Innerworldoutside - Judith Saupper und Olaf Osten

18.05.15

Es ist nicht das erste Mal, dass Judith Saupper und Olaf Osten nicht nur gemeinsam ausstellen, sondern auch die Präsentation gemeinsam konzipieren. D.h. es werden Arbeiten ausgesucht, die formal aber vor allem thematisch miteinander korrespondieren und sich gegenseitig ergänzen. In Berlin zeigt Judith Saupper erneut ihr beeindruckendes Objekt Informell, das ein Stück Autobahnbrücke zeigt, dessen Pfeiler illegal also ohne Bewilligung (informell), besiedelt wurden. Ebenso wie das hängende Objekt Der Zusammenhang zeigt Informell die Ausuferung des Architektonischen und seine Folgen, ebenso aber auch die Einsamkeit in der Großstadt, das stetige Balancieren zwischen Einzelperson und Kollektiv und die Suche nach einem kleinen Refugium, einem überschaubaren, sozialen Gebilde: einer Wohneinheit – doch haben Sauppers Hochhäuser keine Tür nach Außen. Dem gegenüber setzt Olaf Osten das biografische Tagebuch seiner Streifzüge, die ihn sowohl in Städte aber auch in die Landschaft führen – oder zu den Überresten der Natur im urbanen Gefüge. Individualität versus Anonymität. Architektonische Wucherungen kontrastieren mit der scheinbaren Idylle der Natur und der Suche nach Freiraum und einem Stückchen Himmel. Beide Künstler gewähren Einblicke, abseits repräsentativer Fassaden, die einem schnellen Blick verborgen bleiben. Vieles davon bleibt jedoch auch dem Blick des Einheimischen fremd, da er im Vertrauten kaum mehr das Besondere sieht. Verborgenes wird an die Oberfläche geholt und zukünftige Entwicklungen vorweggenommen. Die Werke erzählen von den urbanen Zwischenwelten. Der künstlerische Prozess wird zu einer individuellen Annäherung, der über das Gesehene hinausgeht. Formal sehen Judith Saupper und Olaf Osten ihre Gemeinsamkeiten im Arbeiten mit verschiedenen Layers – was sowohl das Überlagern von mehreren Denkebenen meint wie die realen Schichten an Materialien: von den Collagen und Papierarbeiten Judith Sauppers über ihre malerisch überarbeiteten Skulpturen bis hin zu den Zeichnungen von Olaf Osten, die auf gebrauchte Taschenkalender skizziert sind oder seine Acrylarbeiten, die über Doppelseiten diverser Schulatlanten gesetzt sind. Das Arbeiten mit vielen Ebenen ermöglicht das Erschließen neuer Bedeutungen und das Aufbrechen von Stereotypen. Neue, bislang nicht bedachte Sichtweisen werden „herausgestülpt und hervorgekehrt“. (Judith Saupper)

Olaf Osten wurde 1972 in Lübeck geboren und absolvierte ein Grafikstudium an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, Deutschland und am D. L. College of Art & Design in Dublin, Irland. Ist es das Bedürfnis nach Neuem oder eine gewisse Rastlosigkeit, die Olaf Osten immer wieder dazu anregen, aufzubrechen – an andere Orte zu ziehen? Allerdings ist die Reise stets mit einer sicheren Rückkehr verbunden, lebt und arbeitet der Künstler doch seit 1997 in Wien. Der Aufbruch als Flucht vor dem ständig gleichen Umfeld, vor der lähmenden Gewöhnung an den Alltag mag einer der Gründe sein. Doch weit mehr ist es die Neugierde auf das Fremde und Unbekannte sowie die Sehnsucht nach dem früheren Lebensmittelpunkt Hamburg. Die Serie Pendeln basierte zunächst auf den Reisen zwischen Hamburg und Wien und den Aufenthalten in beiden Städten, die Olaf Osten gleichermaßen vertraut sind. Sie stellte den Versuch dar, das Neben- und Miteinander der beiden Städte im Bewusstsein des Künstlers zu verbinden. Doch Olaf Osten ist aus dieser geografischen Limitation ausgebrochen; längst umfasst die Serie weitere Landschaften und Städte wie Brünn, New York, Barcelona, Lübeck, Rügen oder Bezau. Entstanden während der letzten Jahre ist Pendeln zugleich auch so etwas wie eine biografische Notiz des Künstlers. Der Blick aus dem Fenster im Zug, die vorbeiziehende Landschaft oder die Weite des Himmels aus dem Flugzeugfenster. Das Skizzenblatt des reisenden Künstlers ist ein ausgedienter Taschenkalender. Palimpsestartig überlagern sich Schichten der künstlerischen und privaten Biografie Ostens, ohne anekdotisch zu sein. Die Beiläufigkeit und Zufälligkeit des ausgewählten Motivs unterstreicht der Künstler durch die skizzenhafte, manchmal schnell und bewusst krakelig gesetzte Linie. Die Präsentation der Original-Zeichnungen auf Taschenkalendern erfolgt dann in Form von hochwertigen Prints auf Leinwand. Damit man erst gar nicht auf die Idee kommt, die jeweiligen Daten mit den Reisezielen oder Stadtansichten des Künstlers zu verbinden, dreht er ihn um. Das Datum und die Zeichnung haben keinen kausalen Zusammenhang, doch ergibt sich ein formaler Dialog zwischen den Linien, Flächen und der gedruckten Vorlage. Zuweilen finden sich auch eine zufällige Verschränkung mit den dazumal getätigten Termineintragungen des Künstlers. Für die Ausstellung in Berlin hat Olaf Osten aus dieser Serie eine Reihe von Naturansichten ausgewählt. Sie zeigen anstelle der urbanen Betriebsamkeit vieler Arbeiten aus dieser Serie bewusst ausschließlich Bäume, Landschaften oder Aufsichten von Häuserfassaden. Landkarten verdichten sich in der zweiten Serie des Künstlers zu poetischen und territorialen Vorstellungswelten, in denen sich Realität und Fiktion überlagern. Der Künstler durchbricht die kartografische Ansicht und setzt über die Landkarte eine abstrakte Malerei, die jedoch dann unwillkürlich, im Zusammenspiel zwischen Karte und Farbe, wieder an Landschaftliches erinnert. Das Land wird zur Meeresbucht, Länder verschwinden im Meer, und Landstriche, die nie am Wasser lagen, werden zu steil abfallenden Klippen. Gestisch, opak und dann wieder transparent und nahezu anarchisch ermalt sich Olaf Osten eine neue Welt.

Judith Saupper, 1975 in Feldkirch geboren, studierte Bühnen- und Filmgestaltung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Ihr Bauen und Entwickeln von Räumen, als Schauplätze einer möglichen Geschichte, begann bereits im Studium und setzte sich über die Fotocollagen hinaus in Objekten fort. „Die Collagen sehe ich inhaltlich wie auch zum Teil formal ähnlich zu meinen Objekten. Allerdings ermöglichen sie eine besondere Art der Verschiebung und der Ineinanderfügung von mehreren Ebenen.“[1] In ihren Arbeiten, die an der Schnittstelle von Malerei, Skulptur, Objekt und architektonischem Modell angesiedelt sind, formuliert die Künstlerin einen beeindruckenden interdisziplinären und medienübergreifenden Denkansatz. In ihren Objekten bezieht sich Judith Saupper stets auch auf bestehende Architekturen – doch liegt ihr nie daran, die Gebäude tatsächlich geografisch zu verorten, vielmehr sind sie ein „Spiel mit Scheinarchitektur und
Illusion und eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten“, so die Künstlerin. Mittels narrativer Details und mit großer Sensibilität entwirft die Künstlerin ihre Modelle, die eine Vielzahl von subjektiven Assoziationen und Emotionen zusammenfassen. Auf humorvolle Art hinterfragt Judith Saupper die gegenwärtige Entwicklung des Urbanen. Für die Ausstellung des ZF Kunststiftung-Stipendiums des Zeppelinmuseums in Friedrichshafen konzipierte sie die raumgreifende Arbeit Das Große Rauschen in der sie ihre beiden künstlerischen Schwerpunkte Zeichnung und Skulptur verband. Alexander Urban setzt nun in der Galerie bäckerstrasse berlin ältere Objekte der Künstlerin mit aktuellen Papierarbeiten und Collagen in einen interessanten Dialog. So bezieht sich die aktuelle Serie (De)Konstruktion von Erinnerung 1-6“ speziell auf den Umgang mit Erinnerungen bzw. deren Konstruktion. Materialien/Bildausschnitte der ersten Zeichnung werden in einer zweiten weiterverarbeitet. Neue Erinnerungen/Bilder ent- stehen. Eine Erinnerung wird dekonstruiert, in einzelne Teile zerlegt und neu zusammen- gesetzt. Diese Arbeiten korrespondieren dabei mit dem Objekt O.T. (Gute alte Zeit # 2) aus dem Jahr 2010. Der Titel spielt auf die oft ausgesprochene Meinung an, früher wäre alles besser gewesen. Ebenso wird die Ruine in dem großformatigen Linoldruck Erschaffung von Sinn & Vergangenheit (bis das der Ort unwahrscheinlich wird) als Bildfigur der Erinnerung verstanden und suggeriert einen Ort des Übergangs; markiert er doch eine Zeitstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart, oder anders formuliert zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gerade diese Zukunft möchte Judith Saupper mit ihren Arbeiten ansprechen. Doch setzt sie dem Bild der „Moderne als Ruine“ im Sinne einer gescheiterten Utopie, wie dies unter anderem Robert Smithson oder Gordon Matta Clark formulierten, Möglichkeiten einer Wende entgegen. Vielleicht im Sinne des aktuell formulierten Begriffes des „positiven Wandels“, in dem der Kunst sowie auch dem Design und der Architektur, eine zentrale Rolle in der Gestaltung der Zukunft zugebilligt wird. So spielen Arbeiten wie die Fassadengestaltung an der Wiener Galerie mit dem Titel Sorgfältige Zukunftsplanung oder die Installation Untergrabungen (Lösungsvorschläge oder notwendige Umbauarbeiten) ebenso wie die in Berlin gezeigte 13-teilige Serie Zwischenstand & Möglichkeiten auf den Zustand des „noch nicht“ und „nicht mehr“ an. Die Ruine fungiert somit als bildlicher Träger von Hoffnung.

 

[1] Interview mit Judith Saupper, April 2013

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