MAN RAY | RÄTSELHAFT UND TRANSMEDIAL

11.05.18

Wer das Künstlerpseudonym Man Ray hört, denkt zuallererst an dessen kameralose Rayografien und die unverwechselbaren Schwarz-Weiß-Porträts von Pablo Picasso, Coco Chanel, Salvador Dalí und vielen anderen. Dass der Künstler sich jedoch bei Weitem nicht nur der Fotografie, sondern einer Vielzahl an Medien und Techniken bediente, zeigt eine Ausstellung im Kunstforum Wien.

 

Werke Man Rays gelten heute als Ikonen des Surrealismus, wie das mit Nägeln gespickte Bügeleisen, das Man Ray als humorvolles Geschenk für den Komponisten Erik Satie schuf, das Metronom, auf dessen Zeiger ein Auge zu sehen ist, oder „Emak Bakia“, der Rosshaar-Cellokopf. Sie beweisen, mit welcher spielerischen Leichtigkeit sich der Künstler in der Objektkunst bewegte. Doch das Werk des Künstlers ist vielfältig. Man Ray malte, zeichnete, designte, drehte Filme, verfasste Schriften, gestaltete Bücher und Magazine und hatte großen Erfolg in der experimentellen Modefotografie, wovon unzählige Titelblätter von „Vogue“ oder „Harper´s Bazaar“ zeugen.

„Die Ausstellung im Kunstforum wird sich dem ganzen Man Ray widmen“, so Kuratorin Lisa Ortner-Kreil, und zeichnet anhand der Lebensgeschichte die gesamte Palette seines Schaffens nach. Emmanuel Radnitzky, alias Man Ray, wurde 1890 im amerikanischen Philadelphia in eine russisch-jüdische Familie geboren und beschäftigte sich schon als Kind intensiv mit künstlerischen Werken – von Assemblagen und Collagen als Bub bis zu Aktmalerei und technischem Zeichnen als junger Mann. Danach wandte er sich unter dem simplifizierten Namen Man Ray dem Dadaismus zu. Prägend waren die Begegnungen mit dem Fotografen Alfred Stieglitz und mit Marcel Duchamp, dessen revolutionäre Ideen und Theorien ihn beeindruckten. „Die beiden wurden künstlerische Freunde auf Lebenszeit“, so Lisa Ortner-Kreil.

Auf Marcel Duchamps Anregung befasste sich Man Ray mehr mit der Fotografie. Er begann den performativen Ideen Duchamps eine materielle Gestalt zu geben. So lichtete er den als Frau verkleideten Duchamp ab. Das Duo gab der Kunstfigur den Namen „Rose Sélavy“, was so viel wie „Eros c´est la vie“ bedeutet. Beim Experimentieren mit der Fotografie entdeckte Man Ray kreative technische Möglichkeiten – so auch die „Rayografie“, das Fotografieren ohne Kamera. Er platzierte Gegenstände auf lichtempfindliches Papier, um auf diese Weise besondere Effekte zu erzielen. „Rayogramme bilden den Zufall ab, alltägliche Objekte werden plötzlich verschleiert und verrätselt“, beschreibt die Kuratorin.

Man Ray übersiedelte in den frühen 1920er-Jahren nach Paris, wo er schnell Fuß fasste. Die Pariser Kunstszene in der Rue de Montparnasse eröffnete ihm eine Welt, in der er Tristan Tzara, Max Ernst, Paul Éluard und viele andere kennenlernte. Hier malte er die meisten der 700 Gemälde, die erhalten sind. Viele von ihnen haben surrealistische Züge. In „Le Rebus“ beispielsweise spielt der Künstler mit seinem Namen. Zu sehen ist eine Figur vor Sonnenstrahlen, das englische Wort „ray“ bedeutet übersetzt Strahl, und einer überdimensionalen Hand, wobei das französische Wort für Hand „main“ lautet. Das Gemälde „La Fortune“, das wie viele der insgesamt 200 Leihgaben aus diversen New Yorker Sammlungen kommt, zeigt einen fliegenden Billardtisch vor comicartigen, bunten Wolken. „Es geht um Spiel, Zufall und Ungewissheit“, erklärt Lisa Ortner-Kreil. Aber auch die von Man Ray gestalteten einzigartigen Schachtische stammen aus dieser Zeit. Die Inspiration dazu kam höchstwahrscheinlich von Marcel Duchamps Leidenschaft für dieses Spiel.

1940 muss Man Ray vor den Nationalsozialisten aus Europa fliehen. Er übersiedelt nach Hollywood, um erst in den 1950er-Jahren wieder nach Paris zurückzukehren. Neben seinem Einfallsreichtum in Bezug auf diverse Medien und Techniken der künstlerischen Gestaltung, „die er gleichberechtigt verwendet“, wie Ortner-Kreil analysiert, bedient sich Man Ray gewisser Motive und Inhalte immer wieder. Allen voran sind es die von ihm geliebten Frauen wie die Sängerin und Schauspielerin Kiki de Montparnasse, die Künstlerin und Lyrikerin Meret Oppenheim und die Fotografin und Fotojournalistin Lee Miller, die ihn zeit seines Lebens inspirieren.

Im Kunstforum Wien war man bestrebt, mittels 150 internationalen Leihgaben Man Ray als Universalkünstler zu zeigen. Kuratorin Ortner-Kreil konkretisiert: „Sein Grenzgängertum bezieht sich dabei nicht nur auf die verschiedensten Medien, sondern auch auf die zwei Kunstmetropolen des 20. Jahrhunderts – Paris und New York –, wo Man Ray abwechselnd lebte.“