Kunst im Gefängnis: „Luther und die Avantgarde“ holt zeitgenössische Werke nach Wittenberg

22.05.17

Ein Ausstellungsbericht von Uta Baier.
Unzählige Ausstellungen wurden in den vergangenen zehn Jahren zum Thema Martin Luther eröffnet, meterweise Bücher geschrieben und alte und neue Theorien diskutiert. In diesem Jahr erreicht die von Politik und Kirche gemeinsam ausgerufene Lutherdekade ihren Höhepunkt: der 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag an ein Portal der Wittenberger Schlosskirche. Doch da ein Tag Ende Oktober zu wenig für die großen Feier-Pläne ist, wurde der Sommer 2017 zum Reformationssommer ausgerufen. Die Idee des Tourismusmanagements scheint erfolgreich zu sein: Wer in diesen Tagen nach Wittenberg kommt, sieht die Lutherstätten vor lauter Touristengruppen (fast) nicht.

Von dieser Begeisterung für die Reformation, von diesem Luther-Effekt (der wiederum im Martin-Gropius Bau in Berlin zum Ausstellungstitel für eine Schau über Luthers weltweite Wirkung wurde) soll auch die nun in Wittenberg gezeigte zeitgenössische Kunst profitieren. Ein Kuratorenteam um Walter Smerling, den Ausstellungsmacher und Direktor des Museums Küppersmühle in Duisburg, hat ein leerstehendes Gefängnis mitten in Wittenberg zum Ausstellungshaus umwidmen können und eine große, internationale Kunstschau organisiert. Ihr Titel „Luther und die Avantgarde“ ist Versprechen und Behauptung zugleich. Beide werden, wie immer bei Themenausstellungen, nur teilweise eingelöst. Aber – wie immer – ist das kein Problem, denn in jeder Ausstellung finden sich platte Illustrationen, beziehungslose Kunstwerke und wunderbar erhellende Beiträge.

So ist es auch bei den Werken der 66 internationalen Künstler, die nach Wittenberg eingeladen wurden und die in und um das alte Gefängnis ausstellen. Viele von ihnen wählten die Zellen als Ausstellungsort und stellten eine Verbindung von Gefangenenzelle und Mönchszelle her. Das gerät schnell plakativ oder beliebig, etwa wenn Olafur Eliasson eine Lampe in eine Zelle hängt, die Schatten an die Wände wirft. Oder wenn Paloma Varga Weisz eine große Marionette bäuchlings auf den Boden einer Zelle legt, die den Hintern rhythmisch hebt und senkt. Es muss aber auch nicht plakativ sein, denn es gibt beispielsweise die 95 Thesen zur Diktatur der Kunst von Jonathan Meese, der seine Installation gewohnt wild, verrückt und kindlich-ernsthaft die Zelle geradezu sprengen lässt. Meeses Furor passt prima zu unserer Vorstellung von Luther. Christian Jankowski dagegen hält nicht viel von solchen Gewissheiten. Deshalb erschüttert er sie nur allzu gern. In einer von ihm inszenierten Castingshow hat er eine Jury (Priester, Kunstkritiker, Mitglied der italienischen Bischofskonferenz) „ihren“ Jesus auswählen lassen. Wie diese drei Männer der Macht der traditionellen Bilder ausgeliefert sind, wie sie verzückt „ihren“ Heiland erkennen und auswählen, das beschreibt Kirchen- und Kunstgeschichte gleichermaßen – und lässt den Betrachter, wie einst Luther, an ihren Normen zweifeln.

Wer allerdings, wie Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte, von der Kunst mit Bezug auf Luther „Empörung über das Monumentale“, Empörung auch über das „Machtvolle, Alldeutsche, Repressive, Antijüdische“ erwartet, wird enttäuscht werden. Luther regt nicht auf, schon gar keinen Künstler wie Ai Weiwei, der ein weiteres Mal seine eigene Gefängniserfahrung thematisiert und den Abgussblock seines Körpers in eine Zelle stellt. Ilya und Emilia Kabakow arrangieren irgendetwas mit bunten Seilen, die die Gedanken von Inhaftierten darstellen sollen. Und Marzia Migliora platziert eine prächtige Kniebank vor die goldenen Schließfächer eines Banktresors und nennt das Ganze „Schuld“. Sie will natürlich nicht nur die Anbetung des Geldes allgemein illustrieren, sondern auch den von Luther kritisierten Ablasshandel. Das ist insgesamt wenig originell, ziemlich plakativ, aber immerhin leicht zu verstehen.

Für auffallend viele Künstler ist Luther Schrift geworden. Das kann so faszinierend-technisch und präzise-sinnlich sein wie bei „bios (bible)“ von der Künstlergruppe Robotlab, die einen Roboter die Bibel abschreiben lassen. Oder so hübsch verspielt, wie bei Xu Bing, der ein Piktogrammsystem entwickelt, um deutsche und chinesische Sprache gleichermaßen in Bilder zu übersetzen. Der Satz „Und alsbald war da bei den Engeln die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott“ wird zu einer Aneinanderreihung von Symbolen wie Blume, Engel, Sprechblase, betende Hände, Jesus, Daumen nach oben. Sie kann aber auch so banal ausfallen wie bei Jörg Herold, der sich in einer Luther-Ausstellung lieber mit dem Koran beschäftigte und arabische Schriftzeichen in die Wände kratzte.

So schwankt diese sehr besondere Luther-Schau ständig zwischen Illustration, demonstrativer Abkehr von Reformator und Reformation und  anregendem, auch bildmächtigem Künstler-Kommentar. Allein Luise Möller denkt weit über die Grenzen von Gefängnis und Reformationsthema  hinaus und beteiligte die Wittenberger an ihrer Kunst-Arbeit, die sie den wenig beachteten Frauen in der Geschichte der Stadt widmet. Schließlich gehören die Emailleschilder mit den Namen und Daten berühmter Bewohner an den Häuserfassaden zu den Touristenlieblingen. Doch nur drei der 100 Schilder tragen die Namen von Frauen. Luise Schröder ließ sich Namen von ehrwürdigen Wittenbergerinnen vorschlagen, verwendete die Vorschläge samt Biografien für eine Videoarbeit und brachte eine neue Gedenktafel in Wittenberg an. Sie erinnert an einen „Generalstreik der Frauen am 4. Mai 1987“, der allerdings - soviel Kunst-Fiktion soll sein - niemals stattgefunden hat. 

Wittenberg, Altes Gefängnis, bis 17. September
Satellitenausstellungen, ebenfalls bis 17. September:
Berlin, Sankt Matthäus Kirche mit den „Sündenbock“-Bildern von Gilbert und George
Kassel, Karlskirche: Werke von Shilpa Gupta und Thomas Klipper