Preview aus Kassel | documenta 14

08.06.17
© PARNASS

Gestern, am 7. Juni 2017, eröffnete Adam Szymczyk, Leiter der diesjährigen documenta 14, mit den Worten "immerse in the darkness of not knowing instead of pretending to know" (Tauchen wir ein in die Dunkelheit des Unwissens anstatt vorzutäuschen zu wissen) das Presse Preview in Kassel. Ein Déjà-vu hat er doch bereits eine documenta 14 eröffnet, Anfang April in Athen. Diesen Samstag folgt nun der zweite große Teil der Weltkunstausstellung im kunst-geschichtsträchtigen Kassel. Vorboten im öffentlichen Raum scheinen die Kassler jedoch bereits vor der offiziellen Eröffnung eingenommen zu haben, in der Straßenbahn diskutieren Senioren ob denn noch genügend Bücher für das Parthenon der Bücher von Marta Minujín gespendet werden, am Königsplatz interagiert man unterdessen mit dem Obelisken von Olu Oguibe als wäre seine Gravur "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" bereits immer in den offensichtlich toleranten Stadtraum eingeschrieben gewesen. Eine ähnliche Ambivalenz von imposanter Zurückhaltung erzeugt Banu Cennetoğlu mit der Inschrift "BEINGSAFEISSCARY" (In Sicherheit sein macht Angst) am Friedrichsplatz.

Ein Blick auf die Stadtkarte verrät dass sich die documenta in diesem Jahr stark ausbreitet. Vor allem neue Räume um die Universität gilt es zu erkunden. So überraschen in die Gottschalk-Halle und die Neue Neue Galerie mit medienvielfältigem Dialog und anregender Performanz. Im Fridericianum zeigt sich die Sammlung des griechischen Nationalen Museum (EMST). Im Vorfeld vorsichtig kritisch beäugt, überrascht die klare museale Wirkung mit anziehenden neuen Positionen untermischt mit Größen der Kunstgeschichte. Währendessen stellt man sich in der Documenta Halle vor allem Fragen der Migration und der verlorenen kulturellen Geschichte der Verlierer des Kolonialismus. Nichts geringeres als unsere Wahrnehmung der Welt wird im Zuge der documenta einmal mehr hinterfragt. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Teil des documenta 14 Kuratorenteams und derzeit auch prominent in den Wiener Festwochen aktiv, proklamierte in diesem Sinn in seiner Eröffnungsrede das weltpolitische und kuratorische Ende der Unsicherheiten die gesichert auftreten ("performance of uncertainty as certainty"), die Dekolonialisierung des Wissens und Mut zur Desorientierung als Aktion. Tabula rasa in Kassel.  

Ausführliche Berichte und Kommentare unserer Autoren aus Kassel folgen in den kommenden Tagen.

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