Jüdische Künstlerinnen bis 1938

08.03.17
Broncia Koller-Pinell, Marietta, 1907, Öl auf leinwand, 107,5 x 148,5 cm, Sammlung Eisenberger, Wien, © Vera Eisenberger KG, Wien

Die Voraussetzungen für Frauen mit dem Berufswunsch, Künstlerin zu werden, waren im ausgehenden ­
19. Jahrhundert in Wien denkbar ungünstig: Eine adäquate Ausbildung an der Akademie war ihnen (bis 1920) nicht gestattet, die männlichen Kollegen nahmen die "malenden Fräulein" kaum ernst, Kritiker und Publikum spotteten. Doch gerade in der Landschafts­malerei – die prestigeträchtige Historienmalerei blieb dem weiblichen Geschlecht durch das fehlende Studium der Aktmalerei verwehrt –­ konnten Künstlerinnen erstmals reüssieren.

Viele junge Frauen, die sich für eine künstlerische Laufbahn entschieden, stammten aus jüdischen Familien. Gerade das gebildete und liberale jüdische Bürgertum ermöglichte seinen Töchtern die oft kostspielige Ausbildung bei Privatlehrern und im Ausland. Mit einer dieser Pionierinnen, Tina Blau, beginnt die umfangreiche Ausstellung "Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938" im Jüdischen Museum Wien. Sie stellt rund 45 Künstlerinnen mit ihren Erfolgen und ihren Schicksalen ins Zentrum, darunter viele bekannte Namen, aber auch vergessene Positionen, die durch den Nationalsozialismus physisch und/oder aus der Kunstgeschichte ausgelöscht wurden. So bietet die von der Kuratorin Sabine Fellner initiierte und gemeinsam mit Andrea Winklbauer (Jüdisches Museum Wien) kuratierte Schau Wiederentdeckungen herausragender österreichischer Künstlerinnen und versteht sich auch als engagiertes Forschungsprojekt.

Eine Pionierin in der männlich besetzten Bildhauerkunst war die gebürtige Russin Teresa Feodorowna Ries. Ihre kraftvollen Arbeiten mit oft provokantem Potenzial sorgten für Furore, wie die Zehennägel schneidende, lebensgroße Figur einer Hexe. Netzwerke waren gerade für Künstlerinnen um 1900 das Um und Auf: Ries veranstaltete Feste in ihrem Atelier in einem Seitengebäude des Palais Liechtenstein, Broncia Koller-Pinell lud die Wiener Avantgarde (Klimt, Hoffmann, Kolo Moser) in ihr Haus. Durch ihren Mann, den Physiker und Mäzen Hugo Koller, war sie in engen Kontakt mit den Künstlern der Secession gekommen. Lilly Steiner, verheiratet mit dem Industriellen Hugo Steiner, zählte Adolf Loos und Karl Kraus zu ihrem Bekanntenkreis. Den Zugang zu Ausstellungen der Secession und des Hagenbunds erreichten Künstlerinnen häufig erst über ihre Ehemänner, als ordentliche Mitglieder wurden sie in diesen Vereinigungen nicht aufgenommen, daher gründeten sie eigene Kunstvereine.

Im "rangniedrigen" Kunstgewerbe fanden Frauen schon früh Ausbildung und Arbeit. Aus den Kursen von Franz Cizek an der Kunstgewerbeschule und als Mitarbeiterinnen der Wiener Werkstätte gingen einige beispielhafte künstlerische Positionen hervor, wie Stella Junker-Weißenberg, die später futuristisch anmutende Bühnenbilder kreierte, oder Susi Singer und Vally Wieselthier. Letztere schaffte es, über die Gebrauchskeramik hinausgehend eine eigenständige, monumentale Keramik von beeindruckendem, expressivem Charakter zu entwickeln und in Amerika Karriere zu machen. Viele Künstlerinnen gingen nach dem 1. Weltkrieg nach Berlin oder Paris und setzten sich mit der europäischen Moderne (Deutschem Expressionismus, Bauhaus, Fauvismus, Konstruktivismus, Neuer Sachlichkeit) gezielt auseinander. Der Anschluss an die internationale Avantgarde gelang ihnen weitaus besser als den männlichen Kollegen in Österreich – mit Werken von exzeptioneller Qualität. Die Großstadt, utopisch und sozialkritisch interpretiert, war eines ihrer wiederkehrenden Bildthemen.

Eine von vielen spannenden Wiederentdeckungen ist Grete Hamerschlag, die in ausdrucksstarken Holzschnitten das Gesellschaftsbild, Frauen- und Männerrollen hinterfragte. Auf Entdeckungen besonderer Art hofft Andrea Winklbauer bei Bettina Ehrlich-Bauer, der Nichte von Adele Bloch-Bauer. Diese schuf bis zu ihrer Emigration nach London eine Vielzahl von herausragenden Gemälden im Stil der Neuen Sachlichkeit – sie sind fast alle verschollen. Während sie den Transport der Arbeiten ihres Mannes, des Zeichners und Bildhauers Georg Ehrlich, ins sichere Exil organisierte, lagerte sie ihr eigenes Werk in Wien ein. Einige dieser Bilder sind in der Ausstellung als Fotografien in Originalgröße ausgestellt – gefertigt nach erhaltenen SW-Aufnahmen.

Friedl Dicker, Künstlerin am Bauhaus und aktives Mitglied der KPÖ, steht nicht nur für die Vielfalt und hohe Qualität des weiblichen Kunstschaffens, sondern auch für politische und antisemitische Verfolgung. Nach dem Anschluss 1938 gelang den meisten jüdischen Künstlerinnen die Flucht – nach Frankreich, England, in die USA. Doch viele wurden ermordet, wie Helene Taussig, Malva Schalek und Friedl Dicker. Die Bildhauerin Ilse Twardowski-Conrat beging Selbstmord, um der Deportation zu entgehen.

Zusammenfassend muss allerdings der Schluss gezogen werden, dass jüdische Künstlerinnen eine stärkere Diskriminierung erfuhren, weil sie Frauen und nicht weil sie Jüdinnen waren.

Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938
bis 1. Mai 2017