Pussys im Eremitage-Tunnel - Manifesta 10, St. Petersburg

24.09.14

Erik van Lieshout: The Basement, 2014 (Courtesy Annet Gelink Gallery, Amsterdam, NL/Commissioned by MANIFESTA 10 St. Petersburg mit finanzieller Unterstützung des Mondriaan Fund, The Netherlands Film Fund, Outset: Netherlands, and Wilhelmina E. Jansen Fund)

Manifesta 10, St. Petersburg

Die Idee war tollkühn. Mitarbeiter der Leningrader Eremitage luden Künstlerfreunde in das Museum ein, das eine der weltweit größten Sammlungen besitzt, aber zur Sowjetzeit keine zeitgenössische Kunst in seinen heiligen Hallen duldete. Die Ausstellung war nicht öffentlich. Aber am Bediensteteneingang bildeten sich bald lange Schlangen. Die Schau wurde zum Stadtgespräch und zum politischen Skandal und postwendend verboten. Der Direktor musste seinen Hut nehmen und in den folgenden Jahren wurden alle Aktivitäten des Museums streng kontrolliert.

Das passierte vor genau 50 Jahren, am Ende der Chruschtschow-Ära. Heute heißt Leningrad – nach einer Volksabstimmung in den 1990er-Jahren – wieder St. Petersburg und das 250-jährige Jubiläum der Eremitage wird in diesem Sommer mit der Manifesta 10 gefeiert, die vor zwanzig Jahren in Amsterdam als europäische Wanderbiennale gegründet wurde. Mit dem Ziel, Brücken zu schlagen zwischen der zeitgenössischen Kunst in Ost und West.

Neue Kunstfreiheit an der Neva? Leider nein. Die Ausstellung ist ein Triumph für Mikhail Piotrovsky, den Direktor der Eremitage, der die Manifesta haben wollte, und für den deutschen Kurator Kasper König, der sie umsetzte. Beide sind „alte Hasen“ im Kulturbetrieb. Sie kämpften gegen offenen Widerstand (Boykottaufrufe, Zensur), Sturheit der Institutionen und subversive Opposition im Museum selber. Und sie behielten die Oberhand. Fast ein Wunder.
 

Die Kunst ist in Russland zur Zeit mal wieder alles andere als frei. Am Abend der Manifesta-Eröffnung platzte in Moskau ein Konzert des US-Rockmusikers Marilyn Manson wegen einer Bombendrohung. Gewaltbereite russisch-orthodoxe Christen sahen in der Veranstaltung eine Gefahr für die Jugend. Gemeinsam mit den Neonationalisten versuchen diese, das Rad rückwärts zu drehen. Glücklicherweise ließ sich Kasper König von dieser unguten Stimmung nicht wirklich provozieren. Neben der eigentlichen Manifesta-Schau, die die pompös restaurierten Räume des ehemaligen Generalstabsgebäudes gegenüber der Eremitage einweihen darf, wo ab 2015 Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts gezeigt werden wird – neben diesem sehenswerten Parcours nistete König einige zeitgenössische Werke in die fast unüberschaubare Fülle alter Kunst ein, die in den tausend Zimmern der ehemaligen Zarenresidenz behütet wird. Ein Coup des listigen Kurators und die größte Herausforderung an die traditionsbewussten russischen Besucher.

Was verbindet Werke der New Yorker Künstlerin Louise Bourgeois (1911–2010) mit den Radierungen des Italieners Giovanni Battista Piranesi (1720–1778), die in einem der barocken Prachträume vereint wurden? Bourgeois baute ihre großartigen „Zellen“ und liebte die Werke Piranesis. Piranesi zeichnete die berühmten „Carceri“. Seine Werke wurden von Katharina der Großen hochgeschätzt und für die vor 250 Jahren von ihr gegründete Eremitage angekauft. Die Zarin (1729–1796) sammelte also zeitgenössische Kunst. Dasselbe tut auch Mikhail Piotrovsky, der Louise Bourgeois eine Ausstellung widmete. Fakten, die als Entrée für diesen Raum nützlich sind. Eine optisch eher unauffällige, dafür inhaltlich um so stärkere Herausforderung, ist die Präsentation von Gerhard Richters zartem Porträt „Ema, Akt auf einer Treppe“ . Auf der Rückseite der Wand, vor der das Bild hängt, befindet sich der ehemalige Zarenthron. Aber wer nimmt dieses hinreißende dos à dos schon wahr im Gedrängel der Besucherscharen.

