Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung | mumok

30.03.17
Ausstellungsansicht, Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, Foto: mumok / Lisa Rastl

Es gibt eine Reihe von Künstlern und Künstlerinnen mittleren Alters, die in Wien leben und längst eine größer angelegte institutionelle Schau verdienten. In jüngster Zeit, so scheint es, wurden die Museen in dieser Hinsicht wieder etwas aktiver. Nun gelang im Museum moderner Kunst (mumok) mit der Ausstellung von Jakob Lena Knebl, Jahrgang 1970, ein großer Wurf.

Schon lange konnte man die Künstlerin, die sich nach ihren Großeltern benannt hat, dabei beobachten, wie sie ihre unverwechselbare Sprache entwickelte. Und schon lange fragte man sich, wann ihre Werke einmal irgendwo umfassend gezeigt werden. Man traute ihr zu, auch größere Räume, wie es so schön heißt, zu bewältigen. Und immer wieder sah man ihre Arbeiten, unter anderem auch im mumok selbst, bei Gruppenausstellungen. Knebl verschob in ihren Performances die Grenzen des Geschmacks, trat in einem Video als Double ihres einstigen Professors Heimo Zobernig auf, bemalte ihren nackten Körper im Stil von Memphis Design, legte sich nackt als "Fettecke", in Anspielung auf Joseph Beuys, in einen Winkel. Ihre beständige Auseinandersetzung mit Design- und Kunstgeschichte prädestinierte sie nun auch dazu, in den Sammlungen des mumok zu stöbern und diese lustvoll durchzuwirbeln.

Fetisch und Parodie

Wer den ersten Raum ihrer Ausstellung betritt, wird gleich einmal von einem bühnenartigen Setting empfangen. Darin hat Knebl Sitzsäcke in glamourösen Design arrangiert, eine Figur von Oskar Schlemmer, eine überdimensionale Perücke sowie ein Foto ihrer selbst – angetan mit in einer bronzen schimmernden Jacke und Strapsen unter einem Minirock umhalst sie innig die Skulptur Schlemmers. Der kühle, straighte Formalismus der Bauhaus-Avantgarde wird so fetischartig, sexuell aufgeladen, unterstützt noch durch das ebenfalls in diesem Ensemble präsentierten Video Paul McCarthys mit dem sprechenden Titel "Up Down Penis Show". Überhaupt: Wem noch nicht bewusst war, wie viel erotische Kunst im mumok lagert, der wird spätestens hier mit der Nase darauf gestoßen: Anna Jermolaewas Video, in der ein Penis einen Lichtschalter betätigt. Hans Bellmers "La Bouche", zwei Paar Puppenbeine, über einen Stuhl geschmissen. Matthias Herrmanns "Textpieces", in denen er homoerotische Darstellungen parodiert. Natalia LLs große Arbeit, in der 33 Schwarzweiß-Fotografien ein kopulierendes Paar zeigen. Sylvia Sleighs Aktporträt "Paul Rosano in Jacobsen Chair". Michaela Spiegels "Reagenzglas" – Glasstürze, in denen dildo-artige Formen eingegossen sind. Neben einem solchen Objekt erscheint denn auch Heinz Tesars "Kontaktarchitektur" höchst sexuell. Anderswo denkt Knebl Werke des mumok mit ihrer eigenen Arbeit so zusammen, dass sie plötzlich fetischisiert erscheinen: Eine überdimensionale Rasierklingen-Form aus Messing, die der österreichische Designer Carl Auböck entwarf, baut sie in eine erotische fotografische Selbstinszenierung ein.

Kunst braucht Kontext

Doch es wäre ein allzu eindimensionaler Spaß, würde sich die Künstlerin auf diesen Themenkomplex beschränken. Ihr nonchalanter Umgang mit dem Sammlungsgut geht viel weiter. So behängt sie Skulpturen von Louise Bourgeois, Henry Moore, Alexander Calder oder Alberto Giacometti mit glitzerndem bis trashigen Textil, lässt manche von ihnen gar auf spiegelnden Podesten rotieren. Mancher mag das als ketzerisch empfinden oder meinen, dass ein solcher Umgang die Kunst degradiere. Doch erstens verweist Knebl damit darauf, dass die Kunst nie in einem kontextfreien Raum existiert. Zweitens, man muss es zugeben, entbehrt die temporäre Umwertung der musealen Ikonen nicht eines gewissen Humors. Und um ihre Aura braucht man sich ohnehin keine Sorgen zu machen: Diese werden sie auch die nächsten hundert Jahre behalten.

Wenn Kunstwerke zu Kleiderständer werden, dann funktioniert dieser Prozess auch in die umgekehrte Richtung: Displays und Möbel bekommen den Status von Kunstwerken, eine von Knebls Installationen erinnert an eine Psyche, eine andere baut ein bürgerliches Wohnzimmer nach; nebst anderem zeigt sie eine Installation von Stephen Prina, knallrosa zum Kunstwerk gestrichene Möbel. Design und bildende Kunst auf einer Ebene: Damit erinnert die Künstlerin an einen Anspruch, den die Moderne einst an sich selbst stellte, allerdings nicht einlöste. Die Zimelien des Museums – von Picasso oder Magritte – erscheinen in Knebls Arrangement dagegen bloß verschwommen, reflektiert in gewellter Spiegelfolie. Und während scheinbar überkommene Positionen wie Rudolf Hausner zentrale Plätze einnehmen, verbannt die Künstlerin einen Pollock direkt unter die Decke.

Jakob Lena Knebl gelingt mit ihrem großartigen Parcours ein doppelter Coup: ihre eigene künstlerische Position darzustellen und gleichzeitig ein neues Licht auf die Sammlung zu werfen. Die Ausstellung, zu der sich das mumok vergleichsweise kurzfristig entschied, gehört zum Besten, was hier in den vergangenen Jahren zu sehen war. 
 

Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung
bis 22. Oktober 2017

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