Jasper Sharp im Gespräch mit Philippe de Montebello - Kunsthistorisches Museum Wien

28.03.15

Aus der Gesprächsreihe des Kunsthistorischen Museums Wien zu moderner und zeitgenössischer Kunst

Jasper Sharp bat für das zweite von fünf Gesprächen des Jahres 2015 am 23. März 2015 Philippe de Montebello nach Wien. Der 1936 in Paris geborene Kunsthistoriker war als Fünfzehnjähriger mit seiner Familie in die USA emigriert und dann amerikanischer Staatsbürger geworden. Nach einem Studium in Harvard und an der New York University berief man ihn 1963 an das Metropolitan Museum in New York (Met). Vier Jahre Direktorenschaft in Houston bereiteten ihn für die Leitung des Met vor, dessen Ausstellungsfläche er verdoppelte, und wo er durchschnittlich 30 Ausstellungen pro Jahr zeigte. Seitdem er nicht mehr an der Spitze eines der größten und profiliertesten Museen der Welt steht, unterrichtet de Montebello als Professor für die Kultur und Geschichte des Museums am Institute of Fine Arts an der New York University.

Institutionen, Sammlungen und Sonderausstellungen
Einer der Gründe, warum Jasper Sharp Philippe de Montebello eingeladen hat, sind seine jüngst publizierten Gespräche mit dem britischen Kulturjournalisten Martin Gayford. Unter dem Titel „Rendez-Vous With Art“ veröffentlichten sie 2014 eine Serie von persönlichen, intelligenten Bemerkungen zur Betrachtung von Kunst und der Herausforderung, ein Museum zu leiten. Zu diesen Herausforderungen gehört zweifellos der Wandel des Publikums, so Jasper Sharp. Chris Dercon, Direktor der Tate Modern, erzählte ihm über eine drei Mal wiederholte Besucherbefragung, mit der die Tate den Hauptgrund für ihren Besuch herausfinden wollte. Doch nicht das Lernen, oder die Inspiration, oder Freude an der Ästhetik wurden angegeben, sondern 41% der Besucher_innen wollten einfach nur sozial „herumhängen“, dort sein, wo alle anderen auch sind. Daher stellt sich die Frage, ob das Publikum von einem Museum heute etwas anderes haben will als noch vor einigen Jahrzehnten? Philippe de Montebello erinnert daran, dass das Metropolitan Museum ein sehr außergewöhnliches Museum ist, weil es Objekte aus 5000 Jahren erinnerter Geschichte besitzt und nicht mehr als 10 % seiner Sammlung aus Kunst nach 1900 besteht. Als er in den 1960ern begonnen hat im Museum zu arbeiten, kamen die meisten Besucher_innen im Familienverband, um Kunst anzusehen. Heute geht es viel öfter um die Museumserlebnisse, die Events, die Restaurants, die Eröffnungen etc. Am Metropolitan Museum hat man daher 2015 ein Web-Projekt ins Leben gerufen, das den Titel trägt „The Artist Project. What artists see when they look at The Met?“ (http://artistproject.metmuseum.org/). In den USA und am Met geht es immer weniger um die Kunst aber immer mehr um die Institution an sich. Allein dadurch stellen sich Fragen, ob das Publikum mehr in die Sammlung oder die Sonderausstellung geht, oder ob die Veränderung eine eventgetriebene ist! Es gibt auf der Welt nur zwei, eigentlich drei Ausnahmen: Paris, London und New York. Dort hat man die Garantie, dass 40 % der Besucher_innen Tourist_innen sind. Die sind nicht an Ausstellungen interessiert, sondern an den Sammlungen. Sonderausstellungen wurden so erfolgreich, weil sie nicht verpasst werden dürfen.

