Mario Mauroner Contemporary Salzburg: Aussicht auf Glück?

21.08.15

Das Betrachten oder der Besitz eines Kunstwerks vermögen glücklich zu machen. Nach Theodor. W. Adornos ästhetischer Theorie ist Kunst unter anderem „das Versprechen des Glücks, das gebrochen wird“. In der Sommerausstellung der Galerie Mario Mauroner Contemporary an den beiden Salzburger Spielorten im Souterrain des Alten Residenzgebäudes und dem Standort am Ignaz-Rieder-Kai wurden von der Galerie vertretene wie auch Gast-Künstler und -Künstlerinnen zu einer thematisch problembeladenen Schau unter dem Titel „Parcours d´Art“ zusammengeführt. Gezeigt wird Kunst, die Bruchstellen und Risse der globalisierten Welt thematisiert - nichts eint, sondern sich zu einem Chaos der Wahrnehmung verästelt.

Vom Österreicher Herbert Brandl (er bespielte 2007 den Österreichischen Biennale-Pavillon) bis zum Russen Vadim Zakharov (er war 2013 der Teilnehmer Russlands) sind in Mauroners Kunstrundgang 22 Teilnehmer und Teilnehmerinnen der gegenwärtigen (Yane Calovski, Jaume Plensa, Fabrizio Plessi und Barthélémy Toguo) und vergangener Biennalen von Venedig vereint. Unter dem neutralen, somit alle Erwartungen offen lassenden Titel „Parcours d´Art“ werden Bilder, Skulpturen und Installationen präsentiert, die nur teilweise die Vorstellungen der „Beaux Arts“ bedienen, sondern vielmehr sperrig und unbequem die Wahrnehmung des Betrachters auf sich ziehen. Hier geht es um Kunst deren Triebkraft weniger das ästhetische Mittel, sondern deren Domäne es ist, drängende Fragen der Gegenwart, wie der Vergangenheit – denn auch diese ruht nicht – sichtbar zu machen. Ausgrenzung und Abschiebung, alte und neue Konflikte, subtile Gewalt und politische Statements sind diesen Werken abzulesen. In der globalisierten und egalisierenden Welt sind diese Werke jedoch als ganz individuelle Botschaften nicht nur der einzelnen Künstler, sondern auch exemplarisch als Themen aus deren Herkunftsländern zu interpretieren. Obwohl Künstler als Projektionsfläche für Freiheit stehen, kann ihre Kunst Gegenteiliges bewirken, sie kann bedrücken, beengen, Zwänge auslösen. Wenn Barthélémy Toguo aus Kamerun die Hürden des Flüchtlings- und Migrationslebens sichtbar macht, Jan Fabre die Kolonialmacht seines Heimatlandes Belgien mit Hilfe abertausender Flügeldecken von Juwelenkäfern schillernd schön repräsentiert, Carmen Calvo in befremdenden alten Fotografien von Kindern in Erstkommunion-Kleidung auf faschistische und reaktionär-katholische Zeiten Spaniens rückblickt, der Russe Vadim Zakharov in seinem Wandgespinst „Kalinka“ Orangen auf Stacheldraht hängt, wird jedes Mal eine Botschaft vermittelt, die singuläres Statement eines Künstlers ist und zugleich als beispielhaft für Ereignisse oder Zustände in dessen Heimatland gilt.

Das Unliebsame landet im Keller
Ein wenig von der Düsternis der zentralen Ausstellung der 56. Biennale di Venezia „All the Worlds´s Futures“ – denn dort werden nicht wirklich viele Zukunftsvarianten vorgestellt, sondern lebensfeindliche Szenarien in überaus deutlicher Metaphorik geschaffen und auf eine fragwürdige Zukunft hingewiesen – ist in „Parcours d´Art“ eingeflossen. Nicht ausschließlich, aber doch erheblich trägt dazu Barthélémy Toguo bei. Der zwischen Bandjoun (Kamerun) und Paris als seinen Lebensorten pendelnde Künstler hat für die Ausstellung im Arsenal sein „Urban Requiem“ beigetragen. In Stahlregalen lagern dort Holzstempel mit Aussagen wie „Don´t shoot“, „Am´I next?“ „A Death in Congo“, „Stolen Lives“ oder „Yes we can“. Schon 2008 hat Toguo ein anderes – durchaus ähnliches – Arrangement kreiert, das gegenwärtig bei Mauroner aufgebaut ist. Es titelt „The Administrator“ und führt symbolstark in die Machenschaften der Bürokratie und des Beamtentums. Wie es um Reisefreiheit und die Handhabe von Visas steht, hat Toguo immer wieder am eigenen Leib erlebt. Im engen, niedrigen Kellerraum der Galerie, in dem einzig Heizungs- oder Wasserrohre an die Jetztzeit erinnern, hat er einen runden Tisch platziert – zweifellos ein Konferenztisch, an dem lebensentscheidende Maßnahmen getroffen werden, gesichtslose Holzbüsten sind zugleich Stempel auf denen unter anderem „Julius Caesar in Africa“, „Bingo Bongo Io sto bene solo in Congo“ oder „Banana Coffee Cocoa Diamond no Visa“ zu lesen ist – die imperiale Macht eines Julius Caesar hat nie aufgehört zu bestehen.  

Opulent, schön, schillernd muten die großformatigen Wandobjekte Jan Fabres an – in den repräsentativen Schauen der Galerie ist der Belgier stets präsent. Es sind tückische Fassaden, die die Flügel der Juwelenkäfer liefern, steckt „hinter“ der Oberfläche dieser umfassenden Serie doch die beispiellos abscheuliche Kolonialvergangenheit der Belgier im Kongo. Ein äußerst fragwürdiges Symbol wird sichtbar, wenn Fabre Krone und eine römische II in das Objekt integriert und auf König Leopold II verweist.

Dass Fabre sich auch heilsamer Utopie ergibt, beweist ein anderes Exponat der Ausstellung, eine seiner tonnenschweren in Carrara Marmor gemeißelten Schildkröten, deren Panzer als Gehirn ausgebildet ist. Draußen am Ignaz-Rieder-Kai 9, im Skulpturengarten des Galeristenpaares wurde ein großer gläserner Kubus errichtet: Darin steht „Atlas on the roof of the world“ eine der Schildkröten aus der Serie „Zeno brains and the oracle stones“, die der Belgier 2012 schuf. Fabre kann auch Träume visualisieren: Atlas, der die Welt tragende Titan, hat es endlich geschafft, seiner Aufgabe zu entkommen, er hat das Dach der Welt erklommen. Mit dieser Skulptur wird Bezug zu Fabres Teilnahme an der 54. Biennale geschaffen: Die Arbeit „Pietà IV (Ascending Oracle Stones)“ unternahm die Anstrengung von vier Schildkröten das Gehirn als Symbol für die Welt auf ihre Panzer zu stemmen, um wie Atlas die Welt zu tragen.

Noch bis 29. August 2015

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