James Rosenquist (1933–2017)

05.04.17

James Rosenquist verstarb am 31. März 2017 im Alter von 83 Jahren. Margit Zuckriegl schrieb im Vorjahr für PARNASS einen schönen Text den wir hier anstelle eines Nachlasses online stellen.

Unter den Künstlern der aufkommenden Pop Art im New York der 1960er-Jahre war James Rosenquist derjenige, der am virtuosesten mit dem Glamour einer verführerischen Warenwelt kokettierte, schrieb Margit Zuckriegl über Rosenquist Ausstellung in der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris. An den Standorten Marais und der Halle in Pantin zeigte die Ausstellung „Four Decades“ eine Rückschau auf vier Jahrzehnte kreativen Schaffens des legendären Pop-Art-Künstlers.

„Es waren allerdings nicht einfach isolierte Alltagsgegenstände, auf die er sich bezog, sondern deren mediales Bild und die Verwertung in der Welt der Werbung. Anders als Andy Warhol legte Rosenquist den Fokus nicht auf den schieren Markennamen und die Präsenz der Warenobjekte im Kaufregal; sein Interesse galt dem Erscheinungsbild des beworbenen Produkts – ein medial denkender Künstler, der die massenhaft verbreitete Reproduktion von Alltagsbildern auratisiert: Das für Werbezwecke fotografierte und ins Unendliche kopierte Objekt wird einem Medientransfer unterzogen und in einem unikalen Malprozess nobilitiert. Auch seine Porträts von Schauspielerinnen oder Models sind keine Bildnisse, sondern gleichsam Bild vom Bild, Malerei von vorgefundenen Fotografien, die der eingängigen Werbeästhetik geschuldet sind. Seit den 1980er-Jahren sind vor allem seine Lipstick-Bilder ein Begriff, die auch in einer der wenigen europäischen Museumsausstellungen – 2004 im Guggenheim-Museum Bilbao – gezeigt wurden. Surrogate von männlicher und weiblicher Erotik, gepaart mit spacigem Metallglanz, räumlich inszenierte Dynamik und technisch veränderte Alltagsobjekte – aus diesem reichen und fantastisch anmutenden Vokabular speist sich seit mehr als 40 Jahren seine Bildsprache, auch wenn er die Vereinfachungstendenzen der Pop Art längst zugunsten einer narrativeren, komplexeren Inhaltlichkeit aufgegeben hatte. Dies vermittelt die Retrospektive in Paris in besonderer Weise: Erstmals wird eine Suite von kleinformatigen Collagen gezeigt, die teilweise als unmittelbare Vorstufen, Skizzen und Gedankennotate für die monumentalen Leinwände fungierten. Das Prinzip des Kombinierens von heterogenen Teilen und Versatzstücken, von gefundenen Fotos, von aus Lifestyle-Magazinen herausgerissenen Reklameseiten, von Textpassagen und deren Ergänzung und Überarbeitung durch die eigene zeichnerische Handschrift ist symptomatisch für seine Arbeitsweise: Die Collage erscheint ihm bis heute als das adäquate Stilmittel der Gegenwart, da sie das wiedergibt, was im alltäglichen Wahrnehmungsprozess permanent passiert: „Du siehst auf der Straße ein vorübergehendes Mädchen, ihre Beine, gleichzeitig biegt ein Taxi um die Ecke, und du bist selbst mittendrin“, die Simultaneität von Sinneseindrücken und Szenerien lässt Rosenquist subsummieren, „das alles bedeutet Zeitgenossenschaft im Leben.“ In der Sammlung der kleinformatigen collagierten Blätter lässt sich diese multiple und medial agierende Handlungsweise direkt ablesen. Rosenquist sammelte seit den frühen 1960er-Jahren Ausschnitte von Kosmetik- oder Fashionwerbung und ließ sich von den stereotypen, aber aussagekräftigen Motiven zu neuen Bildfindungen anregen.

Seine zum Teil monumentalen Ölbilder sind friesartig, einige davon sind in der großen Halle in Pantin zu sehen, wie die „Four New Clear Women“, ein 14 Meter langes Großformat, das den  Kombinationswillen des Künstlers zeigt: Fragmente von Reklame-Girls mit einem technoiden Zahnradsystem und rotierenden Lichtscheiben treffen vor dem Ausblick ins nächtliche Universum zusammen.  Seit den 1980er-Jahren hat sich James Rosenquist auch kritischen und gesellschaftlich relevanten Themen geöffnet; der blinde Glaube an die Allmacht des technischen Fortschritts mutiert zu fantastischen Utopien, die politisch relevante Eroberung des Weltraums erweitert seine Raumszenarien ins Nächtlich-Magische und die permanente Beschleunigung macht auch vor der Dynamisierung von Licht nicht Halt. „Speed of Light“ und „Coup d’Oeil“ betitelt er Bilder und Serien, in denen ein Changieren von Oberflächen, Lichtreflexionen sowie metallisch glänzende oder transparent verschwindende Objektreste einen illusionistischen, abstrahierten Bildraum eröffnen. Neue und sehr persönliche Anmerkungen zu seinem Werk konnte Thaddaeus Ropac in der intensiven Vorbereitungszeit seiner Ausstellung vom Künstler selbst erhalten – Erkenntnisse, die in den umfangreichen Katalogband einfließen, der zur Ausstellung in Paris erscheint. Diese kann auch als Auftakt zu der großen Rosenquist-Retrospektive gesehen werden, die 2017 vom Kölner Ludwig-Museum aus in Europa wandern wird. Eine lange erwartete und verdienstvolle Aufgabe, wie Thaddaeus Ropac meint, denn „nun wird sich auch in Europa – etwas verspätet gegenüber den USA – zeigen, dass James Rosenquist nicht nur ein wesentlicher Initiator der Pop Art war, sondern auch von unglaublich großem Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen. Bildauffassungen etwa von David Salle oder selbst ein neuer Werkbegriff wie bei Jeff Koons wären ohne ihn nicht denkbar.“ (Margit Zuckriegl)

James Rosenquists Werk ist weltweit in privaten wie öffentlichen Sammlungen präsent, unter anderem im Centre Pompidou, Tate Modern und MoMA New York. Das Guggenheim Museum organisierte 2003 eine der wichtigsten Retrospekiven des Künstlers, welche als Wanderausstellung noch an zahlreichen anderen internationalen Museen gezeigt wurde. The New York Times schrieb damals "that his art’s formal ingenuity can jump out at you as forcefully as the grill of a Ford or a fragment of Marilyn Monroe’s lips”.

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