Msgr. Otto Mauer Preis 2015 geht an Catrin Bolt

12.11.15

Der Otto Mauer Fonds vergibt den mit 11.000 Euro dotierten Preis heuer zum 35.Mal. Prämiert wird das gesamte bisherige Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers unter 40 Jahren. Der diesjährige Preis geht an Catrin Bolt. Die Künstlerin wurde 1979 in Kärnten geboren. Von 1997 bis 2003 studierte sie bei Peter Kogler in der Medienklasse an der Akademie der bildenden Künste Wien. Während ihres Studiums arbeitete sie gemeinsam mit Marlene Haring als „Halt+Boring“ (1999–2003). Neben der Präsentation ihrer Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen arbeitet sie intensiv mit den Möglichkeiten von Kunst im öffentlichen Raum.

Mit Hilfe von analoger Fotografie, Video, Film, Skulptur, Installation und Performance setzt sich Catrin Bolt mit der Geschichte, der Architektur und den Inhalten von Orten und Räumen auseinander und macht über minimale Eingriffe und für uns ungewohnte Darstellungen und deren Vielschichtigkeit erfahrbar. Neben dem Begriff des erweiterten öffentlichen Raums und der konzeptuellen Befragung von Ausstellungen erforscht Catrin Bolt das Potenzial von Kunst in Alltagsräumen. Immer wieder zweckentfremdet sie Alltagsgegenstände auf humorvolle, ironische und spielerische Weise und wertet sie so symbolisch um. Mit Hilfe der Fiktion, dem Fake und der subtilen Irritation „stört“ sie unsere Sehgewohnheiten und verweist so auf gesellschaftliche Absurditäten wie die imaginäre, aber auch reale Macht von Zeichensystemen. In den sogenannten „Guerilla Skulpturen“ setzte sich Bolt erneut mit dem öffentlichen Raum auseinander. Entstanden sind die ersten Arbeiten dazu während eines Workshops in Spodnji Hotic in Slowenien. In verschiedenen Kombinationen aufgebaut aus vorhandenen Möbelstücken, wurden die Objekte fotografiert und in der Folge wieder abgebaut. Entstanden ist daraus eine analoge Fotoserie, aus diversen, temporären Skulpturen.  Ein Thema, das die Künstlerin immer wieder aufnimmt und Skulpturen an öffentlichen Plätzen installiert. Zumeist an Orten, die typisch für regionale Situationen sind, wie Gemeindezentrum, Fabriken, Kreisverkehre oder Bahnhöfen.

Zurzeit arbeitet Catrin Bolt an der Umsetzung von zwei Ehrenmälern für die Soziologin Marie Jahoda und die Romanistin Elise Richter im Arkadenhof der Universität Wien. Zur Ehrung weiblicher Wissenschafterinnen hat die Universität Wien im Frühjahr 2015 einen Wettbewerb anlässlich des 650-Jahre-Jubiläums ausgeschrieben, den Catrin Bolt gemeinsam mit zwei weiteren KünstlerInnen für sich entscheiden konnte. Die Ehrenmäler werden im Sommer 2016 präsentiert.

Jury 2015
Die Jury des Msgr. Otto Mauer Preises 2015, bestehend aus Rainer Fuchs, Luisa Kasalicky, Hubert Lobnig, Johanna Schwanberg und Gustav Schörghofer SJ, entschied einstimmig, den diesjährigen Msgr. Otto Mauer Preis Catrin Bolt zuzuerkennen.
„Mit Catrin Bolt wird eine Künstlerin ausgezeichnet, die in einer Tradition der konzeptionellen und institutionskritischen Kunst steht. Sie bewegt sich bewusst außerhalb des Kunstestablishments und fungiert als genaue Beobachterin von gesellschaftspolitischen Entwicklungen.
Bolt trifft in ihren Arbeiten konsequente Entscheidungen, die sie formal präzise formuliert. In ihrem interdisziplinären Ansatz verwendet sie vielfältige Medien, insbesondere Sprache, Fotografie, Video und Performance; dabei kommen eigene und fremde Materialien sowie Artefakte zum Einsatz.
In den Arbeiten Catrin Bolts schwingt bei allem ernsthaften politischen Engagement stets eine feine Ironie mit. Die Jury schätzte beispielsweise den Witz ihrer temporären ‚Guerilla-Skulpturen’ (2011); diese bestehen aus zusammenklappbaren Holzsesseln, die Bolt an für Skulpturen typischen Orten, wie Kreisverkehren oder vor Bahnhöfen aufbaute, fotografierte und wieder abbaute.
Bolts Werke im öffentlichen Raum setzen sich mit der Denkmalkultur auseinander. In kritischer Weise bezieht sie die geschichtliche und gegenwärtige Situation des jeweiligen Orts mit ein. Auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Viehofen in St. Pölten, das heute mit einem Schotterteich als Naherholungsgebiet dient, stellte Bolt 2010 ‚Orientierungstafeln’ auf. Sie ähneln auf den ersten Blick vertrauten Wanderkarten. Doch die Luftaufnahmen der Alliierten zeigen die Situation zum Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Lagern. Ein roter Punkt markiert den Standpunkt des Betrachters und verbindet Vergangenheit und Gegenwart.
Besonders überzeugte die Jury, dass sich die Arbeiten von Catrin Bolt vor dem Hintergrund der aktuellen weltweiten gesellschaftlichen Umbrüche bewähren, ja geradezu an Aktualität noch dazu gewonnen haben. Deutlich wird dies am Beispiel des Mahnmals ‚Alltagsskulpturen’ (2014), in dem Bolt in großen Lettern Texte von Holocaustüberlebenden auf die Gehsteige jener Orte schrieb, an denen die Ereignisse stattfanden. Ein Ort dieser Interventionen war unter anderem der Bahnsteig 5 des Wiener Westbahnhofs, der in den letzten Wochen zu einem der Kristallisationspunkte der Flüchtlingsthematik wurde.
 Der Otto Mauer Preis 2015 wird somit einer Künstlerin verliehen, die sich nicht scheut, brisante Themen aufzugreifen. Ihre Arbeiten sind gekennzeichnet durch die Gleichzeitigkeit von Geschichtsbewusstsein und gesellschaftlichem Engagement, konzeptuellem Kalkül und ästhetischem Anspruch.

Preisverleihung

Der Preis wird von Erzbischof Kardinal Dr. Christoph Schönborn OP am Donnerstag, den 03. Dezember 2015, um 19.30 Uhr in den Festräumen des Erzbischöflichen Palais, Wollzeile 2, 1010 Wien, an Catrin Bolt vergeben.

Ausstellung anlässlich der Preisverleihung

Am Freitag, den 4. Dezember 2015 um 19.30 Uhr eröffnet P. Dr. Gustav Schörghofer SJ mit einleitenden Worten die Ausstellung „Kapital und Interessen, meine Schulden groß und klein werden einst verrechnet sein“ von Catrin Bolt im Jesuiten Foyer, Bäckerstraße 18, 1010 Wien. Die Ausstellung ist vom 6. Dezember 2015 bis 24. Jänner 2016 bei freiem Eintritt zu sehen.

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