Josef Frank – Against Design im MAK

14.12.15

Freiheit und Zufall

Wie viele andere Künstler und Intellektuelle, die zwischen 1934 und 1945 Österreich verlassen mussten, ist auch Josef Frank (1885-1967) im Ausland fast bekannter als in seiner ehemaligen Heimat. Als Chefdesigner des schwedischen Einrichtungshauses Svenskt Tenn prägte er über drei Jahrzehnte lang den entspannten, farbenfrohen und von hochwertigen Materialien getragenen Stil des weltberühmten Unternehmens. Das MAK zeigt nun eine lang ersehnte Retrospektive zum austro-schwedischen Architekten und Designer Josef Frank.

Franks prägender Einfluss auf diese führende Institution des skandinavischen Designs war so intensiv, dass die Gründerin und Eigentümerin Estrid Ericson nach Franks Tod eine Stiftung errichtete: Deren einzige Aufgabe ist es, das reiche geistige und künstlerische Erbe Franks für immer zu erhalten und über das Einrichtungshaus in Stockholm am Markt anzubieten.

Wie kam es dazu? Frank ist ein klassischer Repräsentant einer Wiener Kultur, die 1938 vom „Anschluss“ für immer zerstört wurde. Die intellektuelle Treibhaus-Atmosphäre von „Wien um 1900“ ist ohne Literaten, Medienunternehmen und die großen Mäzene wohlhabender jüdischer Familien ebenso undenkbar wie der künstlerische Aufbruch, an dem viele jüdische Architekten und Künstler teilnahmen: Josef Frank war der wichtigste Architekt der Wiener Moderne der dritten Generation. Nach Otto Wagner, der die Gestalt der Großstadt Wien wesentlich mitgeformt hatte, und nach ihrer inneren Ausgestaltung, die in den intensiven Geschmacksdebatten um Wagners Schüler Josef Hoffmann, die Secession und den Autodidakten Adolf Loos entwickelt wurde, konnte die Generation von Josef Frank bereits auf ein reiches Spektrum verschiedener Wege moderner Umweltgestaltung zurückgreifen.

Das Entscheidende dabei: Frank und seine Freunde (Oskar Strnad, Oskar Wlach und viele andere) konnten als aufgeklärte Intellektuelle spätestens ab 1910 keinen dogmatischen Weg mehr akzeptieren, der den Konsumenten – wie noch die Lebensreformbewegung um 1900 – irgendwie bevormundet. Die individuelle geistig-materielle Selbstverwirklichung sollte mit sanften Mitteln gefördert, statt als ästhetisches Fertigprodukt geliefert werden. In liberalem Geist verzichteten diese jungen Architekten durchaus revolutionär auf jede „Leitkultur“: Jedermann soll sich seine Identität nach Belieben aus östlichen und westlichen, aktuellen und historischen Quellen erarbeiten. Alles soll wie „zufällig“ ungeordnet nebeneinander stehen. Dabei war Frank präzise über die Strategien sowohl von Adolf Loos als auch der Secession um Josef Hoffmann informiert: Anfangs arbeitete er bei der Wiener Werkstätte mit, bediente sich jedoch in seinen frühen Häusern und Einrichtungen auch wunderbar bequemer anglo-amerikanischer Möbeltypen, wie sie Adolf Loos verwendete.

1925 eröffnete er gemeinsam mit Oskar Wlach – der 1938 nach New York floh – das Einrichtungsgeschäft „Haus & Garten“, in dem man bunt bedruckte Wohntextilien ebenso anbot wie handwerklich perfekte und aus der englischen Tradition weiterentwickelte, leichte „Wiener Möbel“. Als Architekt wirkte Frank im „Roten Wien“ ab 1919 sowohl am sozialen Geschosswohnbau mit als auch beim Siedlungsbau mit Selbstversorgergärten. Der Höhepunkt war seine Initiative für die Wiener Werkbundsiedlung, die 1932 von dutzenden nationalen und internationalen Architekten als Bauausstellung des modernen Wohnens errichtet worden war und heute zu den Highlights für Architekturtouristen in Wien zählt. 1934 ging Frank nach Schweden und kehrte nie wieder zurück.

Als Theoretiker kritisierte der Architekt – unter anderem in seinem berühmten Buch „Architektur als Symbol“ 1931 – jede gewollte, unorganische oder traditionsfeindliche Formgebung und stellte sich mit dieser skeptischen Haltung  gegen den damals dominierenden Zeitgeist etwa der Bauhaus-Moderne: Deshalb wählten Hermann Czech und Sebastian Hackenschmidt, die Kuratoren der MAK-Retrospektive, den Titel „Against Design“ für ihre Ausstellung. Ein grob chronologischer Weg führt durch die wichtigsten Themen in Franks großem Œuvre. Es beginnt mit der Rekonstruktion des ersten Werks, der ehelichen Wohnung seiner Schwester Hedwig: Svenskt Tenn erwarb die jüngst aufgetauchten Originalmöbel für das MAK. Dann führt die Schau über seine intensive Auseinandersetzung mit Architekturgeschichte (Dissertation über Alberti) und das „Raumplan“-Thema (Adolf Loos‘ Entwurfsprinzip der An- und Übereinanderfügung unterschiedlich hoher Wohnräume) zu einer Galerie mit Rekonstruktionen dreier Treppenentwürfe von Frank, die angenehm und raumbildend sind, aber unter heutigen Bauordnungen nicht erlaubt wären. Franks Einfamilienhäuser in Österreich und Schweden werden ebenso dokumentiert wie seine Wiener Gemeindebauten und Siedlungen.

Ein Hauptthema der Schau ist der sogenannte „Akzidentismus“, Franks Designtheorie, in der Gestaltungen favorisiert werden, die wie zufällig wirken. Natürlich sind auch seine berühmten Stoffentwürfe aus dem Archiv von Svenskt Tenn zu sehen – parallel zur Ausstellung eröffnet das Unternehmen übrigens erstmals in Wien eine temporäre Präsenz nahe der Staatsoper. Die Retrospektive schließt mit der Frage zu Wirkung und Relevanz der liberalen Formen- und humanen Gedankenwelt Franks: Reflexe in den Werken von Bernard Rudofsky, Rem Koolhaas, Christopher Alexander und Kazuo Sejima werden zur Diskussion gestellt. Der Katalog veröffentlicht 18 Essays international renommierter Frank-Experten aus Europa und den USA.

 

Josef Frank – Against Design. 16. Dezember 2015 bis 3. März 2016 im MAK

 

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