Scheune, Archetypus, Lagerhalle - Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron bauen Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin

01.11.16

Uta Baier war bei der Pressekonferenz in Berlin: 

Eine Scheune also. Ein klassisches Satteldachhaus - doppelt so lang wie breit und aus Backstein. So soll der abschließende, verbindende, letzte, heilende Bau am Berliner Kulturforum, das Museum des 20. Jahrhunderts, aussehen. Die Jury entschied sich jetzt für den Entwurf des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron und jubelte über „einen grandiosen Entwurf“. Dabei schlagen die Schweizer Architekten etwas architektonisch eher Unauffälliges, Unspektakuläres vor, das sie selbst „Archetypus“ nennen. Der Entwurf für das „Museum der Moderne“ am Berliner Kulturforum wird eher an eine „Lagerhalle, ein Festzelt oder einen antiken Tempel“ erinnern, wie es Jury-Chef und Architekt Arno Lederer beschreibt.

Herzog & de Meuron planen für Berlin ein riesiges Haus, das das gesamte Baugrundstück von rund 10.000 Quadratmetern ausfüllt und zwei Boulevards integriert. Die verbinden nicht nur die umliegenden Museen mit Staatsbibliothek und Philharmonie, sondern gliedern das neue Museum in vier Bereiche. „Zwei sich kreuzende innere Straßen erschließen die in vier Quadranten angesiedelten Museumsräume. Es sind eher Boulevards als Straßen, weil sie die Besucher zum Verweilen einladen, um gemeinsam Kunst anzusehen oder ganz einfach, um sich an diesem neuen Ort zu treffen“, heißt es in den Erläuterungen zum Entwurf der Schweizer, die momentan in Hamburg den Bau der Elbphilharmonie beenden und kürzlich für ihren Tate Modern-Erweiterungsbau in London gefeiert wurden. Zu den beiden geplanten Durchquerungen, die öffentlich sind und unabhängig von den Museumsöffnungszeiten betreten werden können, erklären die Architekten: „Wie in der Stadt ist die Kreuzung der belebteste Ort. In der Mitte erfasst man das ganze Gebäude und seine Struktur auf einen Blick. Gleichzeitig können hier großformatige Kunstwerke gezeigt oder für diesen Ort geschaffen werden.“

Die Schweizer setzten sich mit ihrer Idee gegen die geschwungenen Fassaden der zweitplatzierten dänischen Architekten Lundgaard & Tranberg und gegen einen eher unauffälligen, kleineren Kubus des Berliner Büros Bruno Fioretti Marquez durch.

Dass die Jury den Siegerentwurf, der aus 40 Entwürfen gekürt wurde, lobt, liegt in der Natur der Sache. Doch bei diesem Bau geht es nicht nur um eine überzeugende Hülle für eine Sammlung, sondern um ein Stadtareal, das bisher als eines der schlecht geplantesten und unattraktivsten gilt. Denn nebenan stehen nicht nur die gelblich-glänzenden Gebäude von Hans Scharoun, der bewegte Formen für Philharmonie und Staatsbibliothek wählte und eine Kirche von Friedrich August Stüler, sondern auch Mies van der Rohes längst als Ikone verehrter Glaspavillon der Neuen Nationalgalerie und die großen Betonmassen von Gemäldegalerie und Kunstgewerbemuseum, die am Rand einer Ansammlung verschiedener Treppen und schiefer Ebenen liegen. Als der Bundestag vor zwei Jahren 200 Millionen Euro für ein neues Museum bereit stellte, verband er damit auch die Hoffnung auf eine Lösung dieser stadtgestalterisch unbefriedigenden Situation. Mit den beiden Boulevards wird es nun Verbindungen zwischen den Häusern geben und mit der langen Fassade entlang der Straße eine optische Beruhigung.

Mit dem Bau des Museums, das 2022 eröffnet werden soll, wird aber nicht nur die Gestaltung des Kulturforums beendet, sondern auch die Erweiterung der Sammlung der Neuen Nationalgalerie gesichert. Denn die Berliner Sammler Ulla und Heiner Pietzsch hatten die Schenkung ihrer Kunst an den Bau eines neuen Museums mit ausreichend Fläche für eine Dauerpräsentation geknüpft. Im Neubau werden ab 2022 neben den 4000 Nationalgaleriewerken, für die es in Mies van der Rohes Glaskubus nie genug Platz gab, auch die Privatsammlungen Marzona, Marx und Pietzsch gezeigt werden.

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