Musik bringt die Besucher kurz zum Schweigen auf der prachtvollen Treppenanlage, die das riesige Raumkunstwerk zusammenhält, das der Münchner Architekt Leo von Klenze (1784–1864) im 19. Jahrhundert als Erweiterungsbau der Eremitage schuf. Eine Klanginstallation der schottischen Künstlerin Susan Philipsz füllt das Treppenhaus mit getragener Klaviermusik. An der Außenwand geben zwei Straßenlautsprecher, wie sie im Sozialismus omnipräsent waren, ebenfalls Klaviertöne von sich. Meistfotografiertes Werk im Reigen der eingeschmuggelten neuen Kunst in der alten Zarenresidenz ist Katharina Fritschs „Dame mit Hündchen“, lebensgroß aus rosa und weißen Muscheln zusammengesetzt.

Der Hauptausstellung im Generalstabsgebäude hat Eric van Lieshout einen wahren Knüller verpasst. Man muss in den repräsentativen Räumen abtauchen in einen Tunnel, der innen tapeziert ist mit mehr oder weniger frechen Fotos und Kommentaren. Dann kommt´s. Ein Video dokumentiert, wie der Holländer es den berühmten Katzen der Eremitage in wochenlanger Arbeit endlich so richtig gemütlich gemacht hat. Diese Pussys haben ein Wohnrecht unter dem Palast, seit eine Zarin mit Mäusephobie ihre Anschaffung befahl. In diesem Sommer sorgen sie bei der Manifesta für so viel Gelächter wie es in Ausstellungen selten vorkommt.

Hinter dem Katzentunnel hat Thomas Hirschhorn mit viel Pathos und Klebeband eine abstürzende Wand inszeniert. In den offengelegten Räumen der Ruine sollen sich Bilder – echte! – von Malewitsch befinden. Eine Hommage an die russische Revolutionskunst. Wie man zu regressiven Sowjetzeiten, als es für progressive Künstler kein Material gab, aus der Not eine Tugend machte, ist in dem Raum mit Werken des 2002 verstorbenen Timur Novikow auf das Schönste zu sehen. Die mit minimalen Zeichen in Acryl bemalten quadratischen Stoffe des Leningraders werden heute teuer gehandelt.

Höhepunkte der Ausstellung sind die kleine Werkschau von Wolfgang Tillmans und die Bilder vom Maidan-Platz des in der Ukraine geborenen Boris Mikhailov. Beide Fotografen unterlaufen alle vergröbernden Erwartungshaltungen zur politischen Korrektheit. Mikhailov ergreift mit seinen Bildern eindrucksvoll Partei für die Leidenden. Tillmans inszeniert Körperbilder und weigert sich in aller Gelassenheit, Galionsfigur für Homosexualität zu spielen, die in Russland zur Zeit heftig attackiert wird.

Wer sich auf die Suche nach der St. Petersburger Off-Szene macht, von der man erwartet hatte, dass sie bei der Manifesta Flagge zeigt, wird enttäuscht. Der Aufbruchsgeist der 1990er-Jahre, als Künstler an der Pushkinskaya einen großen Wohnkomplex besetzten, scheint erloschen. In den Ateliers werkelt man vor sich hin. Den John-Lennon-Tempel gibt es noch. Der Dichter Puschkin thront unangefochten in Bronze auf seinem Sockel vor der Tür.

Lebendiger ist es auf der anderen Seite des Flusses Neva. In einer heruntergekommenen ehemaligen Kadettenschule kann man lustvoll über Kunst stolpern, die keine Biennale-Reife hat wie bei Kasper König, aber viel Spaß macht.

Bis 31. Oktober 2014, Eremitage, Palace Square 2, 190000 St. Petersburg, Russland, www.manifesta.org

 

 

 

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