Harding Meyer - Galerie Frey

30.10.14

„Harding Meyer gehört zu jenen Malern, die die medial vermittelten Wirklichkeitsebenen nutzen, um sich als künstlerische Kraft lautstark immer wieder aufs Neue zu positionieren.“
 

Harding Meyer, 1964 in Porto Alegre in Brasilien geboren und als Vierjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland übersiedelt, wo er von 1987 bis 1993 an der Kunstakademie Karlsruhe studierte, malt nach einer frühen abstrakten Phase seit Mitte der 1990er-Jahre Bildnisse nach Fotografien von Familienmitgliedern und Bekannten, später von anonymen Beauties aus dem Internet. Die unbekannten Gesichter erlauben dem Künstler die Freiheit, seinen eigenen Stil zu entwickeln. Die Vor-Bilder werden in einem aufwändigen, langwierigen Prozess auf die Leinwand übertragen: Meyer projiziert zunächst die Konturen der Fotografie auf den Bildträger und erarbeitet sich, über Monate hinweg, mit breiten Pinselstrichen und dem Einsatz von Spachteln das Gesicht Schicht für Schicht. Er trägt auf und verwischt bis zu fünfzehn Lagen Ölfarbe, wobei die einzelnen Schichten teilweise durchscheinen. Das flüchtige Computerbild wird in dauerhafte Malerei transformiert, unsere hochgeschwinde, digitale Welt durch künstlerische Fragestellungen und malerisches Handwerk entschleunigt.

Harding reduziert die Menschen auf das Gesicht, Hals und Haare sind vom Bildrand angeschnitten. Der Körper und die Hände, sonst so wichtige Instrumente des Ausdrucks und der (Selbst-)Inszenierung, fehlen. Die Porträtierten tragen die Spuren ihrer medialen Herkunft: Die pixelige Körnung von Digitalfotografie und Internetbildern findet ihre Entsprechung im Pinselduktus des Malers. Wie bei einer Fotovergrößerung werden die einzelnen Bildpunkte rasterförmig wahrgenommen, bis das Blow-Up zur malerischen Abstraktion führt, aus den monumentalen Gesichtern pulsierende Farblandschaften werden. Die Augen, markanteste Anziehungspunkte in einem menschlichen Gesicht, sind Ausgangspunkt seiner Malerei. Ähnlich wie der bedeutende englische Porträtmaler Lucian Freud beginnt auch Meyer das Bild „vom Auge aus“ zu malen. Der Blick in die Augen eröffnet einen zwischenmenschlichen Dialog – zwischen Porträtiertem und Künstler, Dargestelltem und Betrachter. Die formatfüllenden Gesichter auf den großen Gemälden von Harding Meyer nehmen über die Augen Kontakt zu uns auf, ansonsten zeigen sie keinerlei Mimik. Auf Augenhöhe gehängt, kann man sich ihrer Präsenz nicht entziehen. Wir erfahren nicht, wer sie sind, wie sie heißen, doch sie offenbaren uns ihr Inneres, ihre Seele durch die Augen. Durch den intensiven Malprozess erweckt Meyer die anonymen Vorlagen, junge Frauen, Kinder, manchmal auch Männer, zu Individuen.

Seit einigen Jahren konfrontiert uns der Künstler aber auch mit deformierten Gesichtern. Wie durch Morphing, einem computergenerierten Special-Effect, werden die Konturen und Physiognomien der Dargestellten verwandelt, verwischt, entstellt. Diese Zerrbilder erinnern an Francis Bacons expressiv-surrealistische Porträts, die die Qualen der menschlichen Existenz widerspiegeln. Bei den grotesken Verzerrungen denkt man aber ebenso an die heute nicht nur bei den Hollywoodstars beliebten Schönheitsoperationen, um mit wohlgeformten Nasen, aufgespritzten Lippen und maskenhaft glatter Haut den Anforderungen nach Jugendlichkeit und Perfektion zu entsprechen. In anderen Bildern sind die Gesichter wie durch Spiegelungen auf einer bewegten Wasseroberfläche verschwommen, Konturen der Augen und Wangenknochen vervielfältigen sich und erzeugen statt dem naturgetreuen ein surreal-verfremdetes Abbild.

Neben den anonymen Gesichtsdarstellungen, die er für seine Ausstellungen im In- und Ausland malt, nimmt Meyer, soweit es ihm seine Zeit erlaubt, auch private Aufträge für Bildnisse, überwiegend von Frauen und Kindern, an und stellt sich somit in die Tradition eines klassischen Porträtmalers. Seit 2007 wird der erfolgreiche Künstler, der in Karlsruhe lebt und arbeitet, exklusiv von der Galerie Frey in Österreich vertreten.

Seine aktuelle Einzelaustellung ist noch bis 10. November zu besichtigen.  

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