Markus Hinterhäuser im Gespräch

11.08.17
Markus Hinterhäuser © SF Neumayr

Kunst und Bühne – die bildende Kunst war für die Salzburger Festspiele immer ein Thema. Zahlreich sind die Beispiele der für Bühnenproduktionen engagierten Künstler: von Oskar Kokoschka bis Rebecca Horn, von Fritz Wotruba bis Jonathan Meese. Gerade die Antikenthemen inspirierten Maler und Bildhauer, aber auch das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au; und einmal rettete die fantastische Zauberflöten-Ausstattung des CoBrA-Künstlers Karel Appel die gesamte Produktion. Doch es ist nicht immer einfach, Ideen und Intentionen verschiedenster Künstler auf einen Nenner zu bringen, meint Markus Hinterhäuser, seit dieser Saison Intendant der Salzburger Festspiele, angesichts der großen Opernprojekte des kommenden Sommers. Bereits in den drei Jahren seiner Festwochenintendanz in Wien konnte er bildende Künstler für ungewöhnliche Bühnenprojekte gewinnen, das herausragendste Stück dabei war wohl Schuberts „Winterreise“ im Jahr 2014, mit dem Bariton Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser am Klavier – die Visualisierung dazu entwickelte William Kentridge.

Wie kam es zur Kooperation mit William Kentridge und wie setzt sich diese nun für Salzburg fort?

Markus Hinterhäuser: Ich habe mich sehr oft mit William Kentridge getroffen. Er wollte keine Oper machen, sondern etwas Kleineres, etwas wie Lieder, einen Zyklus. Das entsprach seinen Überlegungen zu einer Art Filmzyklus und er zeigte mir dann bei einem Treffen in Rom auf seinem Computer eine ganze Serie von Zeichnungen, die er für animierte Filmideen gemacht hatte. Ich konnte wirklich sehr, sehr viele seiner schönen Zeichnungen sehen, ich habe ihn dann auch dreimal in seiner Heimat Südafrika besucht und wir haben gemeinsam Musik gehört, Blätter angeschaut, Kombinationen überlegt – es war ein sehr inspirierender und dichter Prozess – bis dann klar war: So kann das für Wien möglich sein.

Hat sich durch diese Zusammenarbeit eine Idee für Salzburg ergeben?

Kentridge hat ja schon vor langer Zeit ein Puppenspiel zu Georg Büchners „Woyzeck“ bei den Wiener Festwochen gemacht. Es lag nahe, mit ihm an diesem Stoff weiterzuarbeiten. Er ist mit den Fragen dieses großen Menschheitsdramas sehr vertraut, auch mit der Musik Alban Bergs, es geht ja in seinem gesamten zeichnerischen Schaffen und in seinen großen animierten Filmarbeiten immer um gesellschaftliche und politische Zusammenhänge, wie es auch im „Wozzeck“ um die Identitätssuche des Einzelnen und die Extreme von Existenz ganz allgemein geht. Aber ich möchte seiner Interpretation nicht vorgreifen. Es wird ein sehr konzises Ganzes: William macht die Regie, er ist nicht Ausstatter, sondern er inszeniert das Stück, entwickelt seine Sicht auf dieses Drama, mit der szenischen Abwicklung, den riesigen Projektionen seiner Zeichnungen, der Personenführung, das gesamte Konzept. Und dies in Zusammenklang mit der musikalischen und sängerischen Interpretation.

Die Zusammenarbeit von Musikern, Dirigenten, bildenden Künstlern für die Bühne ist nicht immer friktionsfrei.

Dazu gibt es keine Regel und keine Prinzipien. Jedes Projekt ist anders, jede Produktion braucht eine eigene Konstellation von Personen. Für mich ist entscheidend, ob eine solche Verbindung von ästhetischen Vorstellungen etwas aufmacht; eine solche Konstellation kann sehr animierend sein, vitalisierend und anregend.

Und wenn es einmal nicht klappt?

Das kann auch vorkommen. Man muss wissen, was zu wem passt und wie sich die Künstler und Künstlerinnen mit den Stoffen befassen: Einer Shirin Neshat würde man keinen „Rosenkavalier“ anvertrauen.

Shirin Neshat inszeniert 2017 die „Aida“ für Salzburg. Eine mutige Entscheidung?

​In ihrem gesamten Werk hat sich Shirin Ne­shat mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinandergesetzt. Es geht nicht einfach nur um Feminismus, sondern um das Ringen um Selbstverständnis, um die Konfrontation mit einem übermächtigen Klerus, um Hierarchien und gesellschaftliche Brüche – das sind auch die Themen in Verdis „Aida“. Diese Oper wird nun endlich neu gesehen und gehört werden; unsere „Aida“ ist das genaue Gegenteil zu dem am meisten vulgarisierten Werk der gesamten Opernliteratur. Shirin Neshat hat in einem Skizzenbuch ihre Ideen für die Inszenierung dargelegt: sehr sparsam, sehr minimalistisch, mit der ihr eigenen Handschrift von fotografischen Elementen und Videosequenzen. Es wird eine komplett neue „Aida“ – befreit von Pyramiden und Elefanten.

Eine magische Konstellation gewissermaßen: die iranisch-amerikanische Medienkünstlerin und ein zu entrümpelnder Opernklassiker. Inwieweit kennen die bildenden Künstler die Bühnenwerke, die sie erarbeiten?

Die Vorschläge kommen meist von mir, natürlich muss der Künstler, die Künstlerin, damit etwas anfangen können. Dann beginnt der gemeinsame Erarbeitungsprozess; ich will aber niemanden in eine Richtung drängen – und bin dann auch begeistert, wenn so etwas eintritt wie mit Rebecca Horn bei „Luci mie traditrici“: Hier konnte wohl nur jemand aus der bildenden Kunst den Raum von Fischer von Erlach, die barocke Kollegienkirche, so erfassen und ausloten.

Sind es nicht meist schon sehr berühmte, arrivierte Künstler, denen Bühnenwerke anvertraut werden?

Für mich ist das kein Kriterium. Die bildenden Künstler bei den Salzburger Festspielen waren einfach immer sehr, sehr gute Künstler. Ob jemand 80 Jahre alt ist oder ganz jung, spielt für mich keine Rolle. Auch für 2018 plane ich zwei Produktionen mit Künstlern, die dem Bereich der bildenden Kunst zugerechnet werden – aber gerade hier beginnen sich die Genres zu vermischen; mir fällt das wirklich auf, dass hier vieles in Bewegung ist und Grenzziehungen verschwinden. Für mich ist wichtig: Was braucht ein bestimmtes Stück? Und das möchte ich herstellen: eine Konstellation schaffen, die für alle ein Gewinn ist. Nicht zuletzt können wir alle davon profitieren, unsere Sicht ändern, Dinge neu sehen.

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