K.U.SCH. Eine Themenpalette ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH St. Pölten

25.01.15

Kosmos K.U.SCH.

Kunstschaffen zwischen hintergründigem Witz, gesellschaftspolitischem Engagement und dem Rhythmus des Lebens

Der Mensch war und ist das bestimmende Thema im facettenreichen Schaffen des Künstlerkollektivs K.U.SCH. Der Mensch in seiner Mannigfaltigkeit wie auch Beschränktheit, eingebunden in die Natur und seine kulturelle Identität, gefangen in gesellschaftlichen Normen und Konventionen, sie kritisierend oder radikal aus ihnen ausbrechend.

1972 gründeten Renate Krätschmer und Jörg Schwarzenberger - damals bereits seit einigen Jahren als Duo auftretend - offiziell die Künstlergruppe K.U.SCH, die sie 2006 durch ihren Sohn Sito als drittes Mitglied erweiterten. Eine Filmarbeit und eine ausstellungsabschließende wandfüllende Arbeit sind von ihm in der Schau zu sehen, in der er den facettenreichen Kosmos K.U.SCH. zu fassen sucht.

Seit Beginn an war die Arbeit von K.U.SCH. von einem dezidiert politischen, gesellschafts- und konsumkritischen Bewusstsein geprägt, das sich auch in ihrer ökologischen Lebensweise auf einem Bauernhof, dem sogenannten “Strohhof“ im niederösterreichischen Mostviertel, widerspiegelte. Sie hielten sich Ziegen, machten Käse, bauten Gemüse und Obst an, schneiderten sich ihre Kleidung selbst. Ihr künstlerisches Selbstverständnis – und das wird nach einem Ausstellungsrundgang ganz deutlich – zielte von jeher auf die unmittelbare Verknüpfung von Kunst und Leben als Einheit ab. Krätschmer und Schwarzenberger haben es einmal als „Eine Kunst in Richtung Versöhnung von Kultur und Natur“ bezeichnet. So ließ ihr künstlerischer Anspruch auch spartenübergreifend Objektkunst, Malerei, Zeichnung, Film, Musik, Design, Land-Art, Performance und Theater zu einer Art Gesamtkunstwerk verschmelzen, das – und das ist das Entscheidende und macht die Ernsthaftigkeit ihrer Kunst aus – als positive Utopie unmittelbar in die Gesellschaft hineinwirken sollte.

In der Ausstellung, die im Grunde nach einem chronologischen Prinzip gestaltet ist, sind einige thematische Schwerpunkte besonders herausgearbeitet worden: Da geht es um den Zusammenhang von Mensch und Natur, da geht es um den Stellenwert von Ritualen. Die Abstraktion und Geometrie standen von Anfang an im Fokus der Kunst von K.U.SCH. Aber auch Figuration und Rhythmus. Das weite Feld der Bühne, auf der K.U.SCH. das Leben als Kunstwerk zelebrierten; nämlich in Form von Prozessionstheater – mit starkem rituellem Charakter – von Laufstegtheateraufführungen, mittels Performances und auch im Film. Futter für ihre Kunst lieferte natürlich ihre Umwelt: Politik, Gesellschaft, Konsum und Kapitalismus, deren Substanz immer kritisch und in einer unglaublichen Radikalität beleuchtet wurden – begleitet von einem höchst intelligent angelegten subversiven Humor.

Gezeigt wird auch eine Auswahl aus dem wenig bekannten aber dennoch umfangreichen filmischen Werk von K.U.SCH., das speziell im Hinblick auf die Ausstellung digitalisiert wurde. Die Palette reicht von dokumentarischen und experimentellen Filmen der 60er- und 70er-Jahre bis hin zu jüngsten Werken, die sich durch Witz und Tiefgründigkeit auszeichnen.

K.U.SCH. haben sich nie gescheut, brisante und tagesaktuelle Themen von politischem Rang zum Inhalt ihrer Arbeit zu machen. In ihren Zeichnungen “Als Frau“ und “Roter Teppich“ zum Beispiel thematisiert Renate Krätschmer Vergewaltigung, Folter und Krieg, menschenverachtende Tatsachen, die ihrer Meinung nach zu wenig intensiv (auch) in der österreichischen Öffentlichkeit diskutiert werden. So wundert es kaum, dass unter ihren Werken ein Objekt wie die “Österreichliege“ zu finden ist, konzipiert in einer Zeit, als die Jugoslawienkriege tobten. In einem Notizheft von Jörg Schwarzenberger trägt die rot-weiß-rote Liege auch die vielsagende Bezeichnung “Eine Liege für die Insel der Seligen“. Die Charakterisierung Österreichs als “Insel der Seligen“ geht ja bekanntermaßen auf den ehemaligen Bundeskanzler Kreisky zurück, der damit das politisch neutrale Österreich als idealtypischen Ort beschrieb, an dem Menschen in Wohlstand, glücklich, konfliktfrei und harmonisch zusammenleben. Heute steht diese zum geflügelten Wort aufgestiegene Umschreibung generell und auch jenseits eines österreichischen Kontextes für trügerisch-idyllische Walzerseligkeit und Scheuklappendenken. Ein Thema, das K.U.SCH. schon 1976 beschäftigte: In einem der Notizblöcke des Künstlerduos ist zu lesen: „Der Österreicher ist nicht zuständig, er dornröselt.“

Der Sonnenliege von K.U.SCH. ist seitlich ein abgenagter Knochen angehängt. Böse Zungen behaupten, der Knochen weise auf die Mühsal eines entbehrungsreichen Lebens vieler Österreicher hin. Sonnenbebrillt in einer gewissen Neutralität auf der Liege liegend werden um die Insel tobende Stürme ausgeblendet. Warum sich auch der Gefahr des offenen Meeres beziehungsweise des jugoslawischen Festlandes aussetzen, wenn das insulare Bewusstsein zumindest kurzfristig und bis zu einem gewissen Grad vor den Winden des Augenblicks und der Geschichte schützt?

Die aus Zeitungsausschnitten zusammengestellten Collagen der 1970er-Jahre machen das gesellschaftspolitische Engagement von K.U.SCH. beispielhaft deutlich: Hier thematisieren sie unter anderem die Macht des Geldes und den damit zusammenhängenden potenziellen Machtmissbrauch, die durch Marktmechanismen hervorgerufene Zerstörung der Natur und den in unterschiedlichen Medien allseits präsenten Konsumterror, der mündigen Bürgern angebliche Bedürfnisse suggeriert. In das letztgenannte Thema gehört auch der “Konsumkampfwagen“, ein mit einer Sense bestückter Einkaufswagen, der für alle Schnäppchenjäger gleich die passende Waffe bereithält. Vergleichbar mit einem mittelalterlichen Lanzenstechen, bei dem sich zwei Ritter anschickten, jeweils den anderen mit aller Gewalt vom Pferd zu stoßen, um den ausgelobten Preis zu erlangen, stellen K.U.SCH. eine “Konsumsense“ heutiger Prägung zu Verfügung, mit der sich gegnerische Konsumenten die attraktivsten Produkte des Sommerschlussverkaufs abringen können.

Renate Krätschmer hat mir in einem Gespräch folgendes gesagt: „Wir bringen scheinbar nicht zusammengehörende Dinge in Verbindung und so zu einer neuen Aussage, die jedem offensteht und die durch den Titel eine Gedankenstütze bekommt, die den Beschauer aber nicht einengen sollte. Man muss versuchen ein Kunstwerk zu entschlüsseln, aber ohne Gebrauchsanweisung“. Das macht es einerseits leicht, sich der Kunst von K.U.SCH. zu nähern, andererseits macht es das auch schwierig. Eine allgemeingültige Symbolik wird man in den Arbeiten von K.U.SCH. nämlich vergeblich suchen, an der man sich orientieren könnte. Im Grunde dürften die Arbeiten allesamt keine Titel tragen, um sie nicht einzuengen und ihres Gehaltes zu entkleiden. Die von Zeit zu Zeit durch die Künstler vorgenommene Änderung verschiedener Objekttitel ist sicherlich ein Hinweis darauf, dass in der Symbolkraft der Werke eine gewisse Unendlichkeit verborgen liegt. K.U.SCH. geht es in den Fällen von Neubenennung der Objekte um Präzisierung und eine zeitliche Aktualisierung möglicher Inhalte. Sie selbst reflektieren ihre Arbeiten immer wieder in neuen Kontexten und beziehen sie auf aktuelle Situationen die sie betreffen oder betroffen machen. In einem Statement aus 2006 halten K.U.SCH. fest: „Wir sehen uns in der Rolle des Künstlers als Chronist, verpflichtet einer zeitzeugenschaftlichen Relevanz und Authentizität, als Kommentator des Zustandes dieser Welt und der gesellschaftlichen Befindlichkeiten“. Es handelt sich also bei den Werken von K.U.SCH. nicht um Sinnbilder, die einem mehr oder weniger großen Kreis von Menschen erklärbar sind oder überhaupt zur Gänze enträtselt werden sollen, sondern vielleicht um etwas, das dem Mythos, der Sage oder dem Märchen gleich sein möchte, also um etwas, das den Menschen in seiner Sphäre des Unbewussten berühren will. Worauf es K.U.SCH. in ihrer Kunst immer auch ankommt ist das Bewahren des Geheimnisses. Ein Schlüsselwort vielleicht. Denn es gibt zwei verschiedene Arten, sich den oft absurd anmutenden Bildwerken von Renate Krätschmer und Jörg Schwarzenberger zu nähern. 1: Das Absurde ist auf der verstandesmäßigen, der intellektuellen Ebene, nicht zu verstehen. Es ist paradox. 2: Das Mythische, das Metaphysische jedoch ist deshalb nicht zu verstehen, weil es jenseits der menschlichen Ratio, Erfahrung und Erkenntnis liegt und daher geheimnisvoll ist und bleibt. Die Arbeiten von K.U.SCH. scheinen in gewisser Weise vor dem Gedanken zu liegen, ursprünglicher als jeder Gedanke zu sein.

K.U.SCH. schaffen allgemeingültige Bilder und Mythen für unsere Zeit, denen sie in einem scheinbar banalen Vorgang Namen geben. Teilweise entstehen ihre Bilder und Objekte sogar erst, nachdem die Wortschöpfung erfolgt ist. Die Aufzeichnungen des Künstlerduos sind voll von Wortkreationen, die vermutlich noch lange in keinem Wörterbuch zu finden sein werden: Marmelady, Grotentuft, Leichenzehrer, Buderroot, Schnellplan, Sühnerhuppe, Bauchschloot, Weihrausch, Alternaiv. Das Namengeben bezeichnet den ersten kreativen schöpferischen Akt des Okzidents: Gott gab Adam den Auftrag, allen Dingen und Tieren Namen zu geben. Mit dieser Obliegenheit beginnt die Geschichte des abendländischen Menschen. Gerade Geschaffenem, noch nicht Benanntem einen Namen geben – damit setzt sich der Mensch in Beziehung zu der Sache, zu den Gegebenheiten, die ihn angehen, die ihn betreffen. Damit wird für den Menschen generell und in unserem speziellen Fall für Jörg und Renate etwas erst Wirklichkeit.

Für den 22. Februar ist eine Finissage angesetzt, für die Bodo Hell, Peter Waugh und Renald Deppe eine Sprechperformance vorbereitet haben. Renate Krätschmer und Alexandra Schantl, künstlerische Leiterin von Zeitkunst Niederösterreich, bieten interessierten Ausstellungsbesuchern und Ausstellungsbesucherinnen einen Rundgang durch die Ausstellung an.

bis 22. Februar 2015