Palermo Dreams | Manifesta 12

26.06.18
FALLEN FRUIT, Theatre of the Sun, 2018, Foto: Wolfgang Träger, Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist

Palermo träumt von einer besseren Welt, mit und ohne Manifesta. Die 12. Ausgabe der europäischen Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst eröffnete am 16. Juni 2018 in der sizilianischen Metropole. Der Bürgermeister dieser überwältigend prachtvollen Stadt mit normannischen, byzantinischen, arabischen und spanischen Einflüssen, Leoluca Orlando, zeigt auf politischer Ebene vor, wie es geht: Er heißt die Menschen, die hier in Booten ankommen, als Bürger Palermos willkommen, drängt erfolgreich den Einfluss der Mafia zurück und kämpft für das Menschenrecht der Mobilität. Seiner Vision einer weltoffenen Stadt leistet die Manifesta 12 ihren Beitrag, indem die zeitgenössische Kunst intensiv mit der Stadt interagiert.

So öffnen sich viele der dem Verfall preisgegebenen atemberaubenden Palazzi, ehemaligen Industriehallen und Kirchen wie auch der riesige tropische botanische Garten dem vom niederländischen Kuratorenteam um Hedwig Fijen erdachten Programm. Das Thema "Planetary Garden. Cultivating Coexistence" wurzelt im kulturellen Synkretismus der tropischen Natur vor Ort und der Geschichte und Gegenwart Palermos. Bis 4. November 2018 bespielen 50 Künstler 20 verschiedene Orte der Stadt. In enger Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern, Institutionen und NGOs entwickelten Kunstschaffende, Autoren, Regisseuren und Architekten (zum Beispiel OMA, das Büro des niederländischen Architekten Rem Koolhaas) zudem 35 Auftragsarbeiten.

Jede einzelne der Locations ist einen Besuch wert. In den morbid-fantastischen Bauwerken glänzt auch die Qualität der künstlerischen Arbeiten; sie fahnden nach Antworten auf die Probleme unserer gegenwärtigen Welt und nehmen besonders Bezug auf die lokalen Themen wie Migration und Freiheit der Mobilität. Narrative Projektionen wie "Videomobile" von Masbedo erzählen persönliche Geschichten rund um Palermo, Laura Poitras kollaborative Arbeit "Signal Flow" recherchiert die Rolle des US-Militärs in Sizilien oder die traurige Installation "Liquid Violence" von Forensic Oceanography analysiert das Mittelmeer als Grenzzone. Marinella Senatore feiert in "Palermo Procession" die anstehende Gleichberechtigung mit einer Multimediainstallation in der Chiesa dei SS. Euno e Guliano als auch in Form einer tatsächlichen getanzten Prozession und huldigt damit auch Palermos Lebenslust. "Theatre of the Sun" vom Kollektiv Fallen Fruit aus Los Angeles besteht aus einer Karte der frucht-tragenden Bäume Palermos und einer bunten Fruchttapeten-Rauminstallation im Palazzo Butera. Viele der künstlerischen Arbeiten sind neben ihren klugen Konzepten auch einfach wunderschön. Das darf die Kunst, nach Jacques Rancière. So auch Patricia Kaersenhouts Berg aus Salz, "The Soul of Salt" in der Beletage des Palazzo ForcellaDeSeta, der auf eine alte Legende unter verschleppten Sklaven verweist dernach wer auf Salz verzichtet, so leicht wird, dass er zurück nach Afrika fliegen kann.

Im Palazzo Costantino und Palazzo Ajutamicristo und eigentlich überall profitiert die Kunst von den schönen Bauten. Manchmal ist die Architektur zu stark und man kann die Blicke nicht von den farbenfrohen Mosaiken, goldenen Arabesken und Stuckaturen lassen. Abseits der Palazzi, im Marktviertel Ballaró und im Handwerkerviertel, wird die Armut Palermos augenscheinlich. Aber die künstlerischen Interventionen passen auch dort, ohne überheblich und aufgesetzt zu wirken. Als Teil des sehenswerten Begleitprogramms der "Collateral Events" findet man im kleinen Oratorio Santa Maria delle Grazie die träumerische Soundinstallation "The Ulysses Syndrome" des Soundwalk Collective. Ein guter Ort im Rahmen des Begleitprogramms ist das weltoffene Restaurant Moltivolti in der Via Giuseppe Mario Puglia im Ballaró, zugleich ein stadtteil-bezogenenes Kulturzentrum und offener multiethnischer Co-Workingspace.

In Palermo fungiert die zeitgenössische Kunst als Nebenszenerie eines größeren Traumes: Der Sehnsucht nach einer besseren Welt. Die Manifesta 12 verhilft der Stadt zu einem Mehr an guter Kunst, Öffentlichkeit und Interaktion in der Stadt. Aber eigentlich ist schon alles da und man fragt sich, ob es das sehr böse "Kulturkolonalismus" genannte Kuratorenprogramm eigentlich braucht. Aber so funktioniert das System nun eben. Angesichts der verfallenden Pracht neben unbeschreiblicher Armut, Lebensfreude neben Gelassenheit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft werden in Palermo die wichtigen Dinge sichtbar. Palermo braucht die Manifesta nicht, aber wir brauchen mehr Palermo.

m12.manifesta.org

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