Kunstraum Nestroyhof – eine neue Ausstellungsplattform

08.06.16

Mit dem Kunstraum Nestroyhof erhält Wien eine neue Ausstellungsplattform im 1898 von Oskar Marmorek erbauten Nestroyhof, mitten im historisch wie gegenwärtig kulturell lebendigen Viertel der oberen Praterstraße in der Wiener Leopoldstadt (2. Bezirk) Künstlerische Leiterin und Initiatorin des Kunstraums ist Christine Janicek, die bereits seit langem für das Projekt „Serendipity“ verantwortlich zeichnet – aus dem heraus sich auch die Idee für einen eigenen Kunstraum entwickelte. Finanziert aus privater Leidenschaft für Kunst durch den Unternehmer Georg Folian wählt „Serendipity“ Künstler und Künstlerinnen aus, die in der Folge einen Katalog und eine Ausstellung erhalten. Zunächst wurden diese Ausstellungen im Palais Palffy und dann im Künstlerhaus gezeigt, künftig sind sie einmal im Jahr fixer Bestandteil des Programms im Kunstraum Nestroyhof. Christine Janicek versteht den Kunstraum als offene Plattform, als Diskursraum auch in einem Crossover zur darstellenden Kunst, zur Literatur und insbesondere zur Musik. „Der Schwerpunkt des Kunstraums liegt auf zeitgenössischer bildender Kunst – darüber hinaus öffnen wir den Raum aber auch für Performances, Lesungen, Filme, Künstlergespräche, Diskussionen oder Symposien und lassen all das stattfinden, was zum Schauen, Hören, Reden, Denken animiert.“ Auch die Kooperation mit anderen Kunst- und Kulturinitiativen ist möglich und gewünscht. „Wir werden den Raum sowohl mit eigenen Projekten bespielen als uns auch in Kooperation mit anderen Initiativen und Künstlern. Wir fühlen uns im Umfeld von Galerien und Ateliers, in einem Ambiente von Avantgarde und Grätzlkultur gut eingebettet und wissen auch die unmittelbare Nachbarschaft des Theaters Hamakom zu schätzen und werden mit dem  neuen Kunstraum der Vielfalt dieses Viertels eine weitere interessante Facette hinzuzufügen“, so Janicek.

Eröffnet wird der Kunstraum Nestroyhof mit zwei renommierten österreichischen Künstlern. „RealFiktional“ stellt Gemälde von Thomas Reinhold und Objekte von Julie Hayward einander gegenüber. Die beiden Künstler haben die Ausstellung gemeinsam konzipiert – auch in Korrespondenz mit dem Raum. „Uns ging es darum sehr reduziert vorzugehen und die wenige Arbeiten, diese dafür aber sorgfältig und bewusst ausgewählt zu zeigen“, so Julie Hayward. Es ergeben sich überraschende Schnittstellen zwischen den Werken sowohl in Bezug auf die Werkgenese aber auch im Bereich formaler Elemente – Skulptur und Malerei überschneiden sich räumlich, formal und gedanklich. „Das Gemeinsame an unseren Arbeiten ist, dass sie in einem Schwebezustand entstehen, in dem Unbewusstes und Bewusstes fusionieren. Das Unbekannte, das daraus erwächst, wird erst in der materiellen Umsetzung konkretisiert. Durch das Zusammenführen unserer Arbeiten entsteht ein utopischer und zugleich etwas unheimlicher Hyperraum", so die beiden Künstler.

Die Malerei von Thomas Reinhold findet ihren Ausgangspunkt in der Formenwelt die ihn umgibt. In einer freien, abstrakten Bildsprache versucht der Künstler die komplexen Prozesse der Malerei nachzuvollziehen und aus einer gewissen Distanz, die Wahrnehmung zu reflektieren und sie in die Formensprache der Malerei zu übersetzen und gewissermaßen, so Reinhold, „Gegenstücke zu allem Erlebten zu schaffen“. In der Ausstellung zeigt er Arbeiten aus seinen Werkgruppen „Tektonik der Schwebe“ und „Transport und Kommunikation“. Den malerischen Raum entwickelt er nicht mittels herkömmlicher tiefenillusionistischer Mittel, sondern allein durch die Überlagerung von Schichten. Die Farbe wird geschüttet und durch Anheben des Rahmens transportiert – in einem mehrmals wiederholten Prozess. Damit in Dialog stehen die Skulpturen von Julie Hayward. Mit ihrer charakteristischen Formensprache, die biomorphe Strukturen mit technoiden Formen kontrastiert hat Hayward in den letzten Jahren den Begriff der zeitgenössischen Skulptur in Österreich wesentlich mitgestaltet. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien sowie die perfekte Ausführung lassen sie „wie kosmonautische und utopische Gebilde erscheinen“ (Walter Seidl) Mit ihren Skulpturen so die Künstlerin, „stelle innere Prozesse dar, psychische Konstruktionen und existenzielle Fragen. Die fast konstruktive Form der Objekte, die das Unbewusste findet, verdeutlicht Vorgänge, die gemeinhin nicht festzumachen sind". Ausgangspunkt ihrer Skulpturen sind Zeichnungen, die in einer Art psychischen Automatismus entstehen, die Titel dienen als Fährte zur Interpretation.
Ein fulminater Auftakt, der im Herbst mit dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt von Nita Tandon und dem Schriftstellers Daniel Wisser sowie mit dem Kunstprojekts Serendipity, das 2016 der Malerin Eva Hradil gewidmet ist, ambitioniert fortgesetzt wird.

RealFiktional. Julie Hayward und Thomas Reinhold
16. Juni bis 15. September 2016
Kunstraum Nestroyhof, Nestroyplatz 1
1020 Wien
www.kunstraum-nestroyhof.at

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