Leopold Museum | Gesellschaftskritik mit Humor

22.03.17
Erwin Wurm, Selbstporträt als Essiggurkerl, 2008 Acrylharz, Farbe, Eisen, Museum der Moderne Salzburg, Foto: © Studio Erwin Wurm  Tomio Koyama Gallery, Tokyo, Japan Bildrecht, Wien 2017

Für PARNASS 1/2017 hat Alexandra Matzner Hans-Peter Wipplinger, Kurator der aktuellen Ausstellung des Leopold Museums "Carl Spitzweg – Erwin Wurm. Köstlich! Köstlich?", zum Gespräch getroffen. Lesen Sie das Interview in unserer aktuellen Print-Ausgabe und hier schon vorab einen ersten Einblick in das besondere Projekt.

 

Die Ausstellung "Carl Spitzweg – Erwin Wurm. Köstlich! Köstlich?" bringt zwei gesellschaftskritische Künstler in einen Dialog, der mit gänzlich unterschiedlichen Mitteln geführt wird. Humoristische Genrebilder treffen auf groteske Objekte, kleinformatige Gemälde auf Handlungsanweisungen, die sich an die Besucher richten. Hinter beiden Werken stehen tiefschürfende Analysen der (klein-)bürgerlichen Gesellschaft sowie ihrer Kontrollmechanismen, aber auch erheiternde Momente.

Den Münchner Biedermeiermaler Carl Spitzweg (1808–1885) und den österreichischen Objektkünstler Erwin Wurm (*1954) verbindet auf den ersten Blick wenig. Spitzweg, erstmals in Österreich gezeigt, gilt als der Lieblingsmaler der Deutschen, sein ikonisches Gemälde "Der arme Poet" (1837/1839) steht für ein romantisches Künstlerbild, dem über 1.700 Genredarstellungen mit skurrilen Typen in pittoresken Dörfern oder alpenländischer Natur folgten. Der Österreicher hingegen wurde mit One Minute Sculptures bekannt, für die sich Betrachter in vorgegebene Posen begeben müssen – der Museumsbesucher quasi als Actionfigur. Verbindendes findet sich, so Direktor Hans-Peter Wipplinger, in der subversiv politischen, gesellschaftskritischen Haltung beider. Mit Humor als Waffe zu arbeiten, war im "Vormärz", als Spitzweg seinen erlernten Beruf als Apotheker aufgab und sich entschloss, Künstler zu werden, dringend angebracht. Das sprichwörtliche Metternichsche System wurde dann auch zu einem heimlichen Lieblingsthema des Malers aus Bayern: Überall in seinen Bildern üben Menschen Kontrolle aus, Soldaten und Wachposten zeigen sich geschäftig, und Regelübertritte passieren tunlichst im Geheimen.

Nur auf den ersten Blick wirken die Kompositionen von Carl Spitzweg wie Idyllen. Bei genauer Betrachtung erweist sich jedes pittoreske Dorf, jede heimelige Gegend als tückisches Ambiente einer von Kontrolle bestimmten Gesellschaft. Spitzwegs Qualität ist die Verdichtung von Beobachtetem und Analysiertem zu markanten Szenerien. Sein Erfolg hat viel mit den von ihm entwickelten Typen zu tun und natürlich mit dem Setting, in dem der theaterbegeisterte Laienschauspieler sie agieren lässt. Strebsame Gelehrte, kulinarisch interessierte Einsiedler, verliebte Sonderlinge, strickende Wachtposten oder ein in seiner kargen Dachkammer schreibender Dichter – wenigen Protagonisten Spitzwegs ist traute Zweisamkeit und Erfolg vergönnt. Wie ihr zeitlebens ungebundener Schöpfer selbst bewundert so mancher "Typ" eine schöne Rose wohl nur aus der Ferne. Häufig bevorzugen sie eine gelehrige Tätigkeit, widmen sich einem Thema, das sie ganz in Bann gezogen hat. Expertentum im Elfenbeinturm muss Spitzweg intensiv beschäftigt haben, so häufig setzte er sich damit auseinander.

Besonders markant ist "Der Bücherwurm", der selbstvergessen auf einer Bibliotheksleiter steht. Zahlreiche Bücher hat er in den Händen, unter einem Arm und zwischen den Knien eingezwickt. Nach "Mehr Licht!" scheint es ihn, den Anhänger des Ancien Régime in seiner Bibliothek des 18. Jahrhunderts, nicht zu verlangen – auch wenn er sich gerade mit Metaphysik beschäftigt. Mühsam zusammengetragenes Buchwissen, vermutlich auch noch veraltet, spielt Spitzweg gegen äußere Reize und ein Hinterfragen, was man überhaupt wissen kann, aus. Wenn auch der Münchner landläufig als Maler von Käuzen und Sonderlingen bekannt ist, so steht hinter allen seinen Werken ein gesellschaftspolitischer Fingerzeig.

Carl Spitzweg – Erwin Wurm Köstlich! Köstlich?
25. März bis 19. Juni 2017

Kuratorenführung, Donnerstag, 30. März 2017, 18 Uhr
Künstler & Kurator Spezialführung, Mittwoch, 19. April 2017, 18:30 Uhr
Spitzweg - Wurm Themenführung mit Franz Smola, Donnerstag, 11. Mai & 8. Juni, 18 Uhr

 

 

Und parallel dazu: 
Erwin Wurm. Fußballgroßer Tonklumpen auf hellblauem Autodach
Kunsthaus Graz, 24. März bis 20. August 2017

PARNASS Künstleredition: Erwin Wurm
Im Zuge des 35-jährigen Jubiläums von PARNASS hat Erwin Wurm eine limitierte Künstleredition gestaltet.
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