Monika Piorkowska | Galerie Steinek

09.05.17
© Monika Piorkowska

Unsere Demokratie ist bedroht!

Weiße Seife als politisches Statement, als Warnung der möglichen Liquidierung – und zwar von nichts Geringerem als unserer demokratischen Werte: für ihre aktuelle Schau „liquid democracy“ in der Wiener Galerie Steinek hat die polnische Künstlerin Monika Piorkowska mit dem Ausstellungstitel bedruckte, weiße Seifen zu einer Installation arrangiert. Beim Waschen würde sich die Schrift langsam auflösen. Neben der Installation dokumentiert ein Video, wie Piorkowska einzelne dieser Seifen in Kuverts steckt und an Politiker wie beispielsweise Jaroslaw Kaczynski adressiert.

„Einen Dialog zu führen, bedeutet schon lange nicht mehr, mit Leuten zu sprechen, die das Gleiche glauben wie man selbst“, meinte bereits vor vielen Jahren der polnisch-britische Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman – Kommunikation und die Frage wie sich Menschen begegnen spielen auch für die 1977 in Krakau geborene und seit 2003 in Wien lebende Künstlerin eine grundlegende Rolle. Piorkowska möchte mit ihrer Arbeit den Anstoß zum Dialog geben, da Werte einer offenen Gesellschaft für sie vor allem im gemeinsamen Gespräch ausgehandelt werden können. Umso härter traf es die Künstlerin, als ihre letzte Ausstellung, die im Polnischen Institut in Wien als kritische Hommage an die Heimat Piorkowskas geplant war und den Blick auf die dortige politische Situation richten wollte, kurzfristig abgesagt wurde – ohne die Bereitschaft darüber zu diskutieren und mit der Begründung, Künstler hätten sich im öffentlichen Raum nicht politisch zu äußern! Auch für Kuratorin Angela Stief war die Absage „ein Affront, der nicht nur als Angriff auf die Künstlerin und die Gegenwartskunst verstanden werden muss, sondern darüber hinaus unsere Gesellschaft und ihre, in der Verfassung verankerten Grundrechte attackiert.“ Der Vorfall ging in Österreich durch viele Medien und schlug auch in Polen Wellen.

Piorkowska steht dem aktuellen Status quo der Demokratie (nicht nur in ihrem Land) wohl zu Recht skeptisch gegenüber und thematisiert in ihren Arbeiten neben Tabus in Erotik, Gender oder Rassismus auch entsprechende Gefahrenherde und rechtspopulistisches Gedankengut. In ihren Ausstellungen kombiniert die Künstlerin Arbeiten ihrer seit 2011 stetig wachsenden sozial-kritischen Porträtserie Time Gates mit auf den jeweiligen Präsentationsort abgestimmten Performance- oder Installationselementen, wie aktuell die Seifeninstallation bei „liquid democracy“. Ausgangspunkt jeder Arbeit von Time Gates ist ein Gespräch als performativer Akt zwischen den Dargestellten und der Künstlerin. Mit den Worten „Please tell me something“ lädt Piorkowska von ihr rein nach Intuition ausgewählte Personen – meist Grenzgänger innerhalb der Gesellschaft oder Menschen in prekären Situationen – ein, über deren Leben zu sprechen. Ihre Erzählungen hält Piorkowska mit der Kamera fest und transkribiert diese als Dialogtext. Mittels eines von der Künstlerin selbst entwickelten analogen Drucktechnikverfahrens lässt sie sensibel und einfühlsam in großformatigen, transparenten Lichtobjekten „erweiterte Porträts“ der ProtagonistInnen entstehen.

„liquid democracy“ wirft einige Fragen auf: Warum geht der Widerstand nach rechts? Wann werden endlich radikale Maßnahmen zur Veränderung eines Systems getroffen, das die Welt in zwei Klassen teilt? Wie konnte es insbesondere nach den Erfahrungen der 1930er/40er-Jahre wieder so weit kommen? Als eindringliches Schlussstatement steht eine Arbeit der Serie Time Gates, bei welcher der/die BetrachterIn durch einen Spiegel in den Dialog miteinbezogen und gleichzeitig symbolisch durch einen Stacheldraht aus Acrylglas „zurückgehalten“ wird. Monika Piorkowska: „Die Grenzen liegen bei uns allen, ließen sich jedoch leicht brechen beziehungsweise unterbrechen.“

MONIKA PIORKOWSKA | liquid democracy
Galerie Steinek, bis 31. Mai 2017