Olafur Eliasson – Baroque Baroque

13.01.16

Ein Spiel der Wahrnehmung

Die Ausstellung „Baroque Baroque“ zeigt eine bedeutende Auswahl von Werken des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson in den Prunkräumen des Winterpalais in der Himmelpfortgasse in Wien.

Das einst für Prinz Eugen von Savoyen errichtete Wohn- und Repräsentationspalais zählt seit Oktober 2013 zum vierten Ausstellungsort des Belvedere. In ihm treffen barocke Ausstattung, die Sammlungen des Belvedere sowie zeitgenössische Kunst zusammen.
Die neue Ausstellung „Baroque Baroque“ präsentiert 20 außergewöhnliche Arbeiten des Künstlers Olafur Eliasson (*1976 in Kopenhagen geboren) aus den privaten Sammlungen der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) und der Juan und Patricia Vergez Collection.

Im Winterpalais fordert der Künstler auf unterschiedliche Art und Weise die Wahrnehmungsgewohnheiten der Besucher heraus und arbeitet dafür mit Architekten und Wissenschaftlern zusammen. Gleich zu Beginn, nachdem man die Lichtinstallation „Die organische und kristalline Beschreibung“ (1996) passiert hat, sind an der Prunkstiege gelbe Monofrequenzleuchten installiert, die die Räumlichkeiten in gelbes Licht tauchen. Im diesem „Yellow corridor“ (1997) erkennt der Besucher alles nur noch eingeschränkt in den Farben Gelb und Schwarz. Verlässt man den Bereich, erscheint dem Betrachter ein bläuliches Nachbild. „Mir gefällt die Vorstellung, dass eine Farbe von der Existenz anderer Farben abhängt, um fassbar zu sein“, so Olafur Eliasson und sorgt mit dieser Installation dafür, dass die Besucher sich mit ihrem Sehen auseinandersetzen müssen.
Den Übergang vom monochromatischen gelben Licht zum weißen Licht der oberen Ausstellungsräume schaffen die „Cubic crystals“ (2015), zwei großformatige Lichtskulpturen, bestehend aus je einem schwarzen Stahlrahmen in Form einer Doppelpyramide mit hexagonalem Querschnitt.
Betritt man den nächsten Raum wird dieser ganz von der „New Berlin Sphere“ (2009) eingenommen. Diese am Plafond angebrachte Lichtinstallation hat einen Durchmesser von 140 cm und besteht aus zwei Sets von je 20 Spiralen, die sich um eine kugelförmige Oberfläche schrauben. Die inneren Spiralen erstrahlen in den Farben Magenta, Cyan und Gelb, hervorgerufen durch Platten aus Farbfilterglas. Wo der Besucher auch steht, die „Sphere“ zeigt sich immer in einem anderen Licht und spielt mit dem Zusammenspiel von Farben und der Wahrnehmung des Betrachters. Der Installation zuliebe musste der Deckenluster weichen. Hunderte von kleinen Kristallteilchen mussten dafür einzeln in Seidenpapier verpackt werden.

Bei der Installation „Your uncertain shadow (colour)“(2010) muss der Besucher selbst die Initiative ergreifen um den Effekt der fünf farbigen HMI-Leuchten auszukosten, denn sobald man die Lichtkegel passiert, wird der eigene Schatten an die Wand geworfen und in fünf vergrößerte Silhouetten wiedergegeben.

Eine weitere Besonderheit der Ausstellung sind zwei handgefertigte und kunstvoll bemalte Globen vom Karto- und Kosmografen Vincenzo Coronelli (1650–1718), die „Coronelli Globen“ aus dem Jahr 1688 bzw. 1693, die speziell für diese Ausstellung von der Nationalbibliothek entliehen worden sind. Direkt daneben steht das Werk „Lines for horizons“ (2014) von Olafur Eliasson. Sobald der Besucher in diese teilverspiegelte Glaskugel blickt, wird die Geometrie in der Spiegelfläche im Inneren unendlich reflektiert. Gemeinsam mit dem Mathematiker und Architekten Einar Thorsteinn untersucht Eliasson hier das geometrische Vokabular von Addition und Subtraktion im dreidimensionalen Raum. Optisch wird der Raum durch Spiegel (eine 2 Mikrometer dicke Plastikfolie auf Keilrahmen), die sich entlang der gesamten Enfilade ziehen, vergrößert. Hier liegt auch der „Fivefold tunnel“ (2000), der an einen barocken Laubengang mit Amman-Linien-Struktur erinnert. Fünf Reihen paralleler Linien, die dem Goldenem Schnitt entsprechend angelegt sind, durchkreuzen einander in 108 und 72 Grad Winkeln und erzeugen ein komplexes unregelmäßiges Muster, dass durch die Spiegelfolien an der Seite noch verstärkt wird.

Ein weiteres Beispiel für komplexe Symmetrie und dreidimensionale Transformation ist der „Fivefold cube“ (2000). Dieser ist durch die Verschachtelung von fünf Würfeln entstanden. In Zusammenarbeit mit Einar Thorsteinn konzipiert, stellt diese Skulptur aus Holzfaserplatte eine dreidimensionale Übersetzung der Amman-Linien dar, die bei Eliassons Werken häufig vorkommen.

Und wer schon immer eine Vorliebe für Kaleidoskope hatte, der sollte auf keinen Fall das Werk „Seu planeta compartilhado“ (2011) auslassen. In einem Metallgestell eingebunden, finden sich eine Reihe individuell geformter farbiger Kaleidoskope, in der sich dem Betrachter facettierte Ansichten des Raumes und auch von sich bieten.

Sehen, Begreifen, Staunen... Erlebens- und Wahrnehmungsphänomene stehen bei Olafur Eliasson im Mittelpunkt und laden den Besucher dazu ein, Teil davon zu werden und zu interagieren. Ergänzt wird die Ausstellung im Winterpalais durch die Lichtinstallation „Five orientation lights“ im Marmorsaal des Oberen Belvederes. Fünf kleine Leuchttürme gliedern ihren Umraum durch farbige Lichtkegel in Abschnitte. Das von den Leuchttürmen ausgestrahlte Licht passiert die Oberfläche einer speziellen Linse, die in ein facettiertes, farbiges Glasgehäuse eingeschlossen ist. Diese Linsen werden Fresnellinsen genannt und wurden ursprünglich für Leuchttürme entwickelt, damit Licht aus größeren Distanzen wahrgenommen werden kann. Five orientation lights wurde erstmals in San Gimignano gezeigt, wo die Lichtfarben der Orientierung durch die hügelige toskanische Landschaft dienten, die anstatt der gewöhnlichen kartografischen Methoden mithilfe eines Farbcodes kartiert wurde. Die fünf Lichter sind eng nebeneinander im Marmorsaal des Oberen Belvedere installiert, sodass die Lichtfelder sich überschneiden, gemäß dem additiven Farbprinzip vermengen und bis in die umliegenden Gärten hineinstrahlen.
 

Bis 6. März 2016.

Einen Film zur Ausstellung findet man unter: https://www.youtube.com/watch?v=kptljS_cSOY