REN HANG 野生 – OstLicht

20.03.15

Ein weiblicher Körper präsentiert sich ausschnitthaft in völliger Nacktheit. Acht Hände mit knallrot lackierten Fingernägeln ordnen sich wie ein Geflecht zwischen den Beinen an und vermeiden damit die völlige Entblößung der Genitalien. Die sich kreuzenden Finger suggerieren nur eine Momentaufnahme zu sein, die Körperregion wird auf irritierende Weise zum aktiven Zentrum der Fotografie. Rot als sexuell konnotierte, erotisierende Farbe taucht in den Arbeiten von Ren Hang (*1987, Chang Chung, China) immer wieder auf. Nicht nur als Nagellack sondern ebenso als Lippenstift, dessen Funktion teilweise erweitert wird, wenn sich ein Model etwa um ihre behaarten Genitalien ein rotes Herz malt. Rote Tulpen scheinen aus dem Schamhaar zu sprießen, Kirschen werden auf den roten Lippen balanciert …

Was anrüchig oder vielleicht sogar pornographisch klingt, erscheint zugegen desexualisiert. Die atypischen Posen sind geprägt von der Überdehnung des menschlichen Körpers, scheinen die Biegsamkeit bis an die Grenzen auszuloten und sind teilweise miteinander verflochten. Trotz aller Verrenkungen strahlen die Fotografien eine Ruhe aus und wirken wie skulpturale Konzeptionen. Eine Wahrnehmung, die der eher wortkarge Ren Hang als solche nicht im Sinn hatte. Im Interview mit Parnass negiert er jegliche Konzeption oder Planung seiner Werke und betont stets die Motivlosigkeit seiner Bildkompostionen. Ist der biegsame Körper nur ein Scheincharakteristikum seiner Fotografien? Ein Zufalls- oder Nebenprodukt seiner partyähnlichen Zusammentreffen mit Freunden?

Im Durchschreiten der Ausstellung wird deutlich, dass die Absolution in den Aussagen von Hang nur bedingt zutrifft. Die propagierte Planlosigkeit wird gesprengt von Arbeiten, die nicht nur den menschlichen Körper zeigen, sondern auch Tiere: Katzen, Schlangen und Schmetterlinge werden zu geladenen Akteuren. Ein Schwan sitzt auf der Brust einer Frau, anonymisiert ihren Blick. Die aktive Rolle der Models – allesamt Freunde des Künstlers – scheint auf den direkten, fast schon provokanten Blick in die Kamera reduziert. Einige Tiere ersetzen den menschlichen Blick durch den eigenen. In einer anderen Arbeit verleihen Schmetterlinge einen Moment der Bewegung, vermögen einen Kontrast zu dem fast schon kühlen Porträt zu bilden.

Verortet man die Fotografien in der Heimat von Ren Hang, in Peking/ China, wird ihre Rebellion gegen die Tabus der Gesellschaft bis ins Unermessliche herausgefordert und das konstante Spiel mit der Zensur offenkundig. So galt die Homosexualität, die Hang in seinen Arbeiten auch erkundet, bis vor über einem Jahrzehnt noch als Geisteskrankheit in China.

Die Ausstellung im OstLicht, die vom 19. März bis 19. Juni 2015 gezeigt wird, ist europaweit die bisher größte des jungen „Shootingstars“, wie er im Pressetext angekündigt wurde. Seit 2008 arbeitet er mit dem Medium der Fotografie: Zunächst lediglich als Ausgleich zum eher trockenen Studium der Kommunikation. 2010 erhielt er dann bereits den Third Annual Terna Prize for Contemporary Art. Seither kann Hang zahlreiche Ausstellungen in China, Frankreich und Schweden verzeichnen, ist in Gruppenausstellungen nahezu europaweit vertreten. Der Fotograf, der auch als Lyriker tätig ist, publizierte zahlreiche Fotobücher: Anlässlich der Ausstellung im OstLicht erscheint ein exklusives Posterfotobuch, limitiert auf 600 Stück.
Zum Interview mit Ren Hang
Bis 19. 6. 2015  

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