Kunsthalle Wien Pierre Bismuth. Der Kurator, der Anwalt und der Psychoanalytiker

23.02.15

Mogli spricht spanisch, der Panther arabisch und die Schlange italienisch: In Pierre Bismuths Interpretation des Dschungelbuchs herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Der französische Künstler und Drehbuchschreiber – der als Co-Autor des Films „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ von Michel Gondry sogar einen Oscar bekam und nun in der Kunsthalle Wien rund 60, zwischen 1988 und 2014 entstandene Kunstwerke zeigt – ändert an dem Disney-Film gar nichts außer die Synchronisation; die einzelnen Protagonisten sprechen jeweils unterschiedliche Sprachen. Kaum jemand versteht noch den Film – denn die 19 Sprachen, die hier vorkommen, beherrschen wohl nur sehr, sehr wenige Menschen auf der Welt; und während das Publikum außen vor bleibt, scheinen die Figuren einander zu verstehen. Ob dadurch aber tatsächlich gleich ein Spiel mit „nationalen Klischees und Stereotypen stattfindet“, wie Kurator Luca Lo Pinto argumentiert? Gelten Italiener tatsächlich als falsche Schlangen? Araber als elegante Raubkatzen?

Bismuth arbeitet häufig mit vorgefundenem Filmmaterial, so auch in seiner Serie „Respect the Dead“. In dieser Arbeit lässt er Filme (von Godards „Atemlos“ bis zu Don Siegels „Dirty Harry“) so lange laufen, bis darin der erste Mensch stirbt – und beendet sie dann abrupt. Im Gegensatz zum „Jungle Book Project“ bleibt diese Arbeit allerdings etwas leer: Sobald man den Schmäh begriffen hat, ist die Angelegenheit nur noch mäßig spannend (die grottige Qualität der Projektion trägt das ihre dazu bei). So ähnlich verhält es sich überhaupt mit einigen Arbeiten hier, die bisweilen in der Kategorie eines lustigen Experiments verbleiben, allerdings darüber hinaus nicht rasend viel aussagen. Die Arbeiten, in denen die Gestik des Protagonisten einer Doku oder eines Films ihren Niederschlag in einer abstrakten Zeichnung finden, etwa: Gehen sie über den Witz der Idee hinaus? Allenfalls jene Doppelung, in der Bismuth die Spuren der zeichnenden Hände Picassos nachzeichnet, ist reizvoll: Das Ergebnis entspricht einer etwas krakeligen Version des Originals, das am darunterliegenden Film Still zu sehen ist.

Ein wenig komplexer erscheint die Arbeit „The Party“, die ähnlich wie „The Jungle Book Project“ einzelne Elemente des Films auseinandernimmt, um sie wieder neu zusammenzusetzen: Blake Edwards Klamaukfilm „Der Partyschreck“ läuft lautlos auf einem Monitor, während im Video nebenan die Schrift einer Stenotypistin zu sehen ist – sie wurde beauftragt, nur aufgrund der Tonspur des Films die Dialoge und die Handlung zu beschreiben. Immer wieder gerät die Sache ins Stolpern, die Stenotypistin verschreibt sich, löscht einzelne oder mehrere Buchstaben, um sie zu korrigieren – fehlt dem Betrachter die Tonspur, so hatte die Stenotypistin kein Bild vor sich. Die Arbeit verliert auch nach längerer Betrachtung ihren Reiz nicht.

Der Untertitel der Ausstellung („Der Kurator, der Anwalt und der Psychoanalytiker“) verdankt sich dem Umstand, dass jeweils ein Vertreter der drei genannten Professionen Werke ausgewählt und in Saaltexten beschrieben hat – so werden unterschiedliche Zugänge zu den Arbeiten erschlossen. Entsprechen die Äußerungen des Kurators (Luca Lo Pinto) den üblichen erklärenden Saaltexten, so geht der Anwalt (Laurent Caretto) vor allem auf Fragen des Urheberrechts ein, während der Psychoanalytiker (Angel Enciso) eher munter vor sich hin assoziiert (und dabei ein wenig Freud und Lacan zitiert). Und obwohl von der Ausstellung selbst ein durchaus gespaltener Eindruck bleibt, so ist doch dieses gewitzte Experiment einer mehrstimmigen Rezeption und Vermittlung durchaus gelungen.

Bis 22. 3. 2015

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