In Memoriam Roland Goeschl

30.12.16

Roland Goeschl, einer der prägendsten Bildhauer Österreichs, verstarb am 25. Dezember 2016. Goeschl zählt zu jenen Künstlern, die Ende der 1950er-Jahre aus der Wotruba-Schule kommend, bereits früh mit verschiedenen Materialien experimentierten und eine neue Formensprache in der Skulptur entwickelten und damit die weitere Entwicklung der zeitgenössischen Skulptur in Österreich entscheidend mitgestalteten. 1932 in Salzburg geboren, absolvierte er zunächst eine Lehre als Steinbildhauer. 1955 besuchte er die Salzburger Sommerakademie bei Giacomo Manzù. 1956 bis 1960 studierte er bei Fritz Wotruba und übernahm nach dem Tod von Andreas Urteil von 1963 bis 1966 dessen Assistentenstelle. Den entscheidenden Impuls für sein markantes Werk erhielt er während eines Atelierstipendiums am Royal College of Art in London, ermöglicht durch das British Council: „Ich habe während meines Aufenthaltes in London Anfang der 60er Jahre miterlebt, wie die Kunstrichtungen Pop Art und Op Art groß im Kommen waren, damals in Österreich noch unbekannte Phänomene, neue Materialien, ein neues Verständnis für die Skulptur, eine Entwicklung in den Raum hinein. Entscheidend für meine weitere Kunstentwicklung war das Experimentieren mit Farbe. Darin sah ich die Zukunft. Über die festgefügte Form hinaus zu einer in den Raum gestalteten Skulptur.“, so Goeschl in einem Gespräch 2007 in seinem Atelier im Wiener Prater.

Zunächst waren Goeschls Skulpturen jedoch durch die Klasse Fritz Wotruba und einer Tendenz zur Abstraktion geprägt. Das Formen und Modellieren, das Goeschl damals als zentral für seine Skulpturen bezeichnete, wurde unter anderen bereits zwei stehenden weiblichen Akten von 1958 deutlich. In der Folge entstanden auch blockhafte Skulpturen und ab den 1960er-Jahren Figurationen, die aus abgerundeten Segmenten zusammengesetzt waren. Sie zeigen bereits eine Abkehr von der Tektonik Wotrubas. Die ersten Farbskulpturen lernte er durch den britischen Bildhauer Hubert Dalwood kennen, der ebenfalls am Royal College of Art arbeitete. Während seines Stipendiums in London war vor allem die Begegnung mit dem Werk des belgischen Künstlers Georges Vantongerloo, das in einer retrospektiven Ausstellung in der Marlborough Gallery gezeigt wurde, von entscheidender Bedeutung für den Künstler, wie er in einem Interview mit Thomas Trummer betonte:

„Ein solches Phänomen habe ich bis dahin nicht gekannt, hat man in Österreich auch noch nicht gesehen, außer in der Literatur. Mein Bezug dazu war eigentlich der, daß für mich offensichtlich war, daß dieser Mann wirklich Experimente gemacht hat, nicht Kunst in dem Sinne, die bewusst auf Plastik oder Bild abzielt, sondern immer im Versuch mit Formen und Farben zu experimentieren. Das war eigentlich der Anlaß für mich, auch meine Arbeit grundsätzlich zu ändern. Weg von der Wotruba-Schul-Tendenz – Figur, menschliche Figur, klassische menschliche Figur – hin zum abstrahierten Raum, zum konstruktiven Raum, zum konkreten Raum. Und dann natürlich zum farbigen Raum. Aus diesem Erlebnis heraus sind damals meine ersten farbigen Skulpturen entstanden. Das waren für mich schon fundamentale Erlebnisse.“
(Auszug aus T.Trummer in: Tobias G. Natter, Franz Smola (Hg.): Roland Goeschl, Rückblicke 1957 - 2005, Wien 2006)

Die Verwandtschaft zu Vantongerloo sah Goeschl nicht so sehr in der Form, sondern vor allem in seiner experimentellen Arbeitsweise. Auch war Vantongerloos Werk der Anstoß für ihn in „das Konkrete zu gehen“, so Goeschl. In den Arbeiten Vantongerloos sah er seine Vorstellungen wie Form, Farbe und Architektur miteinander in Verbindung treten sollen, verwirklicht, ebenso die Raumplastik. Zurück in Österreich begann er daher die Farbe in die Plastik einzubringen. Was damals, so der Künstler „beinahe einem Sakrileg gleichkam. Wotruba sprach von einem Farbwahn, als er in mein Atelier kam“. Zunächst übermalte Goeschl bereits fertige, figurative Plastiken, wobei er sich von Anfang an auf die Farbenkombination von Rot, Blau und Gelb konzentrierte, in die zuweilen auch Grün aufgenommen wurde. Die ersten polychromen Skulpturen zeigten eine Fortführung der Formensprache seiner seit Ende der 1950er-Jahre entstandenen Skulpturen. Die Skulpturen waren aus Holz und gingen von der Figur aus, assoziierten in ihren Formen wie auch in den Titeln jedoch Technoides wie Maschinen, Motoren etc. Es ging Goeschl dabei vor allem um das Moment der Bewegung im Raum, die hier bereits manifest wurde. Motorische Bewegungsabläufe wurden anhand der Grundform der menschlichen Figur dargestellt, die formalen Faktoren wie Farbe, Raumbezug oder die Darstellung der Bewegung spielten sich jedoch bereits in diesen Arbeiten deutlich in den Vordergrund.

