Marcel Odenbach & Peter Miller | Galerie Crone Wien

11.04.17
Marcel Odenbach, Verführung, 2016 - 2017, Collage und Tinte auf Papier, 150 x 238 cm, Unikat

Sammlen und bewahren, zeigen und aufzeigen, verdichten und verdeutlichen.

Drei Mannerschnitten bröseln auf das altbekannte rosa. Schon von der Straße weg ziehen sie einen in ihren werbewirksamen Bann. Erst zentimeternah herangetastet löst sich die Illusion auf in einer großen Collage aus Text und Bild, kopiert, eingefärbt und geklebt. Hunderte kleine Fotos berühmter Österreicher, darunter Ludwig Wittgenstein, Ingeborg Bachmann, Udo Jürgens und Natascha Kampusch setzten sich auf rosafarbenem Text von Thomas-Bernhard zusammen als dieses Sinnbild österreichischer Süßwaren-Kultur. Etwa drei Monate hat Marcel Odenbach mit seinem Assistenten, dem Künstler Vesko Gösel, in das Werk investiert, ein vergleichsweise überschaubares Projekt.

Unüblich ist das gebotene Sujet für den in Köln geborenen Künstler Marcel Odenbach, man kennt ihn eigentlich politisch. Wie er sich gerade auch in der Kunsthalle Wien in seiner ersten Personale präsentiert. Scharf und präzise, dahinter eigentlich verschwommen und collagiert, geschichts- und gesellschaftskritisch, thematisiert er Formen der Vergangenheitsbewältigung, den Fortbestand der Opfer-Täter-Struktur in der deutschen Nachkriegsgesellschaft sowie internationale kriegerische Konflikte und Genozid. Odenbach beobachtet und reflektiert unterschiedliche Kulturen und politische Konstellationen, das Vertraute und das Fremde, die eigene Biografie und jene anderer sind wichtige Motive seines stets auch ästhetischen Werks.

Marcel Odenbach zählt zu den Pionieren und international anerkanntesten deutschen Vertretern der Videokunst. Gemeinsam mit Ulrike Rosenbach und Klaus vom Bruch bildete er in den 1970er Jahren die Produzentengruppe ATV. Die großformatigen Collagen Odenbachs sind Fortschreibungen seiner filmischen Arbeit der in der Kunsthalle ausreichend Raum gegeben wird.

Den Kunsthalle Ausstellungstitel hat er einem Gedicht Ingeborg Bachmannns entlehnt – "Beweis zu Nichts". Die dunklen Räume der Kunsthalle bieten einen völlig gegensätzlichen Blick auf den Künstler als die gut ausgeleuchteten Galerieräume. Hier mystisch, dort unmittelbar. Hier anklagend politisch, dort selbstironisch spielend.

Gut tut zweiterer Betrachtung dabei auch der Counterpart Peter Miller mit dem sich Odenbach die Crone Ausstellung "Modus Operandi Post Meridiem" teilt. Es ist die erste gemeinsame Ausstellung der beiden Künstler, die bereits seit ihrem Kennenlernen an der KHM, der Kunsthochschule für Medien, Köln in den 2000er Jahren in einem ständigen Austausch stehen.

Auch Peter Miller, aus Burlington, Vermont stammend, widmet sich seit Beginn seiner künstlerischen Karriere experimentellen Filmarbeiten. So schreibt auch er das Bewegtbild häufig in ein ästhetisch argumentiertes stehendes Bild fort.

Der US-Amerikaner, der in diesem Jahr auch auf der 57. Venedig Biennale präsent sein wird, spielt mit formalen, technischen und illusionistischen Aspekten. Typisch Wienerische Eigenheiten und Topoi verbinden die beiden Künstler hier zu einer Ausstellung mit Augenzwinkern und offenen Interpretationsräumen. So paraphrasiert Miller beispielsweise Sigmund Freud wenn er in einem Humidor eine Zigarre präsentiert, die, zur Pfeife geformt, gleichsam Bezug zu Freuds Zigarrensucht und Margrittes Pfeife nimmt.

Gleich neben Odenbachs "Verführung", den geklebten Mannerschnitten, hängt Millers "Satisfaction", ein großformatiges Foto eines Snickers-Schokoriegels.

Marcel Odenbach I Peter Miller
Modus Operandi Post Meridiem
Galerie Crone Wien, bis 13. Mai 2017

Marcel Odenbach. Beweis zu nichts
Kunsthalle Wien, bis 30. April 2017

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