Kochi-Muziris Biennale 2016 | Forming in the pupil of an eye

17.02.17
Pavillon Kochi Muziris Biennale 2016, construction: Carl Pruscha, canopy: Eva Schlegel Foto © Eva Schlegel, courtesy Eva Schlegel und Galerie Krinzinger

The Magic Turn | Über die Freiheit, durch Kunst neue Erfahrungsräume zu aktivieren

Die im südindischen Bundesstaat Kerala stattfindende Kochi-Muziris Biennale 2016 zählt als derzeit größte Kunstveranstaltung Indiens zu den Publikumsmagneten. Das Fort Kochi als ältester Teil der Stadt, wo sich neben der Aspinhall und dem Peperhouse die 12 Austragungsorte der Biennale teils in Lagerhallen befinden, verströmt an allen Ecken das Aroma einer tiefgreifenden Geschichte der kulturellen Migration. Als erste Handelsniederlassung der Portugiesen, die von Kochi aus Gewürze nach Europa verschifften, war die Stadt Eroberungskämpfen durch die Niederländer und Briten ausgesetzt. Demokratisierungsbewegungen für eine Kultur der Gleichheit und Zeichen des indischen Marximus sind im Fort Kochi durch Mural Paintings mit Porträts von Che Guevara neben jenen der Christianisierung allgegenwärtig. Vor der Küste Kochi befand sich mythenumwobene antike Stadt Muziris.

Die Gründer der Kochi Biennale Foundation Krishnamachari Bose und Riyas Komu sind selbst Künstler, initiierten und kuratierten die 1. Ausgabe 2012. Die Nominierung des Künstlers Sudarshan Shetty, der in Europa von der Wiener Galerie Ursula Krinzinger vertreten wird und im Sommer 2016 für Recherchen in Wien war, erwies sich als Glücksgriff für die österreichischen KünstlerInnen Eva Schlegel und Martin Walde. Unter den 93 KünstlerInnen aus 31 Ländern der Kochi Muziris Biennale befinden sich Installationen von ihnen, die im Fall von Eva Schlegel teils in Kooperation mit dem Architekten Carl Pruscha entstanden sind. Biennale-Beteiligungen österreichischer KünstlerInnen sind derzeit dank Ambitionen des Bundeskanzleramts für Kunst und Kultur derartige Projekte zu unterstützen im Vormarsch. 2015 nahmen die österreichischen Künstler Nikolaus Gansterer, Axel Stockburger und Johann Lurf an der Havanna Biennale statt.

Als Kurator betreibt Sudarshan Shetty keine Re-Konzeptualisierung prominenter, internationaler Kunstpositionen wie wir es ansonsten von Biennalen gewohnt sind, sondern gibt der Artikulierung einer Hybridität künstlerischer Genres großzügig Raum, ohne in die Falle eines Multikulturalismus zu geraten. Das Setting einzelner Installationen und Performances von KünstlerInnen wie Ahmet Ögüt, Anamika Haksar, Ales Steger, Alicja Kwade, Gauri Gill, Istvan Csakany, Kabir Mohanty, AES+F oder das ambitionierte Projekt des Kollektivs Samusha, das mit einer informellen Community aus Mumbai arbeitet, fügt sich aus einer Vielzahl von prozesshaften Herangehensweisen zusammen. Unter Einbeziehung von Literatur, Kino, Tanz und Musik bietet die Biennale eine interdisziplinäre Plattform, in deren Veranstaltungen Vermittlungsprogramme und eine StudentInnenbiennale einbezogen sind.

Wie im Titel der Biennale "Forming in the pupil of an eye" zum Ausdruck gelangt, entwickeln sich individuelle Zugänge im Sehen und im Reflektieren, um sich der Kunst anzunähern, werden auch rituelle Handlungen gesetzt. Abhishek Hazra spannt in seinen Lectureperformances, die als Guided Tours funktionieren, verschiedenen Topologien der Biennale. Die Außenwände einzelner Destinationen sind mit literarischen Passagen beschrieben, die sich quer durch die Stadt verteilen. Bereits im Entre der Biennale auf dem Gelände von  Aspinwall befindet sich der von Eva Schlegel und Carl Pruscha gestaltete, architektonisch aus Stahlgerüst konstruierte Pavillion mit dem vielversprechenden Titel „Floating into the Night“, der von einer  Plane überspannt ist, auf der die Koordinaten de Sternenhimmels  zu sehen sind. Der Künstler Martin Walde ist sich des Risikos bewusst, dem er seine Installation „Multiple Choice“ aussetzt, deren Wachsfigur auf menschliche Körperpräsenz sensibel reagiert und im Fall eines Massenandrangs zu schmelzen droht. Seine Installation gestaltet sich zu einer performativen Erfahrung und bezieht das Publikum in den Werkprozess ein. Eine Lagerhalle wurde dafür mit Meerwassser in Kniehöhe geflutet. Um das von dem chilenischen Dichter Raul Zurita verfasste Gedicht über das Flüchtlingskind Galip Kurdi lesen zu können, ist es notwendig 50 Meter durch das Wasser zu watten – eine starke sensuelle Erfahrung. Zurita widmet sein Gedicht Galip Kurdi dem Bruder von Aylan, dessen Bild als totes an den Strand geschwemmtes Kind, das Gewissen der Weltöffentlichkeit kurz aufrüttelt. Besonders in dieser Installation wird die Komplexität der Kochi Muziris Biennale spürbar, die verschiedene Sensibilitäten aktiviert, für Realitäten denen wir heute ausgesetzt sind.

www.kochimuzirisbiennale.org