Roland Goeschl wandte sich in der Folge völlig neuen Materialien zu und entwickelte seine Skulpturen noch stärker in Richtung Architektur und Raum, wie dies auch die legendäre Arbeit „Sackgasse“ von 1967 zeigte, die vielfach als Schlüsselwerk für Goeschls neue Arbeiten gilt. Seine Intentionen waren mit den zeitgleichen Werkentwicklungen von Walter Pichler, Hans Hollein, Bruno Gironcoli und Oswald Oberhuber vergleichbar. 1968, im selben Jahr, als Goeschl gemeinsam mit Josef Mikl ­– von der Kunstkritik nicht unumstritten – seine Arbeiten im österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig präsentierte, zeigte die Galerie nächst St. Stephan unter dem Titel „Super-Design“ die genannten fünf Künstler in einer gemeinsamen Ausstellung. Im selben Jahr war Goeschl auch auf der documenta IV in Kassel vertreten. Bereits ein Jahr später, 1969, zeigte Werner Hofmann eine Personale des Künstlers im Museum des 20. Jahrhunderts. Hier setzte er umfassend seine Ideen eines „Großbaukastens“ wie auch seine Intentionen der Raumplastiken – und dies sowohl im Innen- als auch im Außenraum des Museums – um. Einmal mehr formulierte Goeschl damit den neuen Skulpturen- bzw. Objektbegriff, den er stets in Zusammenhang mit der Architektur und dem urbanen Raum brachte. „Ich habe immer ein gewisses Volumen angestrebt, in dem der Mensch spazieren gehen kann und auf ein Maß trifft, das Erstaunen hervorruft. [...] Auch wenn mir das menschliche Maß immer sehr viel bedeutet hat. In dem Sinn, wie Wotruba die klassische Menschendarstellung dauernd wiederholt hat, war es mir wichtig, dass der Mensch innerhalb einer Raumskulptur eine Rolle spielt, sich in einem Umraum befindet, den ich für ihn entwerfe.“ Doch betonte Goeschl, dass es sich dabei stets noch um Skulptur handle und nicht um Architektur. Diese „überdimensionierte Skulptur“ würde sich aber von der bisherigen Auffassung von Skulptur klar unterscheiden. „Die klassische Skulptur war ja immer ein Ding, um welches man herumzugehen hatte. Im Gegensatz dazu habe ich versucht, um den Menschen herum etwas zu bauen.“
(Interview mit Thomas Trummer in Tobias G. Natter, Franz Smola (Hg.): Roland Goeschl, Rückblicke 1957 - 2005, Wien 2006)

Roland Goeschl schuf eine Reihe von Raumarbeiten und Fassadengestaltungen und agierte auch im Rahmen von „Experiment Straßenkunst Hannover“ oder „Supersommer“ in Wien im öffentlichen Raum. In den folgenden Werken dieser Zeit führte er den neuen Skulpturenbegriff zumeist weiter. Diese Arbeiten werden zu Recht in Zusammenhang mit den Werken von Walter Pichler, Hans Hollein oder der Architektengruppe Haus-Rucker-Co genannt, die ebenso wie Goeschl eine Grenzerweiterung der Skulptur formulierten.

Ebenso prägend war Roland Goeschl für die konkrete Kunst in Österreich. Gemeinsam mit Künstlern wie Hildegard Joos, Marc Adrian, Richard Kriesche, Helga Philipp oder Hermann J. Painitz, Jorrit Tornquist und Erwin Thorn, schuf er eine Grundlage für die geometrisch-konstruktive Szene der folgenden Jahrzehnte. 1972 übernahm er den Lehrstuhl für zeichnerische und malerische Darstellung an der TU Wien, auf der bis heute eine seiner markanten Stelenskulpturen steht, und unterrichtete bis 2000. 1983/84 richtete er im Rahmen der Buchberger Raumkonzepte in Schloß Buchberg am Kamp, Niederösterreich, eine permanente Rauminstallation ein. Ein weiteres Kapitel, das ästhetisch einen neuen avantgardistischen Stil einleitete, war die Zusammenarbeit mit dem Schuhkonzern Humanic. Eine Grenzüberschreitung auf die der Künstler später nicht mehr gerne angesprochen wurde – und die dennoch bis heute als bahnbrechend gilt. 2006 widmete ihm das Belvedere eine umfassende Retrospektive. Eine Einzelausstellung zu seinem 85. Geburtstag war in der ZS-Art Galerie für November 2017 geplant.

Goeschl war mit der Künstlerin Ingeborg G. Pluhar verheiratet. Gemeinsam stellten sie 2013 ihre Arbeiten in der ZS-art Galerie unter dem Titel "Geometrie beredter Stille" aus.
 https://www.youtube.com/watch?v=NppD9SorqfI

 

 
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