Museen und die Eventkultur
Philippe de Montebello sieht als die große Herausforderung an MuseumsdirektorInnen, eine Linie zu finden und nicht nur Modererscheinungen zu folgen. Für ihn sind Museen Orte für Menschen, die Kunst sehen wollen, denn der Großteil der Menschen muss ein Museum aufsuchen, um sich damit beschäftigen zu können. Auch die Konservierung und die Erhaltung der Werke sind essentielle Bereiche der Museumsarbeit. Sogar wenn man die Tore schließen würde, würde ein Museum daher ein wichtiger Ort bleiben. Dennoch ist es äußerst wichtig, vielen Menschen Zugang zu den Kunstwerken zu ermöglichen. Aus de Montebellos Sicht braucht es grundsätzlich kein Event, um zu schauen. Er interessiert sich für die künstlerischen Arbeiten an sich. Aber wie viel Zeit erübrigen die durchschnittlichen Besucher_innen einem Objekt? Zwei oder drei Sekunden reichen erfahrungsgemäß aus, um die Grundstruktur eines Gemäldes zu erfassen und relativ gut beschreiben zu können. Heute sind 60 Sekunden eine sehr lange Zeit in einem Museum. Man kann Dinge also leicht sehen! Dass aber eine lange Betrachtung essentiell ist, um zu erkennen und zu verstehen, ist schwierig zu vermitteln. Wiederholte Besuche ermöglichen eine interessante Auseinandersetzung, weil man sich jedes Mal anders fühlt. Die neuen Technologien (u.a. HD, Google Art Project) sind sehr verführerisch, und die Beschäftigung damit kann mehr Freude machen, als das Original zu betrachten. Zusätzlich erschwert, dass die Gemälde, die man unbedingt sehen will, immer von Menschen umringt sind.

Museen im digitalen Zeitalter
Als die Museen erfunden wurden, merkte Jasper Sharp an, gab es keine Fotografie, kein Internet. Wenn man das Museum mit nach Hause nehmen wollte, musste man die Werke auswendig lernen, zeichnen oder man kaufte Reproduktionen. Heute werden Selfies vor der Mona Lisa gemacht, viel für die Vermittlung und das Marketing ausgegeben. Es gibt bereits die Möglichkeit, zu Hause eine Tour durchs Museum zu machen. Hält das digitale Zeitalter mehr Probleme oder mehr Lösungen für Museen bereit? Philippe de Monetebello hält es mit diesen Phänomenen (v.a. dem Internet) wie mit der Erfindung Gutenbergs. Sie sollten natürlich genutzt werden. Bedenken kommen ihm allerdings angesichts der Tatsache, dass das Medium und nicht die Botschaft konsumiert wird. Einerseits sieht er in der digitalen Erweiterung eine Erleichterung für Ausstellungsgestalter und Kuratoren, denn sie müssen nicht mehr zu viel Text in Form von Objektbeschilderung unterbringen. Audioguides oder QR-Codes helfen hier viel. Einer der Gründe, warum Philippe de Montebello das Met freiwillig verlassen hat, war ein Fehlen auch an persönlichem Interesse an diesen Technologien. Er fühlte sich nicht als die richtige Person, die das Metropolitan Museum in das digitale Zeitalter führen würde.

Kunst ist keine Unterhaltung
Die Besucherschar hat heute eine weniger passive Stellung als in den vergangenen Jahrzehnten. Wenn man die Besucher_innen beobachtet, sieht man aber noch immer, dass sie an die Autorität des Museums und seiner Expert_innen glauben. Jede_r bringt natürlich etwas ins Museum mit und jede_r sieht ein Werk auf persönliche Art; jede_r „erfindet“ das Kunstwerk selbst. Ein Mensch der Renaissance sah ein Gemälde von Mantegna, Tizian oder Tintoretto völlig anders als wir heute. Wir wollten viele Besucher_innen im Museum, und gleichzeitig ist der Dialog mit dem Kunstwerk dadurch gestört. Der Louvre ist bei der Mona Lisa zum Bersten voll, aber bei den Chardins ist er leer. Ästhetik ist quasi eine neue Religion, einzelne Werke werden gleichsam angebetet. Wir sollten damit aufhören, einzelne Werke so zu promoten. Stattdessen sollten wir fragen, was Kunst bieten kann, was nicht im Geschäft zu kaufen ist, was nicht fotografiert werden kann! Kunst ist – so ist de Montebello überzeugt – keine Unterhaltung! Wie man das kommunizieren könnte, kann er jedoch auch nicht sagen.

Über Zeitgenössische Kunst im Museum für Alte Kunst
Jasper Sharp brachte einige Installationsaufnahmen von Ausstellungen zum Gespräch mit, in denen Alte Meister und zeitgenössische Künstler_innen gemeinsam präsentiert wurden: Jeff Koons und Tadashi Murakami in Versailles; Paul Cézannes „Badender“ (1885) und eine Fotografie von Rineke Dijkstra (aus der Serie „Beach Portraits“) im MoMA; Otto Dix und ein Alt-Niederländer; die Gegenüberstellung von Manets „Olympia“ und Tizians „Venus von Urbino“ in Venedig 2013; Marlene Dumas im Haus der Kunst in München neben holländischen Porträts des Goldenen Zeitalters; Tintorettos Gemälde auf der Venedig Biennale.
Philippe de Montebello ist der Ansicht, dass die Einfügung von zeitgenössischer Kunst – es geht hier nicht um Künstler_innen als Kurator_innen – zur Folge hat, dass man Alte Meister anders ansieht. Die Kuratoren der Jeff Koons Schau kreierten keinen wirklichen Dialog, sondern positionierten ausgesuchte Werke in Versailles. Murakami hingegen reagierte auf das Schloss und seine Sammlung. Das war in Wien mit Ed Ruscha oder im Louvre mit Anish Kapoor ähnlich. Man sah plötzlich die Skulpturen und Gemälde aus anderen Blickwinkeln. Dijkstra und Dix mögen die formalen Kriterien der ihnen gegenübergestellten Werke gekannt und auf ihnen aufgebaut haben. Dix hat noch mit einem klassischen Bildaufbau gearbeitet, obwohl Marcel Duchamp die repräsentative Kunst bereits in Frage gestellt hatte. Als die beiden Gemälde von Manet und Tizian nebeneinander gezeigt wurden, war es wieder möglich, die Modernität des Manet neu zu erkennen, obwohl er bereits zu einem Alten Meister geworden ist. Schwierig wird es dann, wenn traditionelle Werke auf zu weißen Wänden präsentiert werden. Der White Cube der zeitgenössischen Kunst lässt sich nicht einfach auf Künstler wie beispielsweise Tintoretto in Venedig übertragen. Zudem sollten bei solchen Aktionen auch die Risiken für die Gemälde in Betracht gezogen werden.

Künstler_innen als Kurator_innen
Nächstes Jahr wird Edmund de Waal im Kunsthistorischen Museum eine Ausstellung zusammenstellen. Künstler_innen als Kurator_innen sind häufig sehr kontrovers diskutierte und erfolgreiche Formate. Für Philippe de Montebello ist das ein gangbarer Weg. Aber wie alles im Leben hänge es davon ab, wie intelligent es gemacht wird. Ein schönes Beispiel ist der künstliche Fußboden von Antony Gormley in der Eremitage 2011/12. Er hat die Besucher_innen einfach auf dasselbe Niveau gebracht wie die Skulpturen. Ziel ist, die Objekte anders zu betrachten. Dieser Eingriff ins Bodenniveau ist spielerisch, intelligent. Der griechische Kuros war nie auf einem Podest aufgestellt, sondern stand auf einem Friedhof! Für kurze Zeit kann so das Publikum einen anderen Eindruck von den Werken gewinnen. Anders verhält es sich mit einer ständigen Installation, beispielsweise den gestreiften Säulen von Daniel Buren. Philippe de Montebello hat sich inzwischen an die Burens gewöhnt. Dieser Gewöhnungseffekt führt jedoch dazu, dass man sie nicht mehr wahrnimmt.

Philippe de Montebello über Joseph Cornell
Auf die Bitte Jasper Sharps, den amerikanischen Objektkünstler Joseph Cornell (1903–1972), der für ein österreichisches Publikum relativ unbekannt ist, vorzustellen, beschrieb Philippe de Montebello dessen Qualitäten. Seine Ausstellung in der Royal Academy of Arts in London mit dem deutschen Titel „Wanderlust“ (4 Juli bis 27 September 2015) wurde gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum konzipiert und ist ab 20. Oktober 2015 in Wien zu sehen. In seinen Werken setzte er sich besonders mit der europäischen Kultur und der Renaissance auseinander. Cornells Boxen und Miniatur-Installationen sind kleine Wunderwerke der Fantasie und der Künstler ein großartiger Poet. Diese Schau im Kunsthistorischen Museum zu zeigen, wo sich eine so bedeutende Kunstkammer befindet, ermöglicht neue Perspektiven auf Cornells Werk.

Philippe de Montebello, Direktor des Metropolitan Museum of Art in New von 1977–2008
Jasper Sharp, Adjunct Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst, Kunsthistorisches Museum Wien

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