Lindsay Lawson in der Galerie Lisa Kandlhofer

19.02.18
Lindsay Lawson | Cap, 2018 | Keramik und Feuer | 7 x 17 x 23 cm | Foto: © Galerie Lisa Kandlhofer

Eine in Flammen stehende Baseballkappe eröffnet gleich beim Eintreten in die Räumlichkeiten der Galerie Lisa Kandlhofer einen Einblick in die Thematik von „Wokeness“ der ersten Einzelausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin Lindsay Lawson in der Wiener Galerie.

Die auf dem Galerieboden liegende Kappe scheint einem brennenden Kopf entrissen. Durch die körperliche Dringlichkeit bedingt, die den brennenden Kopf wahrscheinlich mehr tangierte als die flambierte Kappe, wirkt sie achtlos fallen gelassen.
Zwei weitere brennende Keramikobjekte, ebenfalls abgelegte Alltagsobjekte suggerierend, tragen die Flammen in den angrenzenden Ausstellungsraum hinein: Eine Tasche und ein Paar Sneakers. Das Feuer, das hier tatsächlich materiell stattfindet, wird in anderen Objekten nur angedeutet. Die Flammen, die aus dem Innerem eines Mistkübels emporlodern, wurden genau wie dieser aus Keramik geformt und mit Hilfe der Glasur in die adäquate Farbigkeit versetzt. Lindsay Lawsons feines Gespür für die, mit dem Material mitgetragenen Inhalte und Zusammenhänge bezeugt hier der Umstand, dass eine immense Feuerglut notwendig ist um das keramische Abbild dergleichen zum Erstarren zu bringen.

Umringt werden die Feuerherde in ihren unterschiedlichen Darstellungsformen von fünf figurativen Skulpturen, die sich direkt auf Auguste Rodins „Der Denker“ von 1880 beziehen. Vorreiter und Ursprung der Skulpturengruppe ist eine, aus Neonrohren nachvollzogene Linienzeichnung der sitzenden, den Kopf auf die Hand stützenden Figur. Durch die Erweiterung der (Ausgangs-)Skulptur als Figurengruppe und der somit entstehenden Wiederholung der skulpturalen Darstellung verstärkt Lawson den Eindruck des Erstarrens in „denkender“ Pose.
Der sich schon bei Rodins Bronzeskulptur aufdrängende Widerspruch zwischen Denken und Handeln ist durch die offensichtlich thematisierte Starre der Objekte in der Ausstellungszenerie omnipräsent. Gedanklicher Ausgangspunkt der Verbindung zwischen den Denker-Skulpturen und den Feuer-Darstellungen war für die Künstlerin Platons Höhlengleichnis, beziehungsweise die Komplexität des geistigen Strebens nach Erkenntnis, oder mit Lawsons Zeitgeistbegriff ausgedrückt – danach „woke“ zu sein und auch gleichzeitig entsprechend zu handeln.

Dem Widerspruch zwischen „Fließen“ und „Starre“ widmete Lawson bereits kürzlich ihre Ausstellung bei Gillmeier Rech in Berlin. Dort setzte sie auch Wasser und Nebel ein. Als fließend lassen sich in ihrer Wiener Präsentation „Wokeness“ eher die geistigen Bewegungen bezeichnen. Diese initiiert Lawson gekonnt indem sie unsere Sichtweise auf das Wesen der Objekte verändert. So wird im hinteren Teil des Ausstellungsraums einer Reihe billiger Plastikstühle die Sitzfunktion entzogen. Mit Accessoires wie Uhren, Schuhen oder Rucksäcken ausgestattet, werden die Stühle selbst zu figurativen, skulpturalen Darstellungen.  

Wie Zuschauer vor einer Kinoleinwand reihen sich die Stuhlskulpturen vor Lawsons großformatiger Adaption von „Guernica“ auf. Titel der Arbeit ist „Plato’s Inbox“. Der Versuch das berühmte Gemälde in den Kontext der Ausstellung zu überführen will hier aber nicht ganz gelingen. Zu stark haften dem Originalgemälde von Pablo Picasso die dargestellten Kriegshandlungen an.

Insgesamt überzeugt aber Lindsay Lawsons feinfühliger materieller Umgang und die offensichtliche Lust daran verschiedene Erzählstränge humorvoll zu neuen Kontexten zu verbinden. „Wokeness“ ist bis zum 17. März 2018 in der Galerie Lisa Kandlhofer zu sehen.

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