Krise, Kunst und urbaner Raum - Ein Spaziergang durch das Athener Viertel Metaxourgio

19.03.15

Griechenland und Athen ist jeden Tag in den Schlagzeilen. Ingo Starz beschreibt auf seinen Streifzug durch die Stadt einen anderen Blickwinkel – jenen auf die Street Art Szene der Stadt. 

Die Athener bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Und die allgegenwärtige Street Art gehört mittlerweile zum Alltag der Stadt wie die Armada gelber Taxis und ruft normalerweise keinen Widerstand hervor. Anders verhält es sich bei dem großflächigen Graffito, das seit Anfang März die Außenfassade eines Gebäudetrakts des altehrwürdigen Polytechnikums an der Patision Straße schmückt. Nicht nur dass diese Arbeit durch alle Medien ging, sie weckte auch das Interesse des Staatsanwalts, der nun prüft, ob ein Fall von Vandalismus vorliegt. Nun kann man tatsächlich darüber streiten, ob die historische, neoklassizistische Fassade der richtige Ort für Street Art ist, ein eindrückliches Beispiel für die „Eroberung“ der Stadt durch die Künstler, ist das Werk jedoch allemal.

Geht man die Patision Straße hinunter und überquert den Omonia Platz, erreicht man nach kurzer Zeit das Viertel Metaxourgio. Sein Name rührt von einer einstigen Seidenfabrik her, die sich hier befand und dazu beitrug, dass das Quartier im 19. Jahrhundert seine ländliche Prägung verlor und industrielle Produktion und Handwerk Einzug hielten. Es hat sich einiges an Bauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erhalten, deren Zustand ist allerdings nicht selten beklagenswert. Nach einer Zeit der Verwahrlosung in den 1970er- und 1980er-Jahren, setzte nach 2000 eine Aufwärtsentwicklung ein, an der auch Künstler ihren Anteil haben. Zu den bekanntesten Adressen im Viertel gehört das Theater Attis von Theodoros Terzopoulos an der Leonidou 7. Der international arbeitende Theatermann, der längere Zeit in Berlin lebte und mit Heiner Müller befreundet war, wurde mit seinen Neuinterpretationen griechischer Tragödien berühmt, aber auch durch die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern. So war neben anderen Jannis Kounellis als Bühnenbildner für ihn tätig.

Unweit des Theaters befindet sich an der Kerameikou 28 die Kunsthalle Athena. Die Institution wurde 2010 von der Kuratorin und Autorin Marina Fokidis gegründet und widmet sich der visuellen Kultur unserer Zeit. Die Kunsthalle tritt häufig als Ko-Produzent von Projekten auf und versucht zeitgenössische Kunst gleichsam in den öffentlichen Raum zurückzuführen. Leitgedanke ist, den ständigen Wandel der Stadt in Produktion und Verbreitung zeitgenössischer Kultur zu spiegeln. Die deutsche Bezeichnung „Kunsthalle“ enthüllt in diesem Zusammenhang seinen Sinn: Belegen doch die Kunsthallen-Gründungen im deutschsprachigen Raum bürgerliches Engagement für die Stadt. Angesicht solcher Ziele überrascht es nicht, dass Marina Fokidis zur künstlerischen Leiterin des Athener Büros der Documenta 14 berufen wurde. Man darf gespannt sein, im welchem Licht diese internationale Schau, die neben Kassel erstmals einen zweiten Ort bespielt, Athen und seine Kunst im Jahr 2017 präsentieren wird.

Streift man weiter durch das Viertel stößt man allenthalben auf Street Art. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man nicht nur deren beachtliche Vielfalt, sondern kann auch einzelne Künstlerhandschriften scheiden. Eine Ausstellung im Athener Onassis Cultural Center präsentierte im vergangenen Jahr unter dem Titel „No Respect“ eine Ausstellung zum Thema. Darin waren museumsgerechte Nachschöpfungen von rund 40 Künstlern zu sehen. Um einen vergleichbaren Überblick im öffentlichen Raum zu gewinnen, braucht man einige Zeit. Es lohnt sich aber diese aufzuwenden, gerade in Metaxourgio, wo rund um die Leonidou die Dichte an Werken groß ist. Verlassene Liegenschaften und Brachen sind blinde Flecken um urbanen Raum, die nachgerade zu künstlerischer Aktivität einladen. Das stilistische Spektrum der Arbeiten ist groß und reicht von ornamentalen Strukturen und Schriftbildern bis hin zu Porträts und Figurendarstellungen.

Etwas abseits der Leonidou liegt an der Salaminos Strasse 72 der Kunstraum Atopos. Es handelt sich dabei um eine gemeinnützige Organisation, die sich für gestalterische Formen rund um den menschlichen Körper interessiert. Hier werden innovative Projekte initiiert und präsentiert, die „atopisch“ sind, sich also üblichen Klassifizierungen entziehen. Die Macher Stamos Fafalios, Vassilis Zidianakis und Angelos Tsourapas bringen dabei ihre unterschiedlichen Hintergründe – Kunst, Architektur und Mathematik – ein. Atopos arbeitet international mit Institutionen und Galerien zusammen. Während das Haus, in dem sich der Kunstraum befindet, renoviert ist, stößt man in unmittelbarer Nähe auf beinahe abbruchreife Gebäude. Nichts könnte die Transformation, die Metaxourgio und Athen momentan durchlaufen, besser veranschaulichen als eine derartige bauliche Konstellation.

Wenn man der Leonidou Straße bis zu ihrem Ende folgt, erreicht man das Viertel Gazi. Die Street Art findet dort gleichsam ihren Abschluss im Aufmerksamkeit erregenden Werk eines jungen Künstlers, dessen Kindergesichter zu den einprägsamsten Beispielen dieser Kunstform in Athen gehören. In den Arbeiten von Stamatis verbirgt sich Anklage und Hoffnung, findet die Krise, die Athen und Griechenland seit 2010 durchleben, ästhetischen Ausdruck. Sie handeln vom Ausgeliefertsein an die Zeitläufte, von der unbedingten Freude am Leben und vom Wunsch nach einer besseren Zukunft. Im Athener Viertel Metaxourgio werden einem solche Aspekte auf Schritt und Tritt gegenwärtig.

 

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