Psycho Drawing I Lentos

31.03.17
Johann Hauser, Tigerkopf, 1982, LENTOS Kunstmuseum Linz, Foto: Reinhard Haider

Art Brut und die 1960er und 1970er in Österreich

Die umfangreiche Ausstellung im Lentos Museum zeigt Arbeiten im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wahn. Neben Werken aus Gugging präsentiert sie Arbeiten der professionellen Künstler Adolf Frohner, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Günter Brus, Christian Ludwig Attersee, Maria Lassnig, Martha Jungwirth, Hermann NitschAnselm Glück und Othmar Zechyr. Die Ausstellung baut auf stilistischen Vergleichen auf, veranschaulicht ähn­liche Themen und formale Übereinstimmungen. Sie spürt den Gemeinsamkeiten von Art Brut aus Gugging und der Kunst der Professionellen nach und kommt dabei zu verblüffenden Parallelen.

Mit der 1922 erschienenen Publikation "Bildnerei der Geisteskranken" machte der Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn erstmals wissenschaftlich und künstlerisch auf die bildnerischen und literarischen Werke von psychisch Kranken aufmerksam. Er war der Ansicht, dass Kreativität durch zivilisatorische Entwicklung unterdrückt werde. Bei Psychotikern hingegen könne sich ein originaler Schaffensdrang durchsetzen. Max Ernst, Paul Klee, Pablo Picasso und vor allem die Gruppe der Surrealisten um André Breton beschäftigten sich bereits in den 1920er-Jahren mit den Erkenntnissen von Prinzhorn und mit den ausdrucksstarken Wirklichkeiten in den zu Papier gebrachten Welten von geisteskranken Künstlern. Diese Freiheit des Ausdrucks durch Deformation, Verdrehung, Verzerrung, Zerstückelung, Verdopplung und Verschmelzung findet sich in der freien Kunst in gleicher Weise wieder, allerdings geschaffen durch einen bewussten, nachvollziehbaren evolutionären Prozess. In Österreich gab es die Tendenz zu einer außergewöhnlichen, fast skurrilen zeichnerischen Erzählweise bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts – vertreten durch Alfred Kubin, Klemens Brosch, Franz Sedlacek und Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Für die Künstlergeneration nach 1945 wie die Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus oder der Hundsgruppe, zu der Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Arik Brauer, Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky, Josef Mikl und Arnulf Rainer gehörten, bildete Prinzhorns epochales Werk eine wichtige Inspirationsquelle. 

1945 prägte der französische Maler Jean Dubuffet den Begriff "Art Brut" und definierte damit eine unverbildete Kunst, die spontan, unreflektiert sowie frei von akademischer Prägung und gängigen Trends geschaffen wird. Leo Navratil, Leiter der Nervenheilanstalt Gugging, knüpfte ab 1956 daran an und stellte einen Zusammenhang zwischen Psychose, Kreativität, Kunst und Therapie her. Heute zählen die Gugginger Künstler zu den weltweit wesentlichsten Vertretern der Art Brut. Sie haben in den letzten 30 Jahren internationales Renommee erlangt und sind durch ihre Eigenständigkeit und Authentizität eine Inspirationsquelle für viele zeitgleiche Künstler geworden. Ihre antiakademische Physiognomisierung, Formalisierung und Symbolisierung zeigte völlig neue Bilderwelten. Peter Pongratz war ab 1965 oft in Gugging und zeigte sich fasziniert von den formal-ästhetischen Auseinandersetzungen. Arnulf Rainer trat durch Gemeinschaftsarbeiten und gegenseitige Übermalungen direkt in den Dialog mit den Gugginger Künstlern.

Das unter Navratil klinisch orientierte "Zentrum für Kunst und Psychotherapie" wurde unter der Direktion von Johann Feilacher zu einer Wohngemeinschaft für Künstler umgewandelt. Die Sammlung Navratil wurde vom Lentos Kunstmuseum 1980 erworben. In der Ausstellung werden die Sammlungsbestände um Leihgaben aus Museen, der Sammlung Essl sowie direkt aus dem Besitz von Künstlern ergänzt. Umfangreiches Film- und Tonmaterial sowie Videointerviews mit Zeitgenossen geben einen Einblick in die Geschichte der Künstler in Maria Gugging.

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