Wohnsitz in Madrid. Sonias Qualitäten als Textildesignerin sollen nun das Überleben der Familie sichern. Sie eröffnet ein Inneneinrichtungs- und Modehaus in Madrid mit dem Namen Casa Sonia und sorgt in einer von Männern dominierten Welt für den nötigen finanziellen Unterhalt. Diese unternehmerische Aktivität findet auch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich ihre Fortsetzung und erfährt erst durch den New Yorker Börsenkrach und die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 ein jähes Ende. Haben wir bis dato geglaubt, Emilio Pucci oder Missoni seien die Erfinder grafischer Muster und atemberaubender Farbkombinationen in der Welt der Mode gewesen, so werden wir in der Pariser Ausstellung eines Besseren belehrt. Neben zahlreichen Gemälden und Aquarellen Sonia Delaunays – wie etwa ihren Arbeiten im Zusammenhang mit dem Palais de l’Air der Pariser Weltausstellung im Jahr 1937 – erwartet den Besucher eine schier endlose Fülle an topmodern anmutenden Stoffmustern, Textilentwürfen und Kleidern von der Hand der Künstlerin. Ein 1925 entstandener, eigens für die Ausstellung restaurierter Farbfilm – einer der ersten seiner Art in der Geschichte des Films – präsentiert Sonias avantgardistische Textilkreationen. Adieu, Pucci, adieu, Missoni – et bonjour, Sonia!

Die Pariser Retrospektive macht deutlich, dass Sonia Delaunays Kunst ein Gesamtkunstwerk ist, das sich auf fast alle Bereiche des modernen Lebens erstreckt. Spätestens jetzt hat sie die ihr gebührende Würdigung erfahren – und wir haben erkannt, dass sie avantgardistischer war als die größten Avantgardisten der Avantgarde.

Bis 22. Februar 2015

 

Weitere Termine:

15. April–9. August 2015
Tate Modern
The Eyal Ofer Galleries, Level 3
Bankside
London SE1 9TG
www.tate.org.uk
Öffnungszeiten: Sonntag–Donnerstag 10–18 Uhr, Freitag–Samstag 10–22 Uhr

 

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

 

Ort: 
Autor: