Peter Dörflinger in der Galerie Chobot

26.04.16

Es gibt wenige Galerien in Wien, die das Thema Skulptur in dieser Konsequenz zum Programm machen wie die Galerie Chobot in der Domgasse. Das Portfolio umfasst dabei Bildhauer, die nach 1945 ihr Studium an der Akademie begonnen haben – wie Josef Pillhofer oder Herbert Albrecht, beides Studenten der Wotruba-Klasse, die regelmäßig zu sehen sind – bis Künstler einer jüngeren Generation. Aktuell sind Arbeiten des aus Kärnten stammenden Peter Dörflinger zu sehen. Er arbeitet wie die meisten von der Galerie vertretenen Künstler in den sogenannten „traditionellen oder klassischen Materialien“. Dass diese durchaus ein adäquates Medium der Gegenwartskunst sind und so gar nicht der „Tradition“ entsprechen, zeigt die Ausstellung in eindrucksvoller Weise.

Peter Dörflinger, geboren 1957 in Villach ist Autodidakt. Nach dem Besuch der HBLA für Tiefbau in Villach erlernte er zunächst den Beruf des Bootsbauers. Ende der 1970er-Jahre arbeitete er erstmals mit Stein, als Assistent von Max Gangl, der im Steinbruch Lauster im Krastal arbeitete. Später folgte eine Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Hans Muhr. Seit 1985 ist Peter Dörflinger freischaffender Künstler.

Zunächst entstanden Skulpturen aus Stein, bevorzugt aus Krastaler oder Gummener Marmor und Serpentin aus Osttirol. Beide Steinarten bevorzugt der Künstler aufgrund ihrer Härte. Seit 2004 entwickelte Peter Dörflinger auch Objekte und Skulpturen aus Holz und Papier. Schon seine frühen Steinskulpturen mit noch roh belassener Oberfläche zeigen sein Interesse an der Durchbrechung des geschlossenen Blocks und an einer Verschränkung verschiedener Bewegungsrichtungen in der Bearbeitung. Die Oberflächen seiner amorphen Skulpturen blieben zunächst unbehandelt oder wurden mittels Spitzeisen bearbeitet, während seine späteren Steinskulpturen eher glatt poliert sind. Aber gerade bei den neuen Arbeiten sieht man wieder die unterschiedliche Oberflächenbearbeitung. Doch hängt das, so Dörflinger immer vom jeweiligen Stein ab und ist zum Beispiel im Serpentin gar nicht möglich.

Aushöhlungen und in sich verschränkte Formen, die scheinbar in einer steten Bewegung sind, sich winden, ihr Volumen ausdehnen, sich stellenweise verdicken um an anderer Stelle in einer kurvigen Bewegung auszulaufen, sind charakteristisch für Dörflingers Steinskulpturen. Frühe Figuren zeigen Kopfformen oder erinnern an Körperformen, doch das Figurative war schnell überwunden. Der Kontrast von Bewegung und Statik sowie von Dichte und Aushöhlung prägt in der Folge seine Skulpturen. Die Kunsthistorikerin Christine Wetzlinger-Grundnig beschreibt diese als „zarte, geschwungene organische Formen, die im Laufe der Zeit immer filigraner und spielerischer werden, charakterisiert durch fließende Linien und runde Konturen, [...]“. Peter Dörflinger arbeitet wie er selbst sagt „dem Material nach“ – bestimmt wird der Verlauf des Arbeitsprozesses vor allem durch die Eigenschaften der Steine. Er lässt sich von den Bedingungen zugleich anleiten und beschränken. Vieles entsteht wie er auch in unserem Gespräch betont, im Arbeitsprozess selbst. „Es gibt natürlich grobe Skizzen, doch gibt das Material vieles vor“, zeigt Dörflinger einen Stapel bezeichneter Papiere in seinem Atelier. Daneben entstehen gestische Skizzen mit Kugelschreiber, die den Werkprozess begleiten.

Um seine Intention, die Schwere des Materials aufheben, liegen seine Skulpturen zumeist nur auf einer Stelle am Sockel auf. Sie lassen sich mit einer leichten Handbewegung kippen oder drehen. Durch die Möglichkeit der Bewegung bieten sich ganz neue, überraschende Ansichten und Einblicke und ein diffiziles Licht- und Schattenspiel. Doch hier ging der Impuls zu diesem fast schon Markenzeichen des Künstlers wie so oft vom Zufall aus – aus dem sich dann ein bewusster skulpturaler Eingriff entwickelte. Dörflinger spielt gerne mit dem Material und lässt es durch die Schlingen und Windungen weich und leicht formbar erscheinen. Dies trifft auch für die Skulpturengruppe im Kabelwerk im Wien Meidling zu, die 2006/07 entstanden. Die Module, die aus dem Boden ragen, suggerieren eine Bewegung die, wie auch das Modell der Skulptur zeigt, unter der Erde weitergeht. „Steinerne Kabel“ enden über den Boden, andere vollführen einen Bogen und „tauchen“ wieder in den Beton ein.

Aus seiner Lehre als Bootsbauer war die Verwendung von Holz naheliegend. Doch nach herkömmlichen Anfängen, in denen die Form aus dem Holzblock herausgearbeitet wurde, hat er wie er selbst sagt, lange Holzpause gemacht. Erst ab 2004 hat er dann wieder verstärkt und sehr erfolgreich zu diesem Material gegriffen. Seine Ausbildung als Bootsbauer und die dadurch erworbenen hohe technische Fertigkeit in diesem Material, ermöglichte ihm mit neuen Formen und Techniken zu experimentieren. Peter Dörflinger arbeitet bevorzugt mit Birkensperrholzlatten, die er schichtenweise zusammensetzt. Schichten um Schichten werden aufgebaut und selbst dort wo er die Oberfläche am Schluss überarbeitet, sind diese Schichten noch sichtbar – was ihm wichtig ist. Die oft sehr großformatigen Objekte entstehen in einem von innen nach außen gerichteten Arbeitsprozess. Gleiche Formen werden leicht versetzt miteinander verleimt und nicht sichtbar verschraubt. Das Arbeiten mit seriellen Modulen steht dabei im Mittelpunkt. Daraus entwickelt Peter Dörflinger großformatige amorphe Objekte, die mit ihren herauskragenden Formen oft weit stärker den Raum für sich beanspruchen als seine Steinskulpturen.

Bekannt wurde der Künstler auch durch die Verschränkung von Musik und Steinskulptur und hier insbesondere durch das von ihm gemeinsam mit dem Pianisten und Komponisten Uli Scherer entwickelte „Lithoneum“, einem Instrument aus Steinplatten. Vor kurzem wurde eine große Steinarbeit vom Museum Liaunig für den neu errichteten Skulpturenpark des Museums, der ab Anfang Mai zu besichtigen ist, angekauft.

Bis 28.Mai 2016

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