MARIE LUISE LEBSCHIK – Mädchen aus der Zwischenwelt. Ein Interview mit Angelika Seebacher

06.12.17

„Die Lebschik-Mädchen sind Botschafterinnen aus einer Zwischenwelt, die weder innen noch außen zu verorten ist“, schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk über Marie Luise Lebschiks Malerei. Die Protagonistinnen der in Köln lebenden österreichischen Malerin (*1952 St. Pölten) wirken dabei in zarter, pastellener Malweise nicht individuell charakterisiert, ihre Gesichter sind oft nur angedeutet. Trotz ihrer Abkehr von Wirklichkeitstreue und physiognomischer Präzision gelingt es Lebschik auf außergewöhnliche und sensible Art, die Persönlichkeit der Modelle mit ins Spiel zu bringen.

Die Wiener Galerie Smolka Contemporary-Elisabeth Melichar zeigt bis zum 9.12. neue Arbeiten von Marie Luise Lebschik, die Teil jener Generation ist, die in den 80er-Jahren das bereits mehrfach totgesagte Medium Malerei zu neuem Leben erweckte. Ihrem Hauptsujet des Mädchens bleibt Lebschik nach wie vor treu. In an Kirchenschiffe oder Museen erinnernden, imaginären Farb-Licht-Räumen lässt sie ihre Mädchen wie in eine Parallelwelt entrückt wandeln, schlafen oder sitzen – von ihrer Umgebung und damit auch von den von der Künstlerin zitierten Meisterwerken Caravaggios, Velázquez’ oder Gentileschis scheinbar unbeeindruckt. Begleitet werden sie nun erstmals von Tieren – einem Hund oder einer Katze, die uns wie eine Verbindungsmöglichkeit zu den Mädchen erscheinen und „für eine Sekunde die Illusion ihrer Gegenwart gewähren.“ (Peter Sloterdijk). Angelika Seebacher hat Marie Luise Lebschik nach der Eröffnung ihrer Ausstellung in Wien getroffen.

Angelika Seebacher: Sie sind 1982 von Wien nach Köln gezogen und seit Anfang der 80er-Jahre künstlerisch tätig. Können Sie etwas zu Ihrem Werdegang erzählen bzw. wie Sie damals zur Malerei gefunden haben?

Marie-Luise Lebschik: Ich war Volksschullehrerin, habe aber schon immer viel gezeichnet. Zur Malerei habe ich erst durch meinen Mann, den Maler Siegfried Anzinger, gefunden.

War es für Sie schwierig, sich damals als junge Frau gegenüber ihren männlichen Kollegen durchzusetzen?

Selbstverständlich, sie haben mich alle erst mit der Zeit akzeptiert. Es gab Ausnahmen wie Hubert Schmalix oder Georg Herold, die mich gleich verstanden haben. Ich habe dann relativ bald ausgestellt und war dann auch bei der großen Frauenausstellung im 20er-Haus dabei.

(Lebschik schaffte 1984 mit der Beteiligung an der Ausstellung „Kunst mit Eigensinn“ im Museum des 20. Jahrhunderts Wien, damals noch bekannt unter dem Namen 20er Haus, ihren internationalen Durchbruch - Anm. d. Red.).

Sie beschäftigen sich in Ihrer Malerei eingehend mit dem Thema „Mädchen” – was ist die Motivation dahinter und gibt es vielleicht einen Ursprungsmoment in der Auseinandersetzung mit diesem Thema?

Wir lebten 2 Jahre (1989-1990) lang auf dem Land bei in Lucca (Toskana). Bis dahin waren meine Themen sehr vielfältig: abstrahierte Figuren, Landschaften, Innenräume. Ich hatte mich immer mit der ganzen Kunstgeschichte beschäftigt, sehr lange hauptsächlich mit Cézanne.

In Italien malte Sigi gerade eine Reihe von Bildern mit Mädchen in der Wiese, die Sicheln in der Hand hielten, sehr abstrahiert. Ich habe das Mädchenthema noch in Italien übernommen und bin dabei geblieben und habe anhand des Sujets meine Malerei weiterentwickelt.

Man könnte also sagen, dass Ihnen das Mädchen als künstlerische Projektionsfläche und Identifikationsfigur dient? 

Ja, auf jeden Fall.

Arbeiten Sie eigentlich mit lebenden Modellen oder mit Fotografien?

Ich habe früher völlig frei gemalt. Später begann ich mit Modellen zu arbeiten, nur ist das schwierig, da die Mädchen, die ich male, meist zwischen acht und zehn Jahre alt sind – es bleibt mir ja kein Kind still sitzen! Daher male ich nun meistens nach meinen Fotografien als Ausgangspunkt.(von Mädchen aus ihrem persönlichen Umfeld, Anm. d. Red.). Die Herangehensweise ist allerdings immer unterschiedlich. Ich fange jedes Bild anders an.

Gibt es noch andere wichtige Bezugsfelder, die Sie beschäftigen und die in Ihre Arbeit einfließen?

Tiere, Kirchen und Museen.

Gibt es Künstler, deren Werke Sie besonders faszinieren? Eine Art künstlerisches Vorbild?

Wenn ich Bilder von Cézanne oder Rubens anschaue, bin ich einfach glücklich. Auch Monet, Degas, Balthus bewundere ich sehr, Velasquez und Tiepolo, die gesamte Kunstgeschichte, auch bis heute (Lassnig, Martha Jungwirth oder Alice Neel). Und als Bildhauerin Camille Claudel.

 

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