It’s NOW and HERE and nowhere else – Von der Bedeutung des Augenblicks.

16.02.16

Nach ELSEWHERE. Observations on Islands (2015) ist die thematische Gruppenausstellung NOW/HERE bereits das zweite von Kuratorin Marlies Wirth und Künstler Andreas Duscha realisierte Ausstellungsprojekt im Wiener Kunstraum FRANZ JOSEFS KAI 3. Auf 600 m2 Ausstellungsfläche über zwei Etagen werden Werke von insgesamt dreizehn heimischen und internationalen KünstlerInnen gezeigt, wobei das Konzept von NOW/HERE bei jeder einzelnen Arbeit auf der Konzentration auf den Augenblick, der Gegenüberstellung „Mikro- vs. Makrokosmos“, dem Erkennen auf den zweiten Blick beruht. Die Ausstellung setzt sich mit dem Festhalten des Vergänglichen, des Ephemeren auseinander – während das Ephemere hierbei jedoch nicht automatisch als das Gegenteil von Langlebigkeit verstanden wird, sondern vielmehr als Inbegriff der Kostbarkeit jedes einzelnen Moments sowie „als poetische Erinnerung daran, dass Unendlichkeit nur ein Konzept der mathematischen Wissenschaften ist“, so Kuratorin Marlies Wirth. Alles passiert also immer „hier“ und „jetzt“ – nirgendwo sonst. Dem gegenüber steht unsere schnelllebige Gesellschaft. Unmengen an Informationen werden im Eiltempo konsumiert und genauso schnell wieder vergessen – während ein riesiges digitales Archiv jeden unserer „Schritte“ unwiderruflich speichert.

Das Ephemere bedingt oft auch Fragilität und Instabilität. So hinterfragt etwa die deutsche Künstlerin Alicja Kwade (*1979) in ihrer Arbeit Donnerstag, 13. März 2014, 11:21:00 Uhr (Titel), einer Bodenskulptur bestehend aus verschiedenen Edel- und Industriemetallplatten, die Dimensionen von Zeit und Wert vor dem Hintergrund der Unsicherheit wirtschaftlicher Systeme – unterschiedliche Plattengrößen stehen dabei symbolisch für die Weltmarktpreisschwankungen an der Rohstoffbörse. Werte verändern sich ständig, schleichend, unsichtbar, Ressourcen werden nach und nach verbrannt und erinnern uns somit stets an die Bedeutung des Ephemeren sowie an seine Konsequenzen. Marilia Furmann (*1982 Brasilien) stellt diesen Aspekt effektvoll in ihrer komplexen Wachs-Eis-Installation Not-simultaneous and combined evolution of crash dar. In einem parallelen Schmelzungsprozess entstehen durch die beiden sich gegenseitig abstoßenden Materialien abstrakte, fließende Formen. Was auf den ersten Blick wie ein kontrollierter Vorgang wirkt, stellt sich bei näherem Betrachten als eine selbstzerstörerische Angelegenheit heraus – sowie als Anspielung auf die Instabilität des politischen und wirtschaftlichen Systems Brasiliens.

Beeindruckend auch die Fotoarbeiten von Sarah Schönfeld (*1979 CH) und Raphael Hefti (*1978 CH), einem regelrechten modernen Alchimisten, der in einem ehemaligen Armeekeller mit hochentzündlichen Substanzen experimentiert. Der Moment der Explosion wird in Abwesenheit des Künstlers auf Fotopapier gebannt – was sich allerdings genau zum Zeitpunkt der chemischen Reaktion im Bunker abspielt, bleibt im Verborgenen. Schönfeld beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Möglichkeiten der Manipulation menschlicher Wahrnehmung von Realität und Zeit. Sie träufelt verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen wie Speed, Kokain, Heroin oder Chrystal Meth auf Fotoemulsion, die Belichtung der chemischen Reaktion erzeugt fantastische Gebilde, welche beim Betrachter mitunter Assoziationen von anderen Planeten, Fantasielandkarten oder fast poetische Darstellungen von Mikroorganismen hervorrufen. Kontemplativ hingegen Daniel Steegmann Mangranés (*1977 ES/BR) faszinierende Videoarbeit „Phasmides“, die zeigt, wie sich subjektive Wahrnehmung von einem Moment auf den anderen völlig verändern kann. Ebenso Lisa Oppenheims Videoinstallation „Smoke“, bei der die Künstlerin Aufnahmen von Rauchschwaden katastrophaler Brände gleich Wolken auf die Leinwand bannt, die ihre wahre Herkunft „verschleiern“. Eine Anspielung darauf, dass das Verständnis der Welt durch den Einzelnen jeweils nur teilweise möglich ist, ein etwaiger Realitätsanspruch der Fotografie wird obsolet.

Weiters mit Arbeiten vertreten sind Fred Sandback, Lucia Elena Prusa, Flora Hauser, Andy Boot, Iris Touliatou, Sarah Pichklkostner und Max Schaffer. Die Arbeitsweisen der präsentierten KünstlerInnen sind zum Teil vollkommen unterschiedlich, jedoch verbinden die Werke in ästhetischer und inhaltlicher Sicht eindeutige Parallelen – eine Art „Gesamtkunstwerksanspruch“, der beim Ausstellungskonzept dieses kongenialen Duos generell eine wichtige Rolle spielt. Wie sieht es mit nächsten Projekten aus? „Andere Formate to be expected“, so die Kuratorin. Looking forward!

 

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