Nur noch bis Sonntag: Wolfgang Tillmans im Kunstverein in Hamburg

09.11.17
WOLFGANG TILLMANS | Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003. | Ausstellungsansicht |© Kunstverein in Hamburg

Wolfgang Tillmans ist zurück in Hamburg. Hier hatte alles begonnen für den Sonnyboy aus Remscheid, Ende der 80er Jahre, hier hatte der damals 22 Jährige, nur ein paar hundert Meter hinter dem Kunstverein, seine erste Einzelausstellung; noch vor seinem Studium entwickelte er auch hier die Bildsprache mit, die ihn zum gefeierten Chronisten der Rave-Generation machte und ihm als ersten Nichtbriten den Turner Prize bescherte. Nur naheliegend also, die Stadt für eine Rückschau auszuwählen; und dass es um den Blick zurück geht, macht auch der Titel „Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003 “ so kryptisch wie unmissverständlich klar.

Mit einer richtigen Retrospektive – wie sie der heute 49-Jährige dieses Jahr bereits in der Fondation Beyeler und der Tate Modern ausrichtete – hat die Ausstellung im Hamburger Kunstverein aber nun dennoch wenig zu tun. Es ist vielmehr eine einzige multimediale Großinstallation, die Tillmans da in der großen Halle im ersten Stock des Hamburger Kunstvereins inszeniert: Die normalerweise lichtdurchflutete Halle ist in düsteren Halbschatten getaucht, der Großteil des umlaufenden Fensterfrieses ist abgedeckt. Das Deckenlicht ist aus, die dunklen Ecken werden nur von monotonen Videoprojektionen erhellt: Wellen des Atlantiks, die am Strand verebben. Details einer Pflanze, ein Ei im Kühlschrank. An zwei Stellen gestatten eingebaute Plattformen dem Zuschauer den sonst über Augenhöhe liegenden Blick nach Draußen: auf den grauen Hamburger Himmel, auf die zum Abriss freigegebenen City-Höfe, den Unort einer gigantischen Straßenkreuzung. Und schwer über allem liegt ein düsterer Soundteppich: „Hamburg Süd / Nee IYaow eow eow“: dröhnende Aufnahmen aus dem Hamburger Stadtgebiet, dazu schwerer, klagender Gesang, den Tillmans mit der Sängerin Billie Rae Martin aufgenommen hat.

Ein bedrückendes Setting, eine eindrucksvolle Bühne, auf welcher der Künstler nun ausgewählte Fotografien aus dreißig Jahren Karriere auftreten lässt. Aber auch von den an die Wand gepinnten Laserdrucken, den postergroßen Fotoabzügen, von Schwarzweiß- und Farbkopien tritt dem Besucher nicht das Tillmans-typische unbeschwerte Leben entgegen. Apathische Blicke sind es vielmehr, desolate Verhältnisse: das blinde Ehepaar aus Tillmans Zivildienstzeit, ein Mann mit zerschlissenem Jackett, der anklagend in die Kamera schaut, eine geisterhafte Gestalt auf einer Infrarotaufnahme. Und konkrete Realitätsbezüge verschärfen das diffuse Unbehagen: Eine auf Plakatgröße aufgezogene Schlagzeile berichtet von gefälschtem Reis aus Plastik, der Nigeria überschwemmt, auf einem Tisch liegt, schlecht ausgeleuchtet, das Titelblatt eines Forschungsberichts über Verschwörungstheorien. „Now 1981 is as long ago, as the end of World War II was in 1981“ steht daneben auf einem Blatt Papier. Was heute weit entfernt scheint, ist in Wahrheit die jüngste Vergangenheit: die Sicherheit ist trügerisch, die Ordnung fragiler denn je.

Ein beinah fatalistisch wirkendes Endzeitszenario, das sich da vor dem Besucher entfaltet, aber mehr noch als eine Bestandsaufnahme der Welt im Umbruch scheint der Parcours wie eine persönliche Reise ins Tillmans Innere: Wie die David-Lynch-Version einer Tillmans-Ausstellung, als wäre man in Being-John-Malkovich-Manier durch eine geheime Klappe im Kopf des Künstlers gelandet, als liefe man wie bei Gondrys „Science of Sleep“ mitten in einen seiner (Alb)träume hinein. Tillmans' Signature-Blick, der Stream-of-Consciousness, das nachdenkliche Taumeln durch das Leben, die vielen kleinen Details: All das, und das scheint auch dem Künstler selbst zu dämmern, ist durch das Hereinbrechen der Realität, durch die konkreten Bedrohungslagen, letztendlich allzu beliebig geworden. Die düstere und effektvolle Versuchsanordnung scheint so am Ende wie ein Audruck der Rat- und Hilflosigkeit über das begrenzte Potential des Kunstmachen selbst.

Auch am Nachhauseweg begegnet der Besucher Tillmans. Mit einer Plakatkampagne zur diesjährigen Bundestagswahl, die nur zwei Tage nach der Hamburger Ausstellungseröffnung stattfand, ruft der Künstler an Hauswänden zur Wahl gegen die rechtspopulistische AfD auf. „Blumen sind schön. Wählen gehen auch.“ steht da auf einem der Plakate über dem Foto einer Pflanze. Auch das scheint noch seltsam verträumt. Vielleicht ist es Zeit, aufzuwachen. Der Wahlausgang scheint das zu bestätigen.

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