Olaf Nicolai in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais

21.03.16

Sieben gesungene Postkarten für Innsbruck. Die Galerie im Taxispalais zeigt die erste Personale von Olaf Nicolai in Österreich.

Olaf Nicolai zuzuhören, ist wunderbar. So begeistert und begeisternd erzählt er von seiner Kunst, indem er ausgreift in historische Dimensionen der jeweiligen Spielorte, von philosophischen und naturwissenschaftlichen Hintergründen scheinbar übergangslos zu formalen Details und konzeptuellen Überlegungen switcht. In der Innsbrucker Galerie im Taxispalais war der 54-jährige Künstler aus dem deutschen Osten bereits bei zwei Themenausstellungen mit dabei, das ganze Haus bespielt er nun erstmals. Mit „7 Postkarten für Innsbruck“, die im Zehn-Tage-Takt eintrudeln werden.

Eine ist bereits eingetroffen. Dass es sich dabei um keine „normale“ Postkarte handelt, ist klar. Dass es allerdings sieben 35-Millimeter-Filme sein werden, die sich Olaf Nicolai von seiner singenden Künstlerfreundin Noa Frenkel aus aller Welt nach Innsbruck schicken lässt, ist dann doch einigermaßen erstaunlich. Um sie „lesen“ zu können, musste die Hofhalle der Taxisgalerie mit ihrer gläsernen Decke mit viel Aufwand in einen komplett verdunkelten Kinosaal verwandelt werden.

„Postkarte“ Nr. 1 wurde in Bristol abgeschickt und ist drei Minuten und 25 Sekunden lang. Ihr Bild ist ein Steinschnitt, den Olaf Nicolai hat machen lassen. Er liegt – genauso wie die sechs für die weiteren „Postkarten“ aufgeschnittenen Geoden – neben einer Vielzahl von Flusssteinen, die der Künstler aus dem Inn gefischt hat, einen Stock höher in einem eigenen Raum. Als Materie gewordener Speicher unvorstellbar langer Zeiträume, deren äußere Hülle unscheinbar amorph ist, um als geschliffener Schnitt eine wunderbar malerische Poesie zu entfalten.

Um zu sehen, dass die filmischen „Postkarten“ sich bewegen, muss man ganz genau hinschauen. So minimal ist der Atem, der sie durchpulst und doch so viel schneller, als die Jahrtausende, die sie speichern. Sehr subjektiv kommt dagegen das daher, das Noa Frenkel auf ihre in Bristol aufgegebene „Postkarte“ geschrieben bzw. gesungen hat. Der Text ist eigentlich keiner, sondern eine Folge von Lauten und Tönen, die die unterschiedlichsten Assoziationen und Emotionen auslösen.

Warum Olaf Nicolai sieben Postkarten nach Innsbruck schicken lässt, kommt allerdings – wie immer bei ihm – nicht von ungefähr. Sondern hat mit dem Palais im Taxispalais zu tun, das, lange, bevor es zur offiziellen Galerie des Landes Tirol geworden ist, zwischen 1784 und 1908 der noble Standort für das Amt der Kaiserlichen Reichspost war. Nicht zufällig im barocken Palais jener Familie Thurn und Taxis, die bereits im 14. Jahrhundert einen Kurierdienst für die Republik Venedig aufgebaut hat, bevor sie rund 100 Jahre später im Auftrag von Kaiser Maximilian I. das europaweite Postwesen gegründet hat.

In dem Ausstellungsraum, in den Olaf Nicolai die Steinschnitte bzw. Flusssteine gelegt hat, hängen an der Wand auch zwei kleine, unscheinbare C-Prints. Die mit ihrem Format von 29,5 x 37,5 Zentimetern zwar größer als „normale“ Postkarten sind, aber ebenfalls solche sein sollten. Ihr Absender ist der französische Komponist Iannis Xenakis (1922–2001), der auf diese Weise seine Musik in das Medium der Zeichnung zu transformieren versucht hat. Versehen mit dem durchaus ironischen Postskriptum: „I can try again if you don’t like it!“. Ein Ansatz, der durchaus von Olaf Nicolai sein könnte, wie die „Movements“ vermuten lassen, die der Künstler dem Besucher als fast so etwas wie eine Handlungsanweisung in Raum zwei in die Hand gibt. In der Form von rhythmisch strukturierten Texten, die meist aus nur wenigen Worten bestehen: „Fade Up“ ist da zu lesen, „General View“ oder „Start Again“. Da eine exakte Dramaturgie fehlt, bleibt dem Lesenden selbst überlassen, was er daraus folgert. Wie er den mit einem blauen Teppich ausgelegten Raum begreift, sich durch ihn vom Text mehr oder weniger irritiert bewegt.

Unmissverständlich aufgefordert wird der Besucher dagegen in Raum eins, sich drei Minuten lang auf die zwei am Boden liegenden Marmorplatten zu stellen, um auf diese Weise zu einer temporären Skulptur zu werden. Dass diese reizvoll interaktive Arbeit namens „Positi“ sich auf die kaiserlich byzantinischen „Praepositi“ bezieht, ist fein zu wissen, muss man aber nicht. Geht es hier doch um jene Mulden im Steinfußboden der Istanbuler Hagia Sophia, die dadurch entstanden sind, dass die kaiserlichen Kammerherren während des zeremoniellen Gottesdienstes exakt an dieser Stelle zu warten hatten. Wodurch sich die Zeit in den Stein eingeschrieben hat, zum archaischen Kürzel für das an sich emotional nicht Fassbare geworden ist.

Farben spielen als Mittel der Inszenierung in Olaf Nicolais Ausstellung eine wichtige Rolle. Das Gelb der Wände im ersten Raum, das Blau des Teppichs in Raum zwei, das sich auch an der linken Wand von Raum drei wiederfindet. Wo links das Foto einer Elster an der Wand hängt, die sich in einem Spiegel betrachtet, während an der Stirnwand eine riesige Platte aus präkambrischem Quarzstein mit spiegelglatt polierter Oberfläche lehnt. Zwei Arbeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch miteinander zu tun haben. Da wie dort geht es um Spiegelungen, um Raum und Betrachter, um reflexive Selbstkonzepte. Wobei der Stein wiederum als eindrucksvoller Speicher von Zeit zu begreifen ist, genauso wie durch seine kristalline Struktur als Medium, um Wissen dauerhaft zu speichern.

Am 13. Mai 2016 um 19 Uhr, spricht Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons bei der venezianischen Biennale 2015, mit Olaf Nicolai in der Galerie im Taxispalais.

Bis 29. Mai 2016

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