Kann Kunst die Welt verbessern? – Der Versuch einer Conclusio im MAK

19.11.15

Aufgrund der jüngsten Attentate in Paris und der herrschenden Flüchtlingskrise war letzten Dienstag Abend im Wiener Museum für angewandte Kunst unterschwellig auch diese Thematik präsent. Der eigentliche Fokus des MAK NITE – Symposiums, das der großen Frage „Kann Kunst die Welt verbessern und wenn ja, wie?“ gewidmet war und im Rahmen der Vienna Art Week – heuer unter dem Motto „Creating Common Good“ – in der Säulenhalle des MAK stattfand, galt ursprünglich einem anderen, unsere Gesellschaft grundlegend verändernden Aspekt: der zunehmenden Digitalisierung, die zu einem regelrechten „Umbau“ unserer Kultur führe. Angesichts der „Lernfähigkeit“ digitaler Technologien sei es bekanntlich nur eine Frage der Zeit bis künstliche die menschliche Intelligenz überhole, dramatische Fortschritte passieren auf diesem Gebiet in kürzester Zeit. Was sollen wir über Maschinen, die „denken“, denken? Wohin führt das und wodurch definiert sich dabei unser Menschsein? Enormes Potenzial aber auch große Risiken – nicht zuletzt durch Affektmangel und Ausbreitung von zweckrationalem Handeln in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Technik und Kultur – sind mit diesem „digitalen Zeitalter“ verbunden. Kunst wird gerne als eine Art „Seismograph“ gesellschaftspolitischer Entwicklungen bezeichnet. Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit – wie könnte ein „Neuaufguss“ des Leitmotivs der Wiener Secessionisten heute aussehen? Wie reagiert die Kunst auf die ständigen Veränderungen in einer immer komplizierter werdenden Welt, hat sie den Beginn der für Christoph Thun-Hohenstein, MAK-Direktor und Vienna Biennale-Initiator, „Neuen Moderne“ bereits verinnerlicht? Hinsichtlich einer intensiven Kunstlandschaft mit teils sehr guter, teils mittelmäßiger und teils schlechter Kunst stelle sich die Frage, ob hier wirklich zeitgemäße Kunst geschaffen wird. „Viele Künstler wollen raus aus der sogenannten Markt-Dekorations-Falle“, die in diesem Zusammenhang gerne erwähnt werde, so Thun-Hohenstein, der gemeinsam mit der Künstlerin Dorit Magreiter, der Architektin Bettina Goetz und dem Künstler Heinrich Dunst diskutierte. Im Anschluss daran präsentierten fünf junge KünstlerInnen (Mladen Bizumic, Andreas Fogarasi, Sonia Leimer, Valentin Ruhry und Anna Witt) in jeweils 10 Minuten ihre Überlegungen zu diesem Themenkomplex und beschäftigten sich in einer Gesprächsrunde mit möglichen Lösungsansätzen. Spannende Fragen, große Begriffe, die Antworten darauf wollten oder konnten dagegen nicht so recht fließen – vielleicht weil die Schwierigkeit eben gerade darin besteht, dass es auf derart komplexe Fragestellungen keine einfachen Antworten geben kann bzw. darf? Obwohl ein großes Fragezeichen bleibt, konnte man nach diesem Abend dennoch einige interessante Ansätze mitnehmen.

Der Kunst bzw. den KünstlerInnen komme insofern eine zentrale Rolle in der „Digitalen Moderne“ zu, da Konzepte zur Gewährleistung menschlicher Selbstbestimmung und sinnstiftender Lebenspläne in einer Welt, in der in den nächsten Jahrzehnten ein großer Teil manueller und geistiger Arbeit durch Maschinen bzw. Roboter ersetzt werden wird, wesentlich auf menschliche Kreativität angewiesen sind. Vor allem die Bildende Kunst berge nicht zuletzt die Möglichkeit – eben indem sie sich nicht für direkte Problemlösung instrumentalisieren lassen wolle – Fragen komplexer zu stellen, Dinge zu hinterfragen sowie einen Beitrag zur Schaffung von Identität und neuen Werten für die Gesellschaft leisten zu können. Für Dorit Magreiter etwa stelle sich daher die Frage, ob Kunst die Welt verbessern oder verändern könne, in dem Sinn gar nicht und falls doch, wäre die Antwort für sie ein intuitives, aber klares „Ja“. Kunst sei ein immanenter Teil der Gesellschaft und diese Gesellschaft brauche Kunst offensichtlich, sonst hätte sie diese ja nicht „hergestellt“. Kunst spiele sich ja auch im emotionalen Raum ab und dies sei auch auf die Architektur übertragbar, so Bettina Goetz. Hier definiere Kunst etwa die Einzigartigkeit von Städten und Räumen. Mitunter sei es vielleicht gerade die Wertschätzung für Schönheit, die wir Maschinen letztlich voraus haben.

Um zu einer annähernden Conclusio zu kommen, müsse man die „Verbesserung bzw. Veränderung“ auf einen Mikrokosmos herunterbrechen, waren sich die beteiligten KünstlerInnen des Symposiums, das auch als erste Orientierung für die Vienna Biennale 2017 dienen sollte, einig. Neben der Schwierigkeit, klar darlegen zu können, was denn nun eine „bessere Welt“ sei, wäre auch der Anspruch die „ganze Welt“ verbessern zu wollen selbstverständlich ein viel zu großer – man müsse im Kleineren beginnen. Außerdem gäbe es nicht nur eine Welt, sondern viele Parallelwelten (politische, digitale, usw.), die immer mehr aneinander „clashen“, was ebenfalls ein interessanter aktueller Aspekt sei, so Sonia Leimer. Für Valentin Ruhry zieht diese „parallele Entwicklung“ auch einen gewissen Konservativismus nach sich, eine Art Regression, die sich seiner Meinung nach wiederum etwa in einem verstärkten Zulauf zu Religionen bzw. Fanatismus niederschlage. Dies sei eine Frage des fehlenden Rückhalts sowie der Orientierungslosigkeit aufgrund eines Zuviel an Möglichkeiten – anders gesagt: der Suche nach umso einfacheren Antworten je komplizierter die Welt und diverse Fragestellungen werden. Anna Witt näherte sich mit ihrem Projekt „Durch Wände gehen“ dem Thema „Flucht“ an. Hierbei stehe für sie nicht die Frage ob Kunst die Welt verändere, sondern wie die Welt ihre Kunst beeinflusst, im Vordergrund. Ungeachtet der allgemeinen Verkomplizierung der Welt seien die grundlegenden Probleme wie etwa Arbeitskampf, Alltag, Ausgrenzung etc. dieselben, so Andreas Fogarasi. Man müsse vor allen Dingen „sein Eigenes“ begreifen und dabei nicht unbedingt als Künstler, sondern als Mensch agieren – hier waren sich alle einig. Verbesserung habe dann vielleicht ja auch gar nicht so viel mit Kunst zu tun. 

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