Pipilotti Rist. Komm Schatz, wir stellen die Medien um & fangen nochmals von vorne an.

02.06.15

Noch bis 28.Juni ist die Soloausstellung von Pipilotti Rist in der Kunsthalle Krems zu sehen. Jüngst erschien der Katalog zur Ausstellung – als aufwendig gemachtes und gelungenes Künstlerbuch. Wir haben im PARNASS Heft 1/2015 ein Porträt der Künstlerin gebracht. Nun war Nina Schedlmayer vor Ort und hat für PARNASS die Ausstellung kommentiert. 

Pipilotti Rist – Kunsthalle Krems
Manche Videoinstallationen der Schweizerin Pipilotti Rist können ihr Publikum überwältigen: Wenn die Künstlerin etwa, auf den Boden projiziert, den ebendort stehenden Betrachter mit ihrem weit aufgerissenen Mund zu verschlingen scheint. Oder wenn ein riesiger Bulldozer auf einen zurollt und dabei knallrote Tulpen platt walzt.

Die 52-Jährige, die bereits im New Yorker Museum of Modern Art ausstellte, gastiert derzeit in der Kunsthalle Krems mit einer großen Retrospektive, die einen gewissen Unterhaltungswert besitzt: Da tanzt eine Frau im Zeitraffer und singt dazu mit Micky-Maus-Stimme den Beatles-Hit „Sexy Sadie“. Eine andere zertrümmert, heiter die Hüften wiegend, Fenster von parkenden Autos mit einer stählernen Blume, zum Wohlgefallen einer vorbeischlendernden Polizistin – eine von Rists wohl stärksten und einprägsamsten Arbeiten („Hier realisiert sich ein Traum als blühende Wunscherfüllung, hier ist eine Frau, falsch: ein zwischen einer fröhlichen Jeanne d’Arc und einer militarisierten Madonna situiertes Super-Girl am Werk, das, ermuntert durch das wohlwollende Auge des Gesetzes, auf Fetischjagd geht“, schreibt der Psychoanalytiker August Ruhs im Katalog treffend).

Die poppigen laufenden Bilder sind allgegenwärtig hier – auch im eigens für die Ausstellung erdachten „Kremser Zimmer“, wo Videos einen Wohnraum durchdringen: Pflanzen ranken sich über einen Esstisch, Funken zerstieben auf einem zerwühlten Bett, die Künstlerin schreit einem aus einem Loch im Teppich entgegen. Auch in einer Gruppe von Handtaschen, die auf Sockeln stehen und in die man hineingucken kann, flirrt und flackert es – auf kleinen Screens spielen sich farbintensiv gestaltete Szenen, häufig in der Natur, ab. In manchen Arbeiten („Pickelporno“) scheint Rist mitsamt ihren Betrachter/innen in die Körper hinweg-, in sie hineinzukriechen; dabei fühlt man sich bisweilen an Yoko Onos „Fly“ erinnert, wenngleich die Arbeit der Videopionierin ungleich nüchterner daherkommt als die opulenten und bunten Bilderwelten ihrer rund dreißig Jahre jüngeren Kollegin. 

Mit ihren Arbeiten versucht Rist, die Distanziertheit des westlich geprägten Blicks aufzuheben: „Die Besonderheit ihres Oeuvres liegt (...) darin, dass es gerade entgegen den herrschenden Blickregimen und der zunehmenden Virtualität der Lebenswelt, in der man als passive/r Empfänger(in) der einen umgebenden Bilderflut ausgeliefert ist, die Betrachter(innen) zu Akteur(inn)en seiner Bildräume werden lässt und ein multisensorisches Erleben der (Bild-)Realität sowie der eigenen Körperlichkeit ermöglicht“, schreibt Stephanie Damiantisch, die gemeinsam mit Hans-Peter Wipplinger, Direktor der Kunsthalle Krems, die überaus aufwendige Ausstellung kuratiert hat, in dem – ebenfalls aufwendig gestalteten – Katalog.

Doch während durch die früheren Bildzerstörungsbilder Rists noch ein anarchischer Geist wehte, so zeigen sich ihre jüngeren Videos überaus elaboriert, manchmal etwas gar glatt: Mit dem eingangs erwähnten riesenhaften Blumenzerstörungsvideo könnte sie gut und gern auch für eine Umweltschutz-NGO Werbung machen. Und ein riesiger Luster aus Unterhosen – müssen derart mittellustige Einfälle wirklich umgesetzt werden?

Es ist wohl kein Zufall, dass Kinder auf Rists Arbeiten abfahren: Das Bewegtbild geht schließlich immer, vor allem, wenn es so schön bunt ist wie hier. Auch Erwachsene können sich der visuellen Sogkraft von Rists träumerischen Welten bisweilen kaum entziehen – und das bedeutet schon viel in einer Gegenwart, die das schlichtweg Schöne skeptisch beäugt. Doch inhaltlich tritt die Künstlerin, die sich nach einer Kinderbuchfigur nannte, mit ihren flashigen Kosmen ein wenig auf der Stelle. 

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