Lea Lublin im Münchner Lenbachhaus

31.07.15

Die Wiederentdeckung einer in Vergessenheit geratenen Künstlern
 

Santa Fe in Argentinien 1969. Der Straßentunnel „Túnel subfluvial“ unter dem Río Paraná wird feierlich eingeweiht. Von nun an verbindet er die beiden Provinzen Santa Fe und Entre Ríos. Viel Volk ist auf den Beinen. Da lädt die Künstlerin Lea Lublin in ein leer stehendes Kaufhaus ein. Hier hat sie auf 900 m² einen Parcours aufgebaut, den sie in Umkehrung der Bezeichnung des Tunnels „Fluvio Subtunal“ nennt. Um hinein zu gelangen, mussten die Menschen erst die „Quelle“ auf Steinblöcken überqueren. Dann öffnete sich ihnen mit der „Zone der Winde“ der in insgesamt neun Zonen eingeteilte Parcours, der die Besucher auf sehr unterschiedliche Art und Weise sensibilisieren und in der „Zone der kreativen Teilnahme“ aktivieren sollte. Das Ganze war ein Riesenerfolg. Alle, ob groß oder klein, jung oder alt, machten eifrig mit, hatten einen Riesenspaß und standen Schlange.

Von dieser Aktion existieren nur noch einige nicht sehr professionelle Fotos. Für die Ausstellung „Lea Lublin – Retrospektive“ im Münchner Lenbachhaus hat die Kuratorin Stephanie Weber den „Parcours“ mehr oder weniger rekonstruieren lassen. Es gibt unter anderem die „Luftsäulen“ aus durchsichtigem Kunststoff, den Schießstand in der „Zone der kreativen Teilnahme“, den in Bahnen geteilten Vorhang mit Bildern der Arbeiter zum Durchschreiten und die große Plastikröhre, die den eigentlichen „Fluvio Subtunal“ darstellt.  Ob sich freilich auch nur im entferntesten das Gefühl von 1969 im Kaufhaus von Sante Fe einstellt, darf, ohne die kuratorische Leistung zu schmälern, bezweifelt werden. Erstens befinden wir uns hier nicht in einem aufgelassenen Kaufhaus, auch nicht auf der Straße, sondern im Museum und zweitens sind die seit damals vergangenen 46 Jahre nicht weg zu diskutieren. Die Menschen und ihr Umgang mit den Dingen hat sich gründlich verändert. Der zentrale Wunsch von Lea Lublin, den Umgang mit der Kunst von der reinen Betrachtung in Teilnahme zu verwandeln, wird auch heute immer wieder gefordert und irgendwelche Wohlfühloasen gehören selbstverständlich zu jedem Großereignis in der Kunst. Lublin war da wie auch in manch anderer Hinsicht eine Pionierin. Aber zwischen Erfahrungsparcours und einem Ruhelager mit Hängematten wie jüngst auf der Art Basel ist ein Riesenunterschied. Teilnehmen, Eingreifen und Kommentieren geschieht heute vorwiegend im Internet und den sozialen Medien. Was Lublin hingegen wollte, war eine neue Sicht auf die Kunst und einen erweiterten Kunstbegriff. Dafür entwickelte sie unterschiedliche künstlerische Strategien.

Am Spektakulärsten war wohl die Aktion „Mon fils“ in Paris. 1968 war Lublin zum „Salon de Mai“ eingeladen. Anstatt aber Bilder zu bringen wie die anderen Künstler, zog sie mit Ihren sieben Monate alten Sohn und einem Babybett in den Ausstellungsraum ein. Dort fütterte und stillte sie ihn und spielte mit ihm während der Öffnungszeiten. Damit erklärte sie ihre alltägliche Arbeit mit dem Kind zum Kunstwerk. Kunst und Leben waren ihrer Meinung nach  eins. Sie wurde mit einem Schlag bekannt. Die Malerei hatte sie bereits vorher endgültig aufgegeben, obwohl sie als Malerin bereits ein gewisses Renommee hatte. Sie hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass, egal welches Thema sie auch wählte, Käufer und Betrachter nur nach der Art der Malerei sahen. Selbst Katastrophen, auch atomare, wurden nicht wirklich Ernst genommen. Der Betrachter blieb ein Außenstehender, und diesen wollte Lea Lublin nicht mehr länger bedienen. Vielmehr wollte sie ihm die Augen öffnen. Dafür erfand sie ihre Reihe „Ver claro – Klar sehen“, was sie wörtlich umsetzte. Sie nahm eine Reproduktion eines berühmten Gemäldes wie die „Mona Lisa“, rahmte diese Kopie und befestigte am Rahmen eine Gummipumpe und einen Scheibenwischer. Der Besuchter konnte so das Bild putzen, um das durch Tausende von Reproduktionen bekannte Gemälde neu zu sehen. In Wirklichkeit, so die Hoffnung der Künstlerin, reinigte er aber nicht das Bild, sondern das, was er davon im Kopf gespeichert hatte.

Damit fing 1965 ihre Arbeit jenseits der Malerei an. Lea Lublin, 1929 in Polen geboren, kam mit zwei Jahren nach Buenos Aires, wo sie aufwuchs und die Akademie besuchte. 1964 ging sie nach Paris. Hier lebte sie mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod 1999. In Paris tauchte sie in Künstler- und Literatenkreise ein, beschäftigte sich intensiv mit dem Feminismus, wie ihn Julia Kristeva vertrat, hatte Kontakt zu den Philosophen Roland Barthe, Jacques Derrida und Michel Foucault und ging zur Analyse zum berühmten Psychotherapeuten Jacques Lacan, der ihre Sicht der Welt intensiv beeinflusste. Sie war eine beredte und gebildete Gesprächspartnerin und Verfasserin von Texten. Diese Fähigkeit prägte auch einen Teil ihrer Kunst. Für sie galt, dass Kunst aus Leben und Sprache besteht. So hat sie 1975 eine ganze Reihe von „Interrogations sur l’art“ durchgeführt und dazu die Leute auf der Kunstmesse FIAC in Paris und auf dem Vogelmarkt in Antwerpen befragt. Während des Gesprächs hat sie die Menschen mit einer Videokamera aufgenommen und dies auf einem Monitor projiziert, so dass die Gesprächsteilnehmer mit sich selbst konfrontiert waren. In der Ausstellung sind einige dieser Interviews zu sehen und zu hören. Diese Befragungen und Gespräche über die Bedeutung und das Wesen von Kunst passen vorzüglich in eine Zeit, in der sich Kunst immer stärker in den Köpfen abzuspielen begann. Auch Lea Lublin hatte einen Hang zum Konzeptuellen, aber trotzdem wollte sie auf die körperliche Präsenz in der Kunst nie ganz verzichten.

Lea Lublin im Münchner Lenbachhaus bis 13. September. Der im Snoeck Verlag erschienene Katalog kostet 32 Euro und ist trotz einiger holpriger Übersetzungen und einer fehlenden Biografie für die Wiederentdeckung der Künstlerin unverzichtbar